Sehr geehrte Frau K.
Die FAZ schreibt einen Brief an Natascha Kampusch, im Namen der Medien:
Es ist unsere Aufgabe, über die Mißstände in der Welt zu informieren – und wir können in Ihrem Fall nicht einfach eine Ausnahme machen. Natürlich gibt es noch eine andere Antwort, denn wenn wir ehrlich sind, wissen wir längst nicht mehr, was das ist: die Wahrheit. Aber wir wissen, was die Leute lesen wollen, hören wollen, sehen wollen. Das reicht uns. Die Leute wollen das Neue, das Dramatische, das Ungewöhnliche, sie wollen den Eklat und den Skandal. Wir wissen nicht, warum, aber wir können nichts dagegen tun. Das Gesetz unseres Berufs heißt nicht: „Du sollst nicht lügen!“ Es heißt: „Du sollst nicht langweilen!“ …
Sie hatten gehofft, daß außerhalb Ihres Gefängnisses die Wirklichkeit wartet; jetzt stehen dort Kameras und Reporter. Die Flucht vor ihnen führt Sie erneut in die Isolation. Sie wollen nicht an die Öffentlichkeit, aber Sie haben keine Wahl: Ihre Freiheit heißt Öffentlichkeit. Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.
Das ist wohl die treffende Schlussfolgerung. Wenn Natascha Kampusch nicht ewig Verfolgte bleiben will, bleibt ihr nur eins, so lange sie es noch in der Hand hat: das große Interview im TV, die Serie im Print, das Buch, der Film. Oder waren ihre mittlerweile zahlreichen “Berater” wirklich so selbstlos, sich uneingeschränkt zur Verschwiegenheit zu verpflichten?
Alles hat zwei Seiten.
Eine völlige Medienabstinenz wird Frau Kampusch nicht durchziehen können – schließlich hat ihr Fall schon vor acht Jahren zu erheblichem Wirbel gesorgt, laut Berichten haben sich damals Tausende auf die Suche nach dem verschwundenen Kind gemacht.
Spannend finde ich unerwartete Zusammenhänge. So kann man über Prominente lästern, die Fotos von ihren schönsten/intimsten Momenten meistbietend an ein Medium verscherbeln. Allerdings hat das den Nebeneffekt, dass das kaufende Medium eifersüchtig drüber wacht, dass niemand anders seine Kameras postiert. (Es gab zum Thema auch mal eine Folge der kongenialen Trash-Serie "Die Reporter".) Den gleichen Mechanismus könnten die Berater von Frau Kampusch nutzen.
Erschreckend, was da durchblickt. Und das man offensichtlich dabei ist, das Falsche zum Notwendigen zu machen. :-(
Sorry, vergessen einzufügen:
http://unkreativ.twoday.net/stories/2616224/
Großer Blödsinn.
Natürlich können wir eine Ausnahme machen. Gerade das unterscheidet uns vom Tier.
Wir können bestimmen, ob wir uns von der Neugier treiben lassen oder ob wir einfach mal eine gute Geschichte nicht bringen. Niemand ist gezwungen, etwas zu schreiben (auch wenn das, was geschrieben wird, die Wahrheit wäre).
Seien sie doch ehrlich, liebe Medien. Sie schreiben, weil sie es verkaufen wollen. So einfach ist das. Und heute kann man es teuer verkaufen als morgen. Wenn man anständig ist, dann verdient man weniger.
Insbesondere den Satz "Ihre Geschichte ist unsere Geschichte." finde ich einfach nur erschreckend.
Ich bekomme regelmäßig einen Hals, wenn ich lese, dass sich gewisse Leute – vorzugsweise Prominente – auf ihre Persönlichkeitsrechte berufen.
In diesem Falle wünsche ich der Betroffenen jedoch einen guten Anwalt, welcher ihr in äußerst effizienter Weise hilft, ihre Persönlichkeitsrechte und das damit verbundene Bedürfnis nach Privatsphäre (es handelt sich hier schließlich nicht um eine Person, die analog einem Prominenten die Öffentlichkeit gesucht hat) zu wahren!
Ich bin als Teil der Öffentlichkeit jedenfalls nicht daran interessiert, etwas zu erfahren, was diese Frau für sich behalten will!
Lass doch das "arme Ding" in frieden, hat sie nicht schon genug gelitten?
Ich hasse mich selbst dafür, dass ich nicht sofort umschalte, wenn ich Berichte, darüber, im Fernsehen sehe!
Rege mich immer wieder darüber auf, wie hier regelrecht eine Hetzjagt auf das arme Mädchen losgeht!
Leute kauft keine Zeitungen wo dieses Thema schon auf der Titelseite steht!
Nur so geben die Medien, vieleicht mal ruhe!
Am besten stillbleiben und abwarten, bis eine neue Sau durchs Dorf getrieben wird. Wenn dann der Stern in fünf Jahren nochmal für seine "Was wurde aus"-Seite nachfragt kann man den auch noch abwimmeln.
Für mich ist es ein Armutszeugnis, das die FAZ quasi öffentlich zugibt, die Sensationsgier über die Wahrheit zu stellen.
Weil die Leser das lesen wollen……
@2/3 ack. Ich finde, dieser Brief ist (zumindest denen gegenüber, die den ersten Brief nicht kennen) erstaunlich offen gerade in Bezug auf einige Abgründe unserer Medienlandschaft.
Ich finde es irritierend ein Armutszeugnis unserer Gesellschaft gerade von den Medien zu lesen.
Was K. angeht, hoffe ich einfach, dass sie ihren Willen kriegt – wobei Udos Schlussfolgerungen auch zutreffen – auch wenn dies ebenfalls kein so gutes Licht auf die Gesellschaft wirft (jedenfalls von meinem Standpunkt betrachtet).
Ist dieser Artikel ernst gemeint oder Satire?
Ich schalte sogar um, aber der Ekel über "die Medien" und das Gefühl des "fremdschämens" bei solchen Artikeln wie dem hier verlinkten bleiben. Von allem, was ich so lese, hat sich auch grade die FAZ dadurch hervorgetan, jeden Schnipsel an Information immer wieder zu drehen und zu wenden und veröffentlichen – zunächst sensationslüstern und aufmerksamkeitheischend mit dem Namen von Frau K. in der Überschrift, später dann verschleierter und vorgeblich "kritisch" oder oberflächlich "sachlich". Und immer wieder garniert mit Analysen. Auch das jetzt ist doch nichts als eine weitere Möglichkeit, den "berühmten" Namen zu verwenden. In dem Artikel steht nichts neues und nichts wesentliches – nicht für die "Öffentlichkeit" und schon gar nicht für Frau K. Dass Reporter sich um jeden Preis finanzieren – und der Preis dürfte hier ja erheblich sein -, dass Medien gewissenlos und voyeuristisch sind wie deren Konsumenten, … Wussten wir alle schon. Dass Herr Staun sein Zeilenhonorar vermutlich nicht dem weissen Ring spenden und sich anschließend nur noch um seinen eigenen Kram kümmern wird, darf man wohl annehmen. (Und sollte er spenden, dann wird von der Scheckübergabe wohl ein Kollege berichten.)
Und es wirkt ja. Ich habe viel mehr von dem Mist gelesen, als ich mit meinem Anspruch an mich vereinbaren kann. Herr Vetter nutzt wiederholt den Namen und das Thema, diverse andere Blogs – und jetzt auch ich – äußern sich. Vorgeblich kritisch oder mitleidig … Letztlich stellen sich alle mal kurz neben den Star und lassen ein Photo machen.
Für mich überraschend ist allerdings, dass bei Spiegel Online weitgehend Ruhe herrscht.
@Angor (#9)
Ich glaube, da steckt ein wenig mehr hinter dem Artikel… Ich halte ihn mehr für einen vorgehaltenen Spiegel. Vielleicht irre ich, traue der FAZ zu viel zu oder glaube noch zu sehr an das Gute, aber ich denke hier geht es mehr um die sensationsgeile Gesellschaft…
Diesem armen Mädchen bleibt möglicherweise nur eine Möglichkeit: Sie sollte einen Exklusivvertrag mit einem einzelnen Medium schließen und diesem berichten, was passiert ist. Unter Berufung auf diesen Exklusivvertrag hat sie dann mit größter Wahrscheinlichkeit Ruhe vor den anderen Medien. Vermutlich noch ein bisschen Gemaule, dass sie ja so geldgeil sei. Aber das ist dann nur der Neid derjenigen, die nicht zum Zug gekommen sind. So läufts nun mal in der heutigen Mediengesellschaft. That's business….
@14 Du hast schon recht, so läuft das nunmal, that's business. Schrecklich! Dieses Arme Mädchen möchte vielleicht gar an keinem Geschäft teilnehmen, ob da andere ein Geschäft wittern oder nicht, das sollte schon Geachtet werden, auch wenn da business mit zu machen ist. Denn ich stimme da Kommentar 4 zu, wir können entscheiden!
Wie oft wollt ihr noch das Schlagworte "arme Mädchen" verwenden?
in meinen augen ist dieser brief erpressung. und zwar in der art wie sie sonst von als weniger seriös geltenden publikationen praktiziert wird: " entweder du arbeitest mit uns zusammen / erzählst uns, was wir wissen wollen, oder wir schreiben über dich was wir wollen, ob wahr oder nicht, hauptsache es verkauft sich /wir zeigen dir mal, wer hier am längeren hebel sitzt.
ehrlich wäre gewesen: sie haben zwar die freiheit öffentlichkeit oder nicht zu wählen, aber ihre geschichte ist unsere auflage / unser umsatz, daher können wir auf einzelschicksale keine rücksicht nehmen.
was letztendlich natürlich ein schlechtes licht auf (mehr oder weniger) uns alle wirft – denn wenn es keinen markt gäbe, dann würde auch so gut wie keiner drüber berichten.
Die Vermarktungs-Strategie wäre der Dame sogar mit guter Beratung zu empfehlen, damit sie das nötige Startkapital bekommt, sich wieder in die Ges. zu integrieren.
Also das ganze ist doch so überspitzt formuliert, dass man es doch nur als Kritik an den Medien verstehen kann und keinesfalls ernst gemeint ist. Wo bleibt das Verständnis für Ironie?
@ Nr. 13 (Stefan) & Nr. 19 (Dirk):
Ich hoffe, Sie beide haben recht. Als ich diese Zeilen gelesen habe, dachte ich unmittelbar "guter Trick, einfach schreiben, wie schlecht man ist, wenn man sensationslüstern über Natascha K. schreibt ANSTATT über Natascha K. zu schreiben."
Selbsterkenntnis ist ja bekantermaßen der erste Schritt zur Besserung. Es ist wohl unstrittig, dass BILD solche Zeilen nie veröffentlichen würde, oder?
Wo wir gerade bei Selbsterkenntnis sind: Auch ich bin stark an dem Fall interessiert, weil er in meinen Augen unvorstellbar grausam ist. Und von einem scheinbar intelligenten und (nahezu) perfekten Täter verübt wurde.
Ich habe sogar schon die Theorie entwickelt, dass der Täter in Wirklichkeit sich nicht vor den Zug geworfen hat, sondern uns alle an der Nase herumführt. Selbst so abwegige Dinge wie "versteckt gehaltener eineiiger Zwillingsbruder vor den Zug geworfen" spuken durch meinen Kopf.
Ich weiß zwar intelektuell, dass die Gefahr, dass meine Kinder einer Straftat zum Ofer zu fallen, geringer ist als einem Unfall – emotional habe ich trotzdem viel mer Angst vor Straftaten. Und daher das Interesse an dieser absurden Tat.
Ich meine das, was ich geschrieben habe, vollkommen ernst und möchte es ohne jede Ironie und Zynismus verstanden wissen.
Mich hat gerade ein Kollege angemailt, und mir gesagt, dass aus meinen Zeilen nicht hervorgeht, dass ich den Zynismus des Harald Staun – ander reden von Ironie, dass ist mir hier zu schwach – als solchen wahrgenommen habe.
Ich würde allen Kommentatoren empfehlen, erst den ganzen Artikel zu lesen und nicht nur den Vetter'schen Auszug. Der ist zwar IMO sehr gut gewählt, ist aber nur für sich stehend nicht unbedingt von jedem sofort als zynisch erkennbar.
Eine schöne Abhandlung über die Medienwirklichkeit. Vielleicht auch als Lückenfüller gedacht, so gibt die FAZ Frau K. doch die passende Lösung in die Hand:
"Es gibt einen beunruhigenden Verdacht, der aus Ihren Zeilen spricht, einen Verdacht, der ungeheuerlicher ist als jede Grausamkeit, die wir uns vorstellen können: der Verdacht nämlich, daß selbst in Ihrer unvergleichlichen Situation so etwas wie Normalität möglich war."
Je langweiliger die Schilderung, desto schneller stirbt das "Medieninteresse". Im Augenblick hetzen sich die Journalisten ab, weil jeder möglichst viel und möglichst schnell wissen will. Und nichts kommt.
"Medieninteresse" deshalb, weil der FAZ Artikel vielleicht selbstkritisch klingt, aber doch eines klar ausdrückt: Was in der Zeitung steht, entscheidet der Leser. Mit dem Geldbeutel an der Tankstelle, dem Kiosk oder Supermarkt.
@ Markus Thielmann: Der Autor des Artikels meint mit dem Satz etwas anderes, nach meiner Meinung noch bedrückenderes. Nämlich, dass sich das Sentiment auch zum Nachteil von Natascha K. drehen kann. Dann wird aus dem Opfer eben die "starke Persönlichkeit". Aber eine, die den Täter zu einem bestimmten Zeitpunkt in gewissen Bereichen mehr gesteuert hat als umgekehrt. Dann wird der Fall eben auf der Metaebene abgehandelt: Adam und Eva, Lolita, wer bietet bessere Urkonflikte und schlüpfrigere Vergleichskonstellationen?
Nach dem ersten Lesen war ich doch auch sehr verblüfft über die Äußerungen des Herr Staun und habe natürlich schon rein aus humanistischen Reflexen den Artikel als unverschämt, unfair und weis nicht noch alles empfunden.
Wenn man den Artikel en detail durchliest, wird indes der gewollte Zynismus deutlich. Elemente wie die Briefform als Abstraktion und Kontrast zu einem "normalen" ernsthaften Artikel und das kontinuierliche Wiedergeben des demagogisch wirkende Pauschalwort "wir", welches ja mittlerweile allumspannend in den Medien (insbesondere im Boulevard) bemüht wird, umreißen diesen Eindruck.
Die Frage, die mir mit sehr nachdenklichen und kritischen Habitus beim Lesen gestellt habe, ist die, ob Zynismus in diesem Moment als Replik des Briefs Frau K.s abgebracht ist. Wäre eine "würdevollere" Reaktion des Briefes nicht viel statthafter gewesen, die Frau K. intellektuell fordert und bereichert ? (bis eben auf das Erkennen der zynistischen Kritik an die Berichterstattung der Medien)
Man könne Herrn Staun z.B. diesbezüglich kritisieren, dass er sein Brief ohne Objektivität und Einbeziehung aller Sachverhalte sein Brief ausgeschmückt hat. Das das recht augenscheinlich für jeden ist, sei nochmal erwähnt: Es gibt inhaltlich facettenreicheren Zynismus als der Herrn Stauns, einer der auch wirklich intelligent kritisiert. Das ist ein wirkliches Versäumnis und macht den Artikel sehr unlesbar.
Obgleich man auch mit seriösen Aufforderungen zum ordentlichen Journalismus die gesamte Medienwelt heute bedauerlicherweise nicht erreichen und verändern kann, solle man mit hintersinnigen, humorigen Briefen, die man missinterpretieren kann, nun nicht noch ein Trend einläuten, der mit einfallsreichen Stil nach der nötiger Aufmerksamkeit heischt.
Die Situation wäre leicht vorstellbar, in der sich Redakteur zu Redakteur selbst mit Einfallsreichtum überbietet…
Die F.A.Z., die ich seit knapp zwei Wochen im Probeabo lese und bisher nach kompletten Auslesen als recht objektiv angesehen habe, müsse diesen Artikel als Schmach ihrer journalistischen Qualität verstehen. Diesen Artikel hat diese löbliche, bürgerliche Zeitung, die mich täglich bis abends beschäft, nicht verdient.
Ich kann nur dringend empfehlen, den ganzen Brief zu lesen. Die Auszüge hier im Blog legen nahe, dass die FAZ die Fratze einer journalistischen Berufsauffassung enthüllt hätte, mit der sie sich mehr oder weniger auf eine Stufe mit einem Drecksblatt wie der BILD gestellt hätte. Tatsächlich handelt es sich wohl doch eher um eine – allerdings merkwürdig verklausulierte – Medienkritik, bei der vor allem der Gebrauch des Pronomens "wir" verstört, mit dem der Autor (und damit indirekt die FAZ) sich doch wieder als Teil der kritisierten Auswüchse zu outen scheint.
Unabhängig davon bleibt festzuhalten: Was auch immer die Ansprüche und Interessen der Medien sein mögen – jeder Mensch hat ein unantastbares Recht auf seine Privatsphäre (solange er es nicht freiwillig aufgibt) und kein Mensch ist verpflichtet, sein Privatleben vor der Öffentlichkeit zu enthüllen (solange er es nicht freiwillig tut). Das gilt selbstverständlich auch für Frau Kampusch.
[Ihre Geschichte ist unsere Geschichte.]
….. und weil uns ihr Trauma einen Haufen Geld bringt, hoffen wir, daß es ihnen noch lange ziemlich dreckig geht. Zumindest so lange, wie sich damit Auflage machen läßt…..
@23: [Dann wird der Fall eben auf der Metaebene abgehandelt: Adam und Eva, Lolita, wer bietet bessere Urkonflikte und schlüpfrigere Vergleichskonstellationen?]
Wenn die "Quelle" nicht (schnell genug) das Gewünschte hergibt, werden die dafür bekannten Dreckschleudern die Story drucken, welche die höchste Auflage bringt und den größten Spielraum für weitere "Enthüllungen" hat.
Hoffentlich findet sich für das Mädel ein cleverer Anwalt / Berater, der für sie möglichst viel Geld dafür herausschlägt. Er sollte aber schnell sein, in 6-8 Wochen ist das Thema durch.
Gruß A. John
@20 und folgende: Ich gehe davon aus, dass der gemeine FAZ-Leser fähig ist, diese Ironie oder auch diesen Zynismus zu erkennen und zu verstehen.
"Wenn Natascha Kampusch nicht ewig Verfolgte bleiben will, bleibt ihr nur eins, so lange sie es noch in der Hand hat: das große Interview im TV, die Serie im Print, das Buch, der Film."
Das ist viel zu einfach gedacht. Warum soll man sich den Regeln der Medien zu unterwerfen, Regeln Dritter also? So kann man ein "Spiel" gegen Profis nicht gewinnen. Bevor man sich also voyeristischen Journalisten ausliefert, empfiehlt es sich erst einmal die Regeln zu ändern. Wer zwangsweise acht Jahre warten mußte freie Luft zu schnuppern, der kann vermutlich gut noch ein paar Wochen (oder auch Monate) warten, bis er davon volständig Gebrauch macht, nachdem das bisherige Haupthindernis ja tot, also beseitigt ist. Die Meute wird sich zerstreuen, spätesten dann, wenn anderwo leichter Beute zu machen ist.
Deutlicher kann man dem Publikum eigentlich nicht mehr sagen, wie krank der Voyeurismus ist – und ein Großteil des Publikums kapiert es trotzdem nicht.
Das ist bitter.
Gönnt dem Mädel seinen Frieden, das Leben draußen ist schlimm genug.
@25: Gerade das "wir" finde ich in diesem Artikel sehr gut. Schließlich gibt der Autor dadurch zu, dass er und die FAZ-Redaktion im Kern genau das selbe tut und nicht "besser" als z.B. "Bild" ist. Für soviel Selbstkritik braucht es durchaus einen gewissen Mut.
@30
Ich glaube, um sich mit so einem "Brief" an eine Person in der Situation von Frau K. zu wenden, braucht es vor allem Sadismus und Mitleidlosigkeit. Auf die Bitte um Rücksichtnahme zu antworten "Du bist eine viel zu gute Geschichte – und wir sind stärker als Du" ist, selbst unter dem fadenscheinigen Deckmäntelchen der Selbstreflektion, nicht weniger als brutal. Was der Schreiberling ja auch deutlich sagt.
Ich bleibe bei der Sichtweise, dass der Autor nur einen Voyeurismus bedient, der sich grade den Anschein von Mitgefühl gibt. Noch.
[…] Diese Äußerungen führen nun zu – mutmaßlich auf Mißverständissen beruhenden – Fraternisierungen und regen Diskussionen in den Kommentaren der FASZ, aber auch bei medienrauschen und lawblog, sowie Distanzierungen bei vanity und vasili … […]
Ich möchte mich mit einem Zitat beteiligen, genauer einem Lied, das sich eben mit dem Thema (weitgehend) beschäftigt und einen Punkt anspricht, der hier von allen unter den Tisch gekehrt wird.
(Weena Morloch – Schande)
Das ist für alle, die hier immer mit armen Mädchen argumentieren.
Ja, natürlich ist sie das, aber sie selbst empfindet das nicht so. Sie hat ihre einzige Bezugsperson ihrer gesamten Jugend verloren, deswegen ist sie ein 'armes' Mädchen. Sie will das Haus, als Wiedergutmachung. Ich hab mich auch gefragt, will die darin leben!? Ja, natürlich will sie darin leben, es ist ihr Zuhause. Schrecklich? Vielleicht. Aus ihrer Sicht verständlich.
Und wenn es einen Grund gibt, sie nicht der Öffentlichen Jammerei auszusetzen, dann den, dass sie vielleicht nicht so Enden muss, wie das Mädchen in dem Lied, zwanzig Jahre nach der Entführung.
Die Menschen, die Medien, die ja alle soviel Mitleid haben, richten vielleicht jetzt im Nachhinein mehr Schaden an, als der böse Entführer in den letzten acht Jahren.
Und an alle, die hier so gegen die Medien wettern: bitte, ehrlich, ihr lest die Zeitung, ihr seht fern, ihr grast das Netz nach den neuesten Nachrichten ab, und dann kommt so eine Geschichte, die so 'unglaublich erschütternd' ist, und plötzlich schreien wieder alle nach Moral und Anstand.
Menschen sind wilde Tiere in Anzug und Krawatte, die sich wie die Geier auf die Beute stürzen und nichts übrig lassen und sich anschliessend hinstellen und sich wundern 'wie konnte das passieren', während sie sich noch das Blut von den Händen wischen.
Die Medien bedienen sich nur dieser Mechanismen, um den wilden Tieren das Geld aus der Tasche zu ziehen [und das Gejammer wär gross, wenn die Medien aufhören würden, vom Unfall gestern zu berichten, vom Hausbrand zwei Strassen weiter, etc - das ist nämlich für die Betroffenen ebenfalls traumatisch].
Das für einen konkreten Einzelfall jetzt irgendwie anders sehen zu wollen, das ist unmoralisch – sich selbst gegenüber.
velvet
Hmm, seltsam, rausgefiltert der Text…
nochmal (sorry für den Fast-Doppeleintrag)
Mädchen:
Ich habe gedacht, Sie würden sich bestimmt belästigt fühlen, wenn ich gestehe, dass ich die ganze Zeit auf ihren Anruf gewartet habe. Ehrlich, Sie wiederzutreffen, hätte ich nie gedacht.
Mörder:
Es ist an der Zeit in einem dreckigen Haus zu kehren
Und sich mit dem letzten Funken Willen gegen das was war zu wehren
Es ist an der Zeit, sämtliche Brücken zu verbrennen
Und sich von der alten Haut, von der Erinnerung zu trennen
Manchmal kommt die Zeit – Und dazu reicht ein Kuss -
In der man sich zum Weiterleben Wieder einmal töten muss
Nach allem was mit mir geschah, Ist mir bis heute nicht mal klar,
Welcher von den vielen Morden Nun die schlimmste Hölle war
Die Schande meines eigenen Lebens Lastet schwerer als man glaubt
Sie ist es, die mir jedesmal Erneut den Boden raubt
War mein Finger auch am Abzug War mein Bein auch schon im Grabe
Steht Am Ende, ohne Punkt und Komma, doch: Verdammt, ich lebe noch
Es ist an der Zeit, sich zu der Zukunft zu bekennen
Die schönen Regeln zu vergessen,
Die, die zu mir standen zu benennen
Es ist an der Zeit, den Kelch in einem Zug zu lehren
Wie ein Phönix ohne Furcht
Sich selbst im Feuer zu verzehren
Manchmal kommt die Zeit, – Und dazu reicht ein Kuss -
In der man sich zum Weiterleben Wieder einmal töten muss
Nach allem, was mit mir geschah Ist mir bis heute nicht mal klar,
Welcher von den vielen Morden Nun die schlimmste Hölle war
Die Schande meines eignen Lebens Lastet schwerer als man glaubt
Sie ist es, die mir jedesmal Erneut den Boden raubt
War mein Finger auch am Abzug War mein auch schon im Grabe
Steht am Ende ohne Punkt und Komma doch: Verdammt, ich lebe noch.
Mädchen:
Ich konnte all die Jahre überhaupt nicht unglücklich sein.
Denn ich… ich kenne ausser Unglück doch gar nichts
Das grosse Glück erscheint selten
Nur die Hoffnung ist unser Glück des Alltags
Und das Ende all unserer Sehnsüchte
Ist leider meistens nur der Tod
Nichts gegen das Schicksal von Frau K,
aber wenn das stimmt:
was berichten uns die Medien dann bei den wirklich sehr wichtigen Dingen die in unserer Welt vorsichgehen?
Was stimmt im Irak oder in den USA, im Fall des Iran in Afghanistan, in CIA Gefängnissen, im Libanon….
wir sind erschreckt
und wollen wissen was passiert ist
aber sie hat 8 jahre warten müssen
sie hat respekt verdient
Ich empfehle zu diesem Thema folgenden Link.
tagesschau.de/aktuell/mel...5512_REF3_NAV_BAB,00.html
Der Kommentar spiegelt sehr gut meine Meinung wieder.
Dass man sich für das Schicksal der Frau Kampusch interessiert ist nachvollziehbar, genauso selbstverständlich sollte allerdings sein, dass man diese Geschichte nicht bedingungslos ausschlachtet und kommerzialisiert.
Frau Kampusch hat so wahnsinnig viel durchleben und durchleiden müssen, dass die Öffentlichkeit verpflichtet ist, ihr Zeit zum Verarbeiten zu geben.
Die Welt bekam ihr Interview aber jetzt sollte man nicht weiter "bohren" und Gras über die Sache wachsen lassen.