Grass klagt gegen die Wahrheit
Günter Grass ist ernsthaft der Ansicht, dass er die Diskussion um seine Lebenslüge mit der Keule des Urheberrechts eindämmen kann. Er hat eine einstweilige Verfügung gegen die FAZ beantragt, weil die Zeitung zwei Briefe aus den Jahren 1969 und 1970 von ihm veröffentlicht hat. In den Schreiben forderte Grass den SPD-Politiker und Minister Karl Schiller auf, seine (Schillers) NS-Vergangenheit offenzulegen.
Die Briefe waren an das Büro des Ministers adressiert, berichtet Spiegel online. Außerdem sollen sie bereits in einer Dissertation zitiert worden sein. Dennoch meint Grass, die Briefe seien “persönlich” gewesen und hätten nicht publiziert werden dürfen.
Da kann man wirklich nur noch staunen. Und hoffen, dass sich die Erben der Heydrichs, Himmlers, Görings und Franks nicht ein Beispiel an Grass nehmen. So könnte man ja glatt dafür sorgen, dass mit den Jugendjahren des Herrn Grass noch viel mehr wieder ins Dunkel abgleitet.
Ich glaub' nicht, dass der Grass in der SS war. Niemals! Das ist doch alles eine Verschwörung. Was kommt denn als nächstes? "Der Papst war in der HJ." oder was?
Grüße!
Es ist lächerlich, wenn ein Schriftsteller meint, anderen das publizieren von unliebsamen Wahrheiten verbieten zu müssen.
Im Falle einer moralischen Instanz (?) wie Grass ist das besonders peinlich.
Und im konkreten Fall ist es einfach nur noch absurd.
Man stelle sich vor:
1. Grass war als junger Mann in der SS.
2. Schiller war als junger Mann in der SA und hätte das gerne unterm Deckel gehalten.
3. Grass schreibt ihm Briefe, in dem er an Schillers Gewissen appeliert, zu seiner SA-Mitgliedschaft zu stehen. Und zwar mit dem Argument, der Diskurs sei für die geistige Hygiene Deutschlands wichtig. Halbherzig macht Schiller das dann auch.
4. Grass selbst gesteht seine eigene SS-Mitgliedschaft 60 Jahre lang nicht ein.
5. Nun hat er es kurz vor Torschluss doch noch zugegeben – und die FAZ will darüber diskutieren. Unter anderem auch mit Hilfe von Brief, die Grass selbst zu just diesem Thema geschrieben hat.
6. Nun aber ist der Diskurs der geistigen Hygiene der Nation auf einmal nicht mehr förederlich und Grass versucht ihn mit juristischen Mitteln zu unterbinden – also mit Mitteln, die der von Grass attackierte Schiller seinerzeit übrigens nicht verwendete.
…
Der verlinkte Artikel ist nicht der einzige FAZ-Artikel zum Thema – die Ausgabe hatte ich zufällig gelesen. Auf der Titelseite hatte sich die fAZ mokiert, dass Grass in einem Brief an Schiller die steuerliche Absetzbarkeit von Interviewkosten verlangt hatte. Das wird wohl der Grund des Grolls gewesen sein…
Mal ganz unabhängig vom konkreten Einzelfall und von der Person eines Schrifstellers:
Manchmal ist es wohl besser zu schweigen. So kann man seine Mitmenschen in dem Glauben lassen, man wäre noch die geistige Größe, die man (vielleicht) mal war.
Man kann sich aber zu Dingen äußern und der Welt beweisen, daß man in Idiot (geworden) ist.
Oder um es mit Forrest Gump auszudrücken: "Dumm ist, wer Dummes tut!"
Abgesehen davon, dass Grass kein "junger Mann" war, sondern 15-16 – selbst heute gälte er damit noch als Teenager und halbes Kind -, und damals die Jugendlichen erst viel später geistig und körperlich "reif" wurden als heute – das ist erwiesen!, stellt sich hier die Frage nach den rechtlichen Aspekten. Und da ist das Urheberrecht meines Wissens entkoppelt von den Argumenten, die hier fallen. Und das Persönlichkeitsrecht ist wieder was anderes. Nur weil etwas, was in einem urheberrechtlich geschütztem Werk steht (und urheberrechtlich geschützt ist ein Textwerk, wenn es die nötige Schöpfungshöhe hat, das ist sehr bald der Fall in der Regel) für die Öffentlichkeit interessant wäre, heißt das nicht, dass damit das Urheberrecht aufgehoben ist. Denn die Infos kann man auch ohne wörtlichen vollständigen Abdruck bringen, das kann man paraphrasieren oder Teilzitate (die im Rahmen des Zitatrechts fallen dürfen) bringen. Meines Wissens gibt es auch andere Regeln für wissenschaftliche als für sonstige Publikationen, sodass was in einem wissenschaftlichen Werk erlaubt ist, nicht automatisch auch in gleicher Weise in Massenmedien zitiert werden darf.
Was ich einfach nicht verstehe ist, warum muss man so extrem darauf rumreiten muss, das er bei der SS war. Die Vergangenheit kann man nunmal nicht mehr ändern und das Grass ein überzeugter Nazi wäre, kann man nun wirklich nicht behaupten. Ich denke wir alle haben Punkte in unserer Biografie auf die wir alles andere als Stolz sind und am liebsten für immer begraben würden. Von daher sollten sich die Kollegen von der FAZ mal überlegen wie es wäre, wenn man ihre Vergangenheit in der Öffentlichkeit breitreten würde.
Generell vermisse ich in der heutigen Medienlandschaft einfach den Respekt vor dem Individuum (siehe Fall Natascha). Irgendwie wird mittlerweile alles bis zum bitteren Ende ausgeschlachtet, solange es irgendwie noch Quote bzw. Auflage bringt. Ich denke es würde allen gut tun, wenn es mal wieder zu etwas mehr Zurückhaltung und Distanz kommt.
@Thomas:
Es geht hier nicht um Punkte in der Biographie, auf die wir nicht stolz sind, sondern darum, daß sich jemand zur "moralischen Instanz" aufspielt und von anderen Dinge erwartet die er selbst nicht bereit ist, zu tun. Grass hat von Schiller verlangt, sich zu "outen", er selbst hat es erst nach 60 Jahren getan. Das spricht nicht für seinen Charakter. Und jetzt gegen die Aufklärung des Sachverhalts gerichtlich vorzugehen ist m. E. das allerletze…
Im übrigen halte ich es immer für problematisch, wenn Schriftsteller sich zu politischen Themen öffentlich äussern und sich damit zur "moralischen Instanz" aufzuspielen. André Heller ist in österreich auch so einer… Nur weil jemand Schriftsteller oder Philosoph ist, so kann er eine tagespolitische Frage noch lange nicht besser beurteilen, als jeder beliebige andere; er kann seine – bescheidene – Meinung i.d.R. nur besser formulieren…
Rudi erliegt hier der gleichen Vereinfachung, die die FAZ zu verbreiten versucht. Grass hat sich mit dem Thema sicherlicher intensiver auseinandergesetzt als viele derjenigen, die jetzt die FAZ und Konsorten lesen und denken "Der hat's gerade nötig." Auf diese Weise könnte man jedwede Kritik als unzulässig zurückweisen.
Aber man könnte sich auch fragen, was das Interesse derjenigen ist, die jetzt über Grass herziehen. Die hätte man viel früher entlarven müssen, *das* war Grass' Fehler.
@ Nr.1 (Hootch): Herrlich! :-D
Meiner Meinung nach (hach, hab ich nicht schön von Udo gelernt, wie man Meinungen formuliert? Lobt mich mal :-)), also, meiner Meinung nach zeigt Grass in der ganzen Diskussion eine ekelhafte Bigotterie. Mein Eindruck ist, er zeigt genau jene Bigotterie gegen die er immer wieder angeschrieben hat. Für mich stellt er sich damit als bigotter anti-Bigotterist dar, Bigotterie zum Quadrat. Solch ein Verhalten finde ich ekelhaft.
Es ist für mich nicht seine SS-Zugehörigkeit, oder nur im geringen Maße, sondern sein Umgang damit, im Vergleich zu seinen Forderungen an andere in ähnlichen Situationen, der mir ganz gewaltig aufstößt.
Er scheint jetzt ein Moraldiskussion mit rechtlichen Mitteln lösen zu wollen. Genau jene Art von Moraldiskussion, die er selber sonst gerne gnadenlos geführt hat – wenn sie andere betraf. Pfui sag ich.
das jm. unter den damaligen umständen in der ss (oder bei der der hj oder wo auch immer) war halte ich persönlich bis zu einem gewissen grad für tolerierbar bzw. sogar für verständlich. wenn allerdings jm. andere für diese *verfehlungen* öffentlich denunziert, moralische vorhaltungen macht, dafür preise (nobelpreis!) kassiert, letztendlich aber nicht besser war, sollte er sich nicht wundern, wenn er jetzt kritisiert wird.
@6 (Thomas)
Ich bin sicher, daß Grass Mitgliedschaft in der Waffen-SS nie zum Thema gewesen wäre, hätte er sie nicht selbst thematisiert. Grass selbst bestimmt, was und wie er mit der Wahrheit umgeht.
Bei Menschen, die stets Wasser predigen und dann mit Wein erwischt werden, werden deren eigenen moralischen Maßstäbe angelegt. Und wer an andere immer besonders strenge Maßstäne angelegt hat, der muß diese auch bei sich selbst gelten lassen. So ist vielleicht zu erklären, daß manche Nenschen Grass nun für einen verlogenen Wahrheitsverdränger halten. Ob Grass klug beraten war, am Ende seines Lebens Jugendsünden auszugraben, um möglicherweise den Verkauf eines Buches zu unterstützen, wird die Zeit zeigen.
ich bezweifle, dass er das *freiwillig* enthüllt hat.
ich glaube eher, er wurde dazu *überredet*, nachdem ihn jm. darauf angesprochen hat.
Tja, und da gleitet mal wieder eine Person des öffentlichen Lebens in den selbstverschuldeten Untergang… erst schön die lange verschwiegene Wahrheit ausplaudern um endlich mal wieder ins Medienbewusstsein zu kommen (man bedenke, dass er seine Autobiographie bewerben wollte…) und wenn dann jemand diese jetzt öffentliche Vergangenheit weiter bearbeitet und noch mehr unschöne Fakten darlegt wird er dafür verklagt.
Danke, Hr. Grass, für diese wunderbare Show wie-man-es-nicht-machen-sollte. Bleibt zu hoffen, dass wir sie bald nicht mehr wieder sehen und ihre Autobiographie auf dem Scheiterhaufen des in-der-Buchhandlung-verstaubens landet – denn jeder der sie kauft finanziert ja den Ruhestand eines SS-Manns…
Die Briefe beweisen einmal mehr die Scheinheiligkeit von GraSS; ich verstehe nur nicht, weshalb er so viel Wert darauf legt die Diskussion erneut anzufachen, indem er eine medienwirksame rechtliche Auseinandersetzung mit der FAZ sucht.
Man sollte Günther Grass und Eva Hermann in einem MTV "Celebrity death match" auftreten lassen, Thema "Wer heuchelt am besten"?
Der Prozess wird trotzdem interessant. Prof. Hertin ist nicht irgendein Anwalt nebenan. Deswegen habe ich seine Firma auch mal engagiert :-)
http://home.snafu.de/tilman/hartwig_urteil_zensiert.html
Günter Grass schreibt an Karl Schiller. Schiller ist tot. Wem gehört der Brief? Gibt es Kopien? Durfte Schiller den Brief anderen zeigen? Hat Grass den Brief anderen zugänglich gemacht?
@ 9:
Lieber Kontaktbereichsbeamter,
vielen Dank für die virtuellen Blumen. Fairerweise reiche ich sie aber an den [url=http://www.hagen-rether.de/]Urheber[/url] weiter.
Grüße!
Warum funktioniert eigentlich der BBCode hier nicht mehr?
Grüße!
Mich wundert, dass keiner das Offensichtlich schreibt: Grass scheint mir sehr geld-/erfolgs-/macht-/öffentlichkeitsfixiert, wie (fast) alle anderen, die es ins Rampenlicht drängt. Ich habe zwar immer angenommen, dass er materiell ausgesorgt habe, aber vielleicht braucht er ja noch einen Batzen Geld, um "ausgesorgt" zu haben. So ein Leben als moralische Instanz ist bestimmt ganz schön aufwendig. Wer weiß? Ich habe schon geschmacklosere Marketingmaßnahmen zur Kenntnis genommen.
@17 stellt die richtigen Fragen.
Wenn ich einen Brief schreibe, kann ich daran wirklich Urheberrechte geltend machen? Darf ich wirklich darüber bestimmen, was der Empfänger mit dem Brief macht?
Kommt mir unwahrscheinlich vor, denn das hätte natürlich interessante Konsequenzen.
Ich schreibe einen Brief: "Lieber Herr Müller, ihre Forderungen erkenne ich an". Und wenn Herr Müller dann meint, damit ein tolles Beweismittel zu haben, dann klage ich darauf, dass das nicht verwendet werden darf, weil es mein Urheberrecht verletzt?
Wie schade, dass Göring nicht auf die Idee gekommen ist, für seine Schriftwechsel auf Urheberrecht zu klagen. Das hätte ihm 1945 in Nürnberg viele Scherereien erspart…
Dass Herr Grass Schwierigkeiten mit den Tatsachen hat, kann man an ihm selbst am Besten beobachten. Der Mann kann nicht einmal zu seinem Alter stehen. Er läuft mit einer Haarfarbe umher, als lebe er in einer ganz anderen Zeit (man könnte auch sagen, als sei dieselbe an ihm völlig vorbeigegangen).
Dass Grass's zwangsläufiger Diensteinsatz pauschal zur "SS" geschlagen wird, damit er moralisch verurteilt wird, ist dummer Hohn, der die doppelte Moral der Swinigel der BRD-Kulturträger von FAZkes und WELTlern spiegelt:
Er, G.G., war zu einem Zeitpunkt in einer nicht-freiwilliegn Division der Waffen-SS, als in bestimmten frontnahen Gebieten nicht mehr die Freiwilligkeit von zu rekrutierenden SS-lern die Zuteilung zu Verbänden und Waffengattungen diktierte, sondern die bestehenden, besseren Ausrüstungs- oder Ausbildungsverhältnisse in Bunkern, Depots und Kasaernen bestimmend waren.
Durch die hohen Verluste an der Front war von Himmler das Prinzip der "Freiwilligkeit" seiner Rassengruppierungen schließlich ganz aufgegeben. Das SS-Führungshauptamt konnte sich gegen die Wehrmachtsführung durchsetzen und in bestimmten Gebieten Rekruten einziehen. Nachdem SS-Führer Himmler infolge des Attentats vom 20. Juli 1944 Chef des Ersatzheeres geworden war, konnte jeder Wehrpflichtige zur Waffen-SS eingezogen werden; davon betroffen war insbesondere der Geburtsjahrgang 1927. Das waren Knäblein, die als Kanonenfutter dienen sollten.
Selbst bei erwachsenen Militärs sah es so aus: Die akute Personalnot an ausgebildeten Fachleuten führte auch dazu, dass Generalstabsoffiziere oder Generäle des Heeres auf Generalstabsdienstposten in den SS-Divisionen versetzt wurden, um dort ihren Dienst zu leisten. Vom Heerespersonalamt wurden sie weiterhin als Offiziere des Heeres geführt.
1961 wurden durch einen besonderen Personal-Berufungsausschuss viele SS-Chargen, wenn sie nicht als Massaker-Befehlsverantwortliche bekannt waren, für die Bundeswehr zugelassen.
In allen Inventarien, Namensdokumenten und Ausrüstungsunterlagen und -textilien und im Bewusstsein der Soldaten waren die (so der 'Ehren'-name) "Freiwilligen SS-Divisionen" von diesen neugebildeten Ersatz-Divisionenen noch unterscheidend gekenzeichnet.