Von null auf Deutsch
Rechtsanwalt Lothar Müller-Güldemeister kennen sicher einige Leser. Er schreibt regelmäßig Kommentare im law blog – und Bücher. Jetzt hat er sich das Einbürgerungsquiz vorgenommen und die 100 Fragen beantwortet. Herausgekommen ist ein Buch über Deutschland, das sicher nicht nur Einbürgerungswillige interessiert. Von Null auf Deutsch in hundert Fragen ist ab nächster Woche erhältlich.

Grafik: Wojtek Fraczyk
Prima Sache, so ein Buch. Im verlinkten Vorwort schreibt der Herr Autor ja auch so einiges über Deutschland.
> Was mich betrifft, fällt mir die Antwort nach
> dem Warum nicht schwer. Ich liebe Deutschlands
> Sprache und Kultur, seine Liberalität und
> Rechtsstaatlichkeit, seine Vielfalt und
> Internationalität.
Sehr schöne Worte, da sollen sich die Ausländer mal anstrengen, kann ja so schwer nicht sein. Eines frage ich mich allerdings ernsthaft – nämlich wieso Herr Müller-Güldenmeister, wenn er denn unsere Liberalität und unseren Rechtsstaat so sehr liebt, gleichzeitig zu Kommentaren, wie dem unter
http://www.lawblog.de/index.php/archives/2006/01/13/wendts-welt/
auffindbaren kommt (Nr. 6, es ging um Bettelverbote in der Innenstadt):
> [...] aggressives, betrügerisches oder
> organisiertes Betteln – und in Deutschland,
> wo jeder Recht auf Sozialhilfe hat, ist
> Betteln eigentlich, weil nicht vorhandene
> Not vortäuschend, immer betrügerisch – finde
> ich nicht akzteptabel. Jede Sondernutzung
> öffentlicher Straßen und Plätze ist geregelt,
> da sehe ich nicht ein, dass Leute, die ihren
> Schnaps, ihre Zigaretten und ihre Hunde von
> anderen Leuten finanzieren lassen wollen,
> sich dort hemmungslos breitmachen dürfen.
Wenn Leute mit solchem Gedankengut angeblich die Liberalität und die Rechtsstaatlichkeit unseres Landes lieben, möchte ich nicht wissen, wie es um jene steht, die selbige hassen.
Ja, da kann man sicher lange und trefflich drüber streiten, wo die Freiheit des einen seine Grenzen an der Freiheit des anderen findet.
Trotzdem gut gegeben, schluck…
Ist nicht ganz das Hauptthema: Betteln ist ja einfach verpönt, das macht man nicht. Jeder Finanzbeamte könnte auf dem Heimweg (so ab 15 Uhr) sein Gehalt verdoppeln, nur durch Betteln. Er würde sogar noch seinen Zug zum Vororteigenheim kriegen, vielleicht einen später.
Betteln ist ein Mysterium, das sich dem akademisch Gebildetem nicht erschließt. Erfolg ohne intellektuelle Grundlage.
Aber die Liebe zum Rechtsstaat… da gab es einen Bundespräsidenten, der meinte, er könne (meistens) seine Frau lieben, aber doch nicht den Staat?
@Müller-Güldemeister:
Ja, ihr Kommentar hatte sich bei mir eingebrannt, weil ich einen Rechtsanwalt der Bettelei grundsätzlich als Betrugstatbestand sehen möchte für eine ziemlich harte Sache gehalten habe. Und Kollege "R." geht entweder von sehr, sehr niedrigen Beamtengehältern aus, oder aber er soll Beweise liefern. Und nebenbei, R., was es den Spruch betrifft…
> Betteln ist ein Mysterium, das sich
> dem akademisch Gebildetem nicht erschließt.
> Erfolg ohne intellektuelle Grundlage.
…da fällt mir eigentlich spontan nur "Paris Hilton" ein. Das ist nämlich auch Erfolg ohne jegliche intellektuelle Grundlage.
Zurück zum Thema: Ich finde die Idee eines Tests mit vorher verpflichtendem Unterricht übrigens ziemlich gut, mir wäre aber schon geholfen, wenn der Fokus einfach auf unserer heutigen Rechts- und Kulturordnung läge. Mir ist es viel, viel wichtiger, dass Einbürgerungswilligen ganz eindeutig klar gemacht wird, dass es z.B. ihre eindeutige Pflicht ist, Frauen als gleichwertig zu behandeln, dass sie keine Schwulen verdreschen dürfen o.ä., und dass Gewalttätigkeit ein absolut unakzeptables Mittel der Kindererziehung (und auch sonst) ist.
Wenn dieses Wissen klar vermittelt und abgefragt wird, ist mir das deutlich lieber, als angelernte Kenntnisse über den Kreidefelsen oder Heinrich Heine. Das kann man dann der nachfolgenden Generation um so besser in der Schule beibringen. ;-)
Den Testentwurf fand ich insofern unredlich, als dass selbst ein Gymnasiast, der gerade seine Abi-Vorbereitungen abgeschlossen hat, viele Fragen wohl kaum hätte beantworten können. Formalbildung hat durchaus einen Wert, aber halbwegs korrektes ethisches Verhalten ist in meinen Augen extrem viel wichtiger.
bei solchen kommentaren denke ich mir manchmal:
"Wer wählt eigentlich unsere Abgeordneten?"
oder ist das internet wirklich nur für intellektuelle gemacht, und von intellektuellen bewohnt? manchmal fühle ich mich wie auf dem athener marktplatz, und ein verschrobener kleiner mann redet unentwegt über die weisheiten des lebens, doch niemand hört ihn…
@ 3: Papa Heuss war das, wenn mich nicht alles täuscht.
Es war Gustav Heinemann, der gefragt wurde, ob er den Staat liebe.
Um es klarzustellen: ich liebe auch nicht den Staat, aber ich liebe Deutschland. Und zwar wegen seiner Sprache und Kultur, aber auch wegen seiner Rechtsstaatlichkeit und Liberalität. Das ist ein bisschen was anderes, als den Staat zu lieben, aber zugegeben, ich hätte es etwas präziser formulieren sollen…
Sehr geehrter Herr RA Müller-Güldemeister, Ihr Buch "Der Fall Foris" – Spitze. Ich wünsche Ihnen alles Gute.
Ob der Test jetzt alle zu prüfenden Kriterien erfasst (Einstellungen zu Frauen etc.) ist meiner Ansicht nach gar nicht der Punkt und sollte auch nicht in einem solchen Test abgeklärt werden.
Der Test soll zeigen, dass die Einbürgerungswilligen die deutsche Sprache beherrschen und sich zumindest teilweise mit der Kultur und Geschichte des Landes befasst haben, welchem sie als Staatsbürger angehören wollen. Und das ist schon eine Menge mehr, als viele Bewerber wohl bisher getan haben.
Was den Schwierigkeitsgrad der Fragen betrifft : sicher dürfte manche Stammtischrunde damit erhebliche Probleme haben, wenn ein Abiturient jedoch zu Schopenhauer nix einfällt, finde ich das höchst peinlich!
Nebenbei – wollen wir uns am Wissensstand unserer Stammtische orientieren und weitere Mitbürger dieses Niveaus einbürgern?
Ich finde es nicht schlecht, dass die Latte etwas höher gelegt wird! Staatsbürger wird man eben nicht "nebenbei".
Wobei sich mir dann aber die Frage stellt, ob mich das Wissen über einen verstorbenen deutschen Philosophen oder die Mittelgebirge zu einem besseren Staatsbürger macht?
Nebenbei bemerkt habe ich in meinen 13 Jahren Schule (Abitur – nicht mehrmals kleben geblieben) kein Wort von Herrn Schopenhauer geschweige denn von seiner Mutter gehört…
Meiner Meinung nach gehören in solch einen Einbürgerungstest Fragen/Aufgaben aus den Bereichen Politik, Sprache und Gesellschaft. Alles andere ist in der heutigen Welt (so traurig das auch sein mag) brotlose Kunst.
Wenn ich wissen möchte, welche Werke die Herren Goethe und Schiller berühmt gemacht haben, kann ich das problemlos nachschlagen. Aber zu verstehen, was gesellschaftliche Konzepte wie Presse-/Meinungs- und/oder Religions-Freiheit bedeuten ist für Einwanderer aus anderem Kulturkreis schon um einiges schwieriger.
Just my two cents…
Nachtrag:
Das hört sich jetzt an, als interessiere mich deutsche Geschichte und Kunst nicht. Das ist zum Glück nicht der Fall. Ich empfinde dieses "Allgemeinwissen" schon als sinnvoll und pflege auch, mich möglichst vielseitig zu informieren, aber trotzdem sehe ich es nicht als lebensnotwendig an.