3.8.2007

China. Oder Iran.

Kabelfernsehen musste reguliert werden. Warum? Es gab und gibt nicht genug Kanäle. Das kann man man vom Internet nicht unbedingt behaupten. Trotzdem gibt es Herren, die meinen, dass bewegte Bilder ohne ihren Segen pöse sind.

Einzelheiten erklärt Thomas Knüwer:

Ich fahre in Urlaub, drehe ein kleines Filmchen über meine Erlebnisse und möchte meine Freunde daran im Internet teilhaben lassen – vorher habe ich aber bitte schön eine Senderlizenz zu beantragen, deren Genehmigung vermutlich Monate braucht.
Bizarre Vorstellung? Nein, der Wunschtraum der Landesmedienanstalt NRW – und hoffentlich eine der letzten Zuckungen einer überkommenen Institution. Und einem Interview mit der „Taz“ begründet Norbert Schneider, Chef der Landesmedienanstalt der NRW solch eine Lizenzierung für jeden, der Videos im Internet veröffentlichen möchte auch noch damit, dies sei keine Beschränkung, sondern Schutz. Diese Argumentationslinie kennt man sonst nur aus Ländern wie China oder dem Iran.

Solch irrwitzige Vorschläge passen ins Bild, das Deutschland im Jahr 2007 bietet: In keinem Land mit demokratischer Grundordnung wird so negativ und hämisch über das Internet berichtet, in keinem Land der westlichen Welt sind die Entscheider in Politik, Verwaltung und Wirtschaft im Bereich Web so inkompetent wie hier zu Lande. Ohne sich mit dem Thema zu beschäftigen werten sie das Internet wahlweise ab als Hort des Drecks, des Kindermissbrauchs oder der Dummheit – oft genug auch alles zusammen. Dabei braucht dieses politikverdrossene Land nichts dringender als Menschen, die bereit sind zu Diskurs und Kreativität.

Doch das Netz kratzt eben an Autoritäten und Hierarchien. Und deshalb wehren sich deren Besitzer mit Zähnen und Klauen und ohne Rücksicht auf das Wohl der Bürger. Auch die Landesmedienanstalten werfen im Kampf um das eigene Überleben ihre gesellschaftliche Verantwortung über Bord. Denn eine ihrer Kernaufgaben ist die Lizenzierung privater TV-Sender. Doch wenn alle, egal ob Privatmann, Unternehmen oder Sender seine Inhalte über das Internet verbreitet – wer braucht dann noch LfM & Co.?

So ist es kein Wunder, dass die Medienanstalten nur an der Bewahrung der Pfründe interessiert sind. Längst haben sie vergessen, dass sie eigentlich den Interessen der Bürger zu dienen haben. Wie sonst ist das extrem laxe Nicht-Vorgehen gegen die erstaunlichen Machenschaften der Gewinnspielsender zu erklären?

Nein, mit den Privatsendern wird sich nicht angelegt in den Landesmedienanstalten. Mit diesem Kuschelkurs gerieren sie sich als Medienzombies denen im Sinne einer demokratischen und aufgeklärten Gesellschaft nur eines zu wünschen ist: ein Geisterjäger mit der Silberkugel. Damit der Spuk endlich ein Ende hat.

23 Kommentare zu “China. Oder Iran.”

  1. Erster meint: (3.8.2007 um 23:59) AntwortenReply to this comment

    Ups, sorry, zu früh gepostet, meine Freie-Meinungsäußerungs-Lizenz is nämlich abgelaufen, und ich warte seit ein paar Wochen auf eine neue….
    Schön Dumm, aber Ordnung muss eben sein.

  2. apex meint: (4.8.2007 um 00:24) AntwortenReply to this comment

    Man könnte ja die Medienanstalten vor den Karren der Netzneutralität spannen … das würde noch einen gewissen Sinn ergeben. Ansonsten, Zustimmung, mit der unbegrenzten Bandbreite ist die Grundlage für eine staatliche Kontrolle von Medienvertriebskanälen entfallen oder wird es sehr bald, Stichwort "Joost" und andere.

    apex

  3. Stefan meint: (4.8.2007 um 01:34) AntwortenReply to this comment

    Darf ich das ganze mal aus der Sichtweise der Wirtschaft sehen?
    Hunderte Arbeitsplätze hängen an diesen Sendern.
    Hunderte andere verdienen Geld weil sie in der Werbung im TV gesehen werden.
    Millionen werden an Steuern von Sender gezahlt. Die Krankenkasse freut es auch monatlich beiträge von Arbeitnehmern zu bekommen.
    Diese Liste kann noch viel weitergehen.
    Nun kommen Sendungen ohne viel Aufwand und mit wenig Arbeitnehmern zu den User. Tja dies soll nun ein wenig verhindert werden um alles was oben in der Liste steht zu erhalten/schützen.
    Was ich aber nicht gut finde ist, das die beim Bürger passiert. Die Sender dieser Videos (Youtube usw.) sollten zahlen. Privatvideo auf Privaten Internetseiten sollten hiervon ausgeschloßen sein. Dann wäre die eine vernünftige Regelung. Für bestimmte Videos (Nachrichten usw.) sollten Gelder gezahlt werden müßen, womit die Arbeitslosen finanziert werden.
    So nun freue ich mich auf eure Kommentare^^

  4. Arnonym meint: (4.8.2007 um 02:00) AntwortenReply to this comment

    @3
    > Darf ich das ganze mal aus der Sichtweise der Wirtschaft sehen?

    Ja. Dann vergiss aber auch nicht, dass das private Unternehmen sind. Wenn die Pleite gehen (keine Zuschauer mehr -> keine Werbung -> kein Einkommen) dann gehen die ebne pleite. Das ist Marktwirtschaft.

    Die Firmen die werben wollen, machen das dann halt nicht mehr im TV, sondern im Internet.

    Wenn sich die Umwelt ändert, dann kann ein Geschäftsmodell nicht ewig bestand halten. Man passt es an oder gibt es auf (und macht was anderes).

  5. Michael B. meint: (4.8.2007 um 02:01) AntwortenReply to this comment

    Tja, so geht es dahin, das Land der Dichter und Denker. Schlimm auch, dass es in aller Regel nicht mal Willkür, Gier und Machtanspruch sind, die solches produzieren, sondern blosse Dummheit, Ignoranz und Kurzsichtigkeit. Und das Volk? Überlässt in gleicher Dummheit, Ignoranz und Kurzsichtigkeit das Erschlagen dieser Kulturbanausen den eigenen Kindern. Ach, was rede ich…

    @3(Stefan) Unfassbar! Darf ich raten: Sie sind arbeitslos?

  6. Moxy meint: (4.8.2007 um 02:06) AntwortenReply to this comment

    Die Idee find ich super!
    Ich stell's mir vor, da bekommt eine Interklitsche in US (Youtube zB) einen Brief von so' ner komischen LfM/ GEZ (www.er auch immer) mit ner Forderungsaufstellung – ich schmeiss mich weg!
    Umgekehrt, gehen wir mal davon aus, dass es Werbung nur gibt, weil die Produkte sonst keiner kaufen würde. Davon ausgehend müsste man zu dem Schluss kommen, dass in deinem Kontext das Sozialversicherungswesen auf "Betrug" basiert.

    Zurück zum Thema: Weder ist Youtube ein "Sender", höchstens ein Mitmachangebot, noch bin ich in der Lage "Nachrichten" (oder was immer du meinst) zu definieren, selbst was die Tagesschau als solche verbreitet, halte ich meistens nicht dafür.

    Ach, aufpassen – nicht das CallInTV demnächst als redaktionelles Angebot gilt…

  7. Moxy meint: (4.8.2007 um 02:10) AntwortenReply to this comment

    @3: si tacuisses…

  8. M. meint: (4.8.2007 um 08:10) AntwortenReply to this comment

    #3: Welch Logik. Als der Tonfilm eingeführt wurde, wurden hunderte Organisten im Kino arbeitslos. Kinoorgeln haben davor übrigens schon dafür gesorgt, das statt kleiner Orchester im Kino nur einer spielen musste. Das Auto hat viele Roßhändler arbeitslos gemacht. Usw. usf.

    So ist nunmal der Fortschritt: Etwas Neues entsteht, etwas altes rutscht in die Bedeutungslosigkeit ab. Gegenwärtig spielt findet der größte Umbruch bei den Medien statt. Die strikte Rollenverteilung von Produzieren und Konsumieren wird aufgehoben. Die Produktion und die digitale Vervielfältigung werden so billig, dass keine Konzerne mit einer riesigen Kapitalmacht mehr benötigt werden. Stattdessen werden wir bald mehr Musiker sehen, die direkt für ihre Fans musizieren. Youtube und Co werden die eine oder andere Perle liefern (gerade im populärwissenschaftlichen Bereich dürfte der Beweis längst erbracht sein).

  9. Jörg-Sven Pispisa (Link) meint: (4.8.2007 um 08:16) AntwortenReply to this comment

    Also ich finde die Idee gut. Die passt so gut zu den neuen Regelungen in Amiland/NY, wo jeder der länger als 10 Minuten filmt (und ein paar Freunde dabei hat) eine Drehgenehmigung mit 1000$ Versicherung braucht: prolost.blogspot.com/2007...p-nyc-rebel-friendly.html

    Dagegen habe ich übrigens die Petition mit unterschrieben, was wohl zeigt das meine Zustimmung da ober eher ironischer Natur war :-)

    Für mich als unabhängiger deutscher Filmemacher rollen sich da die Fußnägel hoch. Stellt euch mal vor ich müsste für jede meiner zweiwöchendlich erscheinenden Videopodcastfolgen erst mal Monatelanges warten auf Genehmigung einrechnen. Unvorstellbar.

  10. Don meint: (4.8.2007 um 09:03) AntwortenReply to this comment

    "Roßhändler" fetzt

  11. Der Gerd meint: (4.8.2007 um 09:33) AntwortenReply to this comment

    Es wiederholt sich halt alles im Leben…..
    Habt ihr gewusst das Adam Opel in den 1860er Jahren in Rüsselsheim mit der Produktion von Nähmaschinen begonnen hat? Und im weiten Umkreis protestierten die Schneider, die um ihre Pfründe fürchteten.
    Der Gerd

  12. Thomas Knüwer (Link) meint: (4.8.2007 um 10:44) AntwortenReply to this comment

    @Stefan: Man kann mir wirklich nicht vorwerfen, ich sei gegen die Wirtschaft. Und genau das ist der Punkt: Ja, es gibt tausende von Arbeitsplätzen bei den TV-Sendern, die bedroht sind. Eine neue Technologie ist in der Stadt, und darauf müssen sie reagieren. So etwas nennt sich Fortschritt und der hat aus dem Glühbirnenhersteller GE einen Weltkonzern gemacht und dem Büromaschinenhersteller IBM eine Unternehmensberatung. Verweigerungshaltung sorgt nur für das endgültige Verschwinden von Arbeitsplätzen, frühe Anpassung für das Überleben.

  13. Der Rentner meint: (4.8.2007 um 15:10) AntwortenReply to this comment

    "in keinem Land der westlichen Welt sind die Entscheider in Politik, Verwaltung und Wirtschaft im Bereich Web so inkompetent wie hier zu Lande"
    Hierzu eine Anmerkung.

    Was in der BRD zu beobachten ist, ist ein "Kampf der Wahrnehmungskultur". Ein Jurist nimmt das Web anders wahr als ein Techniker. Wäre die BRD, wären die Parlamente stärker technikaffin, hätten es jene, welche zwischen Medium und Inhalt nicht unterscheiden können, schwerer ihren Standpunkt zu vertreten.
    Ermüdende Diskussionen, was geht und was nicht geht, könnten kürzer ablaufen. Und man würde auch schneller begreifen, dass die rigide Verfechtung nur ordnungspolitischer Ziele mitunter zu erheblichen wirtschaftlichen Nachteilen führt.

    So aber sind es eben die Opas, welche ihren Enkeln vorschreiben wollen, was sie selbst nicht verstehen.
    Man tröste sich: 1897 lag dem Repräsentantenhaus von Indiana ein Gesetzentwurf vor, welcher die Größe von Pi gesetzlich festlegen wollte! Jede Zeit gebiert ihre Ignoranten.
    Leute, stellt euren Abgeordneten kluge Fragen. Sagt ihnen, wann sie Stuß reden. Das Internet macht's möglich. Und kostet nicht mal Porto.

  14. Andreas meint: (4.8.2007 um 15:29) AntwortenReply to this comment

    @3 Um die Lage der Wirtschaft noch weiter zu verbessern hätte ich dazu noch folgenden Vorschlag:
    Man sollte ein Heer von Arbeitslosen losschicken um der Bevölkerung kostengünstig juckende Hautpilze in den Hintern schieben zu lassen.
    Die dadurch angekurbelte Nachfrage würde der deutschen Kratzbürsten-Industrie zum Durchbruck verhelfen (Neue hochspezialisierte innovative Produkte!)

    -> Wachstum – Nachfrage – Konsum
    -> Steuergelder
    -> Werbeeinnahmen für neue innovative Produkte
    -> glückliche Regulierungsbehörden

  15. Pzion meint: (4.8.2007 um 20:07) AntwortenReply to this comment

    Und nach der Lizensierung ist man verpflichtet seinen Kram den man veröffentlicht hat an die deutsche Nationalbibliothek zu übermitteln,bin gespannt welche Hürden denen noch so einfallen.

  16. MC Fisch meint: (5.8.2007 um 09:20) AntwortenReply to this comment

    Ich glaube kaum das Arbeitsplätze im TV vorrangig durch das Internet gefährdet sind. Ich glaube das die Sender dafür schon selbst sorgen. Wenn man mehr Geld verdienen will als Sender kann man ja z.B. Arbeitsplätze im Bereich Information einsparen, kostet viel Geld und bringt verhältnismäßig wenig ein. Ich habe gelesen dass der rentabelste Sender 9 Live sein soll, wenig Kosten und hoher Ertrag. Treiben Sender wie 9 Live die Zuschauer nicht ins Internet? Damit kein Irrtum entsteht, das ist selbstverständlich nicht als Lob für 9 Live etc. gedacht. Das schlimme ist nämlich andere Sender kopieren das auch noch.

  17. otti (Link) meint: (5.8.2007 um 11:57) AntwortenReply to this comment

    Geht es nicht einfach darum, dass sich die Machthaber vom Bürger bedroht fühlen und ihn deshalb – zu seinem und ihrem Besten – unter Generalverdacht stellen wollen?

  18. Niccolo M. meint: (5.8.2007 um 13:42) AntwortenReply to this comment

    Es gilt aber auch zu bedenken: Ein lizensierter Sender ist nicht GEZ pflichtig. Also einen Urlaubsfilm auf die Webseite stellen und schon hat die GEZ das Nachsehen.

  19. Nofate meint: (5.8.2007 um 23:03) AntwortenReply to this comment

    1. Ich habe ein Recht auf freie Meinungsäußerung – zumindest noch, wenn auch schon eingeschränkt. Auf welche Weise ich meine Meinung kundtue, ist nicht festgelegt.
    2. Die Rundfunk- und Fernsehanstalten sind selbst Schuld, wenn ihnen die Kundschaft wegläuft. Sollen sie sich um besseres Programm bemühen oder eben wirtschaftlicher arbeiten.
    3. Wirtschaft??? Muss heutzutage alles dem ökonomischen Faschismus unterliegen? Was würde aus freier Software (z.b. Antivir etc.), aus freien Betriebssystemen (Linux), ja aus jeder Arbeit, die ehrenamtlich erledigt wird? Es ist eine Schande unserer Zeit, dass alles nur aus der Sicht der Wirtschaftlichkeit gesehen wird…

  20. Michael B. meint: (6.8.2007 um 10:37) AntwortenReply to this comment

    @19(Nofate)

    Zu 3: ja. Sagen Sie, hätten Sie Lust, meinen Rasen zu mähen?

  21. Ralf G. meint: (6.8.2007 um 10:39) AntwortenReply to this comment

    @20: Tja, da ist es ja schon, das andere Kriterium.

  22. ThomasE meint: (6.8.2007 um 13:50) AntwortenReply to this comment

    @3:

    Weiter so! Noch mehr Leute mit dieser Ansicht und wir stürzen unser Land endgültig ins Verderben. Dann können wir nochmal von vorn anfangen und sehen, ob wir es diesmal schaffen, Ignoranz und Dummheit zu überwinden.

  23. Christian meint: (6.8.2007 um 16:00) AntwortenReply to this comment

    @19

    "ökonomischer Faschismus"

    Sie sprechen große Worte gelassen aus. Erklären Sie mir doch einmal, was sie damit meinen! Und wie aus ihrer Sicht die Alternative aussieht.

    Übrigens: Wer glaubt, dass freie Software auch nur irgendetwas mit Ehrenamtlichkeit und Abkehr von wirtschaftlichen Prinzipien zu tun hat, dann muss ich sie jetzt wecken: Hören Sie auf zu träumen, und fangen Sie an zu denken.

    Christian,
    "Wirtschaftsfaschist"

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