FIEBERHAFT
Was ist los mit unserer Sprache? Ganz klar: Wir sind in die Mühle eines Kartells geraten. Es ist das Sprachmüll-Kartell der Akademiker, Behörden, Politiker und Journalisten. Ob Wissenschaftstexte, Bescheide von Behörden, Statements von Politikern oder Zeitungsberichte: Das Kartell kämpft für langatmiges umständliches Deutsch. …
Suchen Polizisten nach einem vermissten Kind, suchen sie dann “fieberhaft”? Nur in den Medien. In der Realität suchen sie eben – mehr als suchen können sie nicht. Fahnden Staatsschützer “unter Hochdruck” nach Terroristen? Nur in den Medien. In der Realität fahnden sie eben.
Thilo Baum, 30 Minuten für gutes Schreiben
"Frühling, der Fluß ist eisfrei, die Sonne scheint,
Menschen gehen spazieren, überall.
Es ist Ostern."
Da hätte Goethe was anderes draus gemacht.
Es hat eben alles seinen Platz. Auch Verdeutlichungen,
Bekräftigungen und Ausmalungen, die die Phantasie
anregen.
Übel ist : "in keinster Weise", "150 Prozentig",
"voll daneben" , "absolut leer" , "drei mal lebenslänglich".
Ja, das soll ausdrücken, sie suchen wenigstens und legen den Fall noch nicht zu den Akten. Mir wurde mal ein Handy gestohlen und der Pin entschlüsselt. Neben einschlägigen 0190-Nummern wurde im Nachbarort mehrmals auf einem Festnetz-Anschluss angerufen. Lt. Einzelverbindungs-Nachweis Telekom. Die damalige Dorf-Polizei suchte angeblich danach, letztendlich wurde das Verfahren eingestellt. War es halt nicht mal Wert zu dem Haus hinzufahren und nachzuhaken, wer denn da zu so später Stunde mehrmals angerufen hatte, obwohl der Einzelverbindungsnachweis schriftlich vorlag.
1 Minute für besseres Deutsch:
Bitte überprüft den eigenen Sprachgebrauch auf die falsche Verwendung von "weil". Sogar Rufus Beck hat heute morgen im D-Radio Kultur mehrere Male mit "weil" einen Hauptsatz eingeleitet. "Weil" leitet aber Nebensätze ein, weil das nun mal so ist, und nicht, weil das ist nun mal so. Wenn man einen Hauptsatz anhängen möchte, dann bitte mit "denn", denn das ist nun mal so. Okay, Lanze gebrochen, gute Nacht!
Ein paar Stunden für gutes, lesenswertes Deutsch:
"Deutsch" von Wolf Schneider. Empfehlenswert für alle, die gelesen werden wollen. Unter anderem um sowas gehts da.
Zum schlechten Deutsch:
Wann kam eigentlich die Unsitte auf, dass es es in den Nachrichten keine Vergangenheit gibt? Ich bin jedesmal irritiert:
"Bei xy brennt es. Gestern brach ein Feuer aus,… "
Diese Konstruktion bietet bei deutschen Nachrichten keinen Informationenwert über die Dauer des Brandes!
Selbstverständlich gibt es Polizisten, die "fieberhaft" suchen oder "unter Hochdruck" fahnden – ab und zu. Gegen derlei Ausdrücke zur Verdeutlichung gibt es überhaupt nichts einzuwenden.
Es gibt halt auch Autoren, die fieberhaft nach angeblichem "Sprachmüll" suchen, um damit ein Buch zu verkaufen. Womit ich nicht sagen will, dass dieses Buch nicht nützlich sein kann – aber besser schreiben in 30 Minuten? Eher unwahrscheinlich.
Als "Sprachmüll" in einem Zeitungsartikel würde ich eher unsägliche Stellen wie die folgende bezeichnen: "Leser und Leserinnen beiderlei Geschlechts" (kürzlich gelesen im Artikel einer Würzburger Kollegin). Vor solchen Fehlern ist übrigens kein Journalist gefeit – schlecht nur, wenn es auch der Korrekturleser übersieht.
Statt "fieberhaft" ist auch oft zu lesen:
"mit Hochdruck"; "pausenlos"; "auf Hochtouren". Ein Boulevardblatt formuliert gerne: "Die Polizei raste zum Einsatzort".
Es gibt noch viele weitere solcher sensationsheischenden, zum Teil sachlich falschen Standardphrasen, die in der Polizei- und Gerichtsberichtserstattung stereotyp verwendet werden, zum Beispiel:
Das Opfer wurde brutal zusammengeschlagen [geht das auch sanft?].
Den Helfern/Rettern/Beamten/Einsatzkräften … bot sich ein Bild des Grauens.
In ganz Deutschland (Kleinkleckersdorf …) herrscht Entsetzen / Trauer / Wut/ Betroffenheit / Angst / Empörung / Unverständnis über die Tat / Ganz … steht unter Schock …
Die Polizei schließt nicht aus …
Polizist/StA sagte, dass er während seiner x-jährigen Dienstzeit noch nie ein solches … Verbrechen gesehen habe.
Blutbad konnte vermieden werden.
Viele Opfer, darunter x… Kinder/Kleinkinder …
Der Täter hat sich selbst gerichtet.
Der Täter stand unter Alkohol und Drogen.
Kritik am/an … wird laut/reißt nicht ab.
Der Angeklagte zeigte bei der Urteilsverkündung keine sichtbare Regung.
Das Gericht stellte außerdem die besondere Schwere der Schuld fest, was eine vorzeitige Haftentlassung ausschließt.
Die Staatsanwaltschaft hat Haftbefehl erlassen.
etc. etc.
Oh ja, schon richtig.
Heute füllt man die KölnArena mit 15.000 Zuschauern, wenn Bastian Sick eine Deutschstunde hält (während der lit.Cologne). An der Sprache ändert sich trotzdem nichts.
Interessanter zu dem Thema sind häufig Kolumnen von Max Goldt. Der hat sich schon vor Wolf Schneider über "fieberhaft" aufgeregt. Und vor allem über: "Es macht Sinn"!
Es gibt eine Phrase, die oft im Radio und Fernsehen zu hören ist, und bei der ich immer wieder gerne in die Antenne beißen möchte:
"…es wurden X Überlebende geborgen."
Überlebende werden gerettet. Leichen und Sachen werden geborgen!
Ich muss sagen, dass ich auch nicht immer hundertprozentig formal korrekt formuliere, aber einige Wendungen sollte man sich schon abgewöhnen (z. B. das schon zitierte "Sinn machen" oder "… muss abgeklärt werden" usw.).
Jedoch meine ich, dass Journalisten von seriösen Nachrichtensendungen (jetzt nicht Pro7, sondern WDR und Tagesschau) in der Lage sein sollten, solche Fehler zu vermeiden.
gut finde ich auch "schweben in höchster Lebensgefahr"…
oder auch "die weiblichen Leserinnen"
Bei "fieberhaft", "gigantisch" und "Jahrhundertflut" fällt mir immer wieder Victor Klemperers LTI ein