Außer seinem Amt blieb ihm wenig
Lokaljournalismus in Düsseldorf ist nicht immer von Mut und Offenheit geprägt. Das wird woanders ähnlich sein. Umso bemerkenswerter, wie sich die Neue Rhein Zeitung heute mit dem Tod des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Joachim Erwin auseinandersetzt.
Lesen, solange der Artikel online ist.
Na ja, in der Tat bemerkenswert.
Wobei die Römer schon zu sagen pflegten: Nihil, nisi bene – nichts ausser Gutem … soll man über einem Toten sprechen und wenn er noch so schlecht gewesen ist.
Ich finde vor allem bemerkenswert, daß der Autor sich nie getraut hat sowas zu Erwins Lebzeiten zu schreiben. Auch wenn er teilweise recht hat, mutig ist anders… ;o)).
Gut geschrieben ist der Artikel auf jeden Fall. Aber hat auch einen unangenehmen Beigeschmack des Nachtretens in Anbetracht der Tatsache, daß sich der Gescholtene nicht mehr dagegen wehren kann. Naja.
Persönliche Defizite hin oder her, dieser Artikel wird seinen Leistungen für die Stadt nicht gerecht.
Da sich die NRZ immer schon recht kritisch gegenüber OB Erwin geäußert hatte, finde ich diesen Nachruf jetzt auch nicht sonderlich bemerkenswert.
Die Düsseldorfer FDP (Koalitionspartner) benutzt den Artikekl sogar als offiziellen Nachruf, siehe hier:
http://ratsfraktion.fdp-duesseldorf.de/front_single/front_content.php?client=2?=2&idcat=6&idside=1068&m=&s=
(einfach ein wenig nach unten scrollen)
Unterhaltungswert haben auch die Kondolenzen der einzelnen Parteien im Stadtrat (SPD Düsseldorf, Grüne Düsseldorf => besonders letztere).
Der Nachruf ist gut geschrieben und durchaus hart, aber dennoch gerecht. Aus Pietätsgründen hätte man vielleicht warten können, bis der Mann unter der Erde ist.
Aber hier ging es tatsächlich nicht um eine Grabrede, sondern um eine Aufrechnung der Lebensleistung und da sollte auch die Wahrheit gesagt und nichts schöngeredet und unter den Teppich gekehrt werden.
Der ungebremste Haß der Erwin-Bewunderer ist Herrn Preuss sicher, wie man auch an den Kommentaren unter dem Artikel sieht.
Die Friedhöfe der Welt sind voll von Leuten, die sich Zeit ihres Lebens für unentbehrlich gehalten haben.
…sofern der Artikel nicht mehr online sein sollte, kann ich diesen auf Anfrage an Karl-Mal@Web.de gerne versenden.
hätt er sich das doch mal vor nem Jahr getraut, jetzt find ich das nur noch mies und niederträchtig.
#9,
danke, auch mein erster Gedanke am Ende.
Ein Monat vorher, einleitend mit den Worten "Vorabveröffentlichung: Nachruf zum Tode…"
Feige und geschmacklos. Das eine Bild ist von 2004. ZU DER ZEIT hätte sich der Autor mal aus der Deckung trauen sollen. So ist es einfach nur niederträchtig (und ich habe ja nun mit der Düsendorfer Lokalpolitik nichts am Hut…).
@9 Martin
Dann wäre es ja keine vollständige Bilanz geworden.
Aber mal ehrlich: Denkst Du, das Donnerwetter ist jetzt kleiner als es vor einem Jahr gewesen wäre? Jetzt kommt nämlich noch die angeblich Pietätlosigkeit dazu. Es erfordert sicher größeren Mut, es jetzt zu tun.
@2/Tolund
@11/keiner
ist da wo ihr herkommt google kein Begriff? Frank Preuss hat des öfteren und oft genug als einziger die Person/Amt des Joachim Erwin beäugt.
Mittels Privatisierung Schulden abzubauen erscheint mir nicht wirklich Nobelpreisverdächtig. Auch nicht das hin- und hergeschiebe der Roma oder seine gerichtlich untersagten Äusserungen ggü anderen Politikern in der Stadt.
Wikipedia hat einige wenn auch zu wenige Eckpunkte parat.
http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Erwin
Also bitte. Wer den Menschen betrauern will sollte nicht das mit dem Amt durcheinanderwerfen, wenn auch der Verstorbene das zuletzt nicht mehr konnte/wollte.
#k.
Gaaaaanz lustiger Vorschlag, Herrn Preuss vorzuschlagen, diesen Nachruf oder Kritik an Godfather persönlich im Vorfeld äußern.
Selbstverständlich müssen sämtliche kritische Schreiber demnächst journalistischen Harakiri verüben, um die bigotte Feigheit derer zu decken, denen Pietät alles ist: Schreibet ihr Journalisten anstatt unserer des Volkes Meinung und lasset ihr euch den Kopf anstatt unserer abschlagen!
Auf mich wirkt der Artikel nicht wie ein Nachtreten sondern wie ein ehrlicher Nachruf der nicht lediglich aus einer Lobeshymne besteht.
Und allem Verdienst zum Trotz fand ich als Ex-Düsseldorfer seine Wutausbrüche als Reaktion auf Plebiszite die seinen Plänen zuwiederlaufen, oder sein (auch im Artikel erwähnte) Narzismus der sich unter Anderem durch die Aufschrift "Bauherr: Erwin"(Hans Joachim Erwin O.B etc…) äußerte wo ich immer den Eindruck hatte, der baut sich da schon wieder ein Denkmal.
Mir hat der Artikel eher gezeigt, dass er ein sehr erfolgreicher OB war. Mögen tat ich ihn vorher auch schon nicht, jetzt weiß ich zumindest besser was er getan/erreicht hat.
Was manche Kritiker des Verstorbenen nicht zu verstehen: Anstand ist keine Gefühlsregung im Einzelfall.
Entgegen der Ansicht mancher hier (zB Kand.in.Sky) kritisiert der Autor doch gerade die Persönlichkeit, die er im Vergleich zu den beruflichen Erfolgen als äußerst negativ in den Vordergrund stellt.
Und Feigheit ist das einzige Wort, das mir einfällt, wenn mit sehr starken Worten die Persönlichkeit eines Amtsträgers unmittelbar nach seinem Tod gegeißelt wird. Es gibt die schöne Metapher von den Leichenfledderern, die aus ihren Löchern kriechen, wenn sie keine Angst vor Repressalien haben müssen.
@16 Matt
Du bringst da leider einen ganz schlimmen Punkt ans Tageslicht: Der Autor mußte offensichtlich Angst haben vor Repressalien!
Ich kannte den Verstorbenen nicht, aber wenn ich solche Sätze wie Deine lesen muß, dann könnte er mir posthum unsympathisch werden! Begreifst Du eigentlich, was Du selbst diesem Mann für ein Zeugnis ausstellst mit dem, was Du da sagst? Das ist viel schlimmer, als die härtesten Sätze in dem Nachruf.
Also ich kannte den Bürgermeister nicht, aber lieber einen ehrlichen Nachruf als irgendso ein verlogener Mist.
Traurig – da stirbt ein verdienter Amtsträger an einer furchtbaren Krankheit und dieser "Journalist" hat nichts besseres zu tun als den Mann durch den Dreck zu ziehen noch bevor der Sarg unter der Erde ist. Unabhängig davon, was für berufliche Fehler oder persönliche Schwächen ihm vielleicht vorzuwerfen wären, zeugt es doch nicht von Qualitätspresse das unmittelbar nach seinem Tod zu tun. Das würde sich Frank Preuss für seinen Nachruf ja auch nicht wünschen….
lieber pietätlos, als verlogen und verbogen.
was ich schlimmer finde, ist, dass man sowas nicht zu seinen lebzeiten hätte bringen können.
Die Sache mit seinem Schwager ?
Hinweise wurden hier im Blog geölöscht.
Also das es so kurz nach dem Tod zu so einem Artikel kommt…
NA UND ? Ist sterben etwas besonderes ? macht es den Menschen denn besser ?
jemand auf der Seite da hat geschrieben das der Journalist auch zu lebzeiten seine Meinung zum Bürgermeister geschrieben hat. Hätte er was anderes geschrieben würden jetzt alle schreien: so ein Heuchler ! Man kann es den Menschen nie recht machen, mir ist da so eine ehrliche meinung lieber als 100 Nachrufe die zum Himmel stinken
@16:
1.: siehe bereits Nr. 13.
2.: warum sollte der Autor nach dem Tod Erwins keine "Repressalien" fürchten müssen? Die Hinterbliebenen könnten fast genauso gegen falsche Aussagen/Schmähkritik vorgehen wie Erwin selbst bei Lebzeiten. So solche denn vorliegen würden, was aber wohl eher nicht der Fall ist. Also locker bleiben.
Max Goldt in TITANIC 3/1999:
"[...], fiel mir ein, wie ungewöhnlich, ja erfrischend dessen Kollege Günter Pfitzmann reagierte, als eine Zeitungam Tage des Bekanntwerdens von Heinz Rühmanns Tod Prominente interviewte. Alle sagten, nun sei Deutschland ärmer geworden, denn H. R. habe den Menschen in schwerer Zeit das Leben erträglicher gemacht, daß ein Lächeln von uns gegangen sei, welches nimmer ersetzt werden könne, eine Lücke klaffe nun, und keiner der Lebenden sei groß genug, diese Lücke zu füllen. Sülz und Tunke, wie man sie kennt. Günter Pfitzmann jedoch sagte bzw. wurde wiedergegeben mit den Worten: Heinz Rühmann war kalt und abweisend."
Es haben hier schon viele vor mir zum Ausdruck gebracht: Hofberichterstattung ist es nicht, was Aufgabe der freien und unabhängigen Presse ist. Ebensowenig, wie sich pietätvoll zu geben.
Meinungsäußerungen waren klar als solche zu erkennen, und somit problemlos von den (zahlreichen!) Fakten trennbar.
Ich fand den Artikel informativ und ausgesprochen mutig. Wahrscheinlich wird's jetzt nichts mehr werden mit der Karriere im auswärtigen Dienst, aber hey, er ist ja schon ein Chefredakteur.
Warum soll man über Tote nicht schlecht reden dürfen?
Wenn jemand zu Lebzeiten ein Arsch war, dann ändert auch sein Tod nichts mehr daran.
Das ist doch nur noch peinlich wenn nach jemandes Ableben dann die Lobhudeleien einsetzen, die den betroffenen zum Übermenschen stilisieren.
Ehrlich gesagt wundert mich die Sichtweise der meisten hier über den Artikel sehr – Einschließlich der von Hr. Vetter.
Für einen Bericht, der angeblich so hart mit dem OB ins Gericht geht, kommt am Ende wohl das größte Lob überhaupt raus…..
Wenn ein Kritiker die Leistungen des Kritisierten in dem Maße anerkennt, wie der Autor es getan hat:
>"Ergebnis: Die Stadt, die Erwin als Konzern betrachtete, ist praktisch schuldenfrei und investiert dabei trotzdem wie keine zweite. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer beflügelten Erwin zusätzlich: Sie überstiegen zuletzt die Milliardenmarke. Für den OB selbstverständlich das Resultat seiner Arbeit, für die Opposition selbstverständlich die traditionell starke Wirtschaft in der Stadt. An beidem ist was dran."<
Angesichts der Tatsache, dass 99% aller Politiker hierzulande an ihren öffentlichen Haushalten versagen, ist diese Entwicklung der Stadt Düsseldorf fast schon ein Wunder….
Wenn solche Leute wie der OB auch die Probleme bundesweit lösen könnten, dann würde ich eklatante Charakterschwächen auch gern in Kauf nehmen. Denn letztlich zählt nur "was hinten rauskommt"….
Davon abgesehen weiß jeder, der nur mal ein bisschen in die Politik geschnuppert hat, dass die allermeisten ehrenamtlichen und hauptberuflichen Politiker an ähnlichen Charaktermängeln leiden. Dieser OB ist daher keine Ausnahme – er hat höchstens ein große Aussenwirkung.
@Kai (27):
[i]Wenn solche Leute wie der OB auch die Probleme bundesweit lösen könnten, dann würde ich eklatante Charakterschwächen auch gern in Kauf nehmen. Denn letztlich zählt nur “was hinten rauskommt”….[/i]
Ach, wirklich? Das Problem ist, dass zwar viele von einer solchen Einstellung profitieren, aber einige wenige als Opfer von Machtmenschen auf der Strecke bleiben. Stellt sich eben die Frage: Wieviel toleriert man in einer Demokratie, wenn es der Masse gutgeht? Sind ein paar hundert Obdachlose relevant, wenn sich 100.000 steuerzahlenden Bürgern dafür besser fühlen, da sie keine Bettler mehr in der Stadt sehen? Wo ziehst du die Grenze?
Ich finde den Nachruf ausgewogen – er differenziert m.E. sehr gut zwischen offenkundigen Charakterfehlern, politischen Leistungen und deren "Bremsspuren" sowie der Meinung des Autors, wie das ins "große Bild" passt.
Ich selber bin übrigens zwar seit 8 Jahren ebenfalls Düsseldorfer, habe aber nicht genug von der Lokalentwicklung mitgekriegt, um mir eine Meinung über Erwin zu bilden. Das einzige, was mir zu ihm einfiele, war die dickköpfige Haltung zum Thema "Schließung von Monkey Island", mit der er viele Leute m.E. unnötig vor den Kopf stieß (was ins Bild des Nachrufs passt).
Artikel nicht mehr online.
Aber der ganze derwesten auch nicht mehr: wartungsarbeiten.html
@ 29
Artikel eben gelesen: der ist online :-)
Dieses "de mortuis nihil nisi bene" habe ich noch nie verstanden. Was soll das? Wie oben bereits jemand schrieb, macht der Tod doch den Menschen nicht besser.
Wenn ich einen Nachruf über den Erwin hätte schreiben sollen, wäre der sicherlich ähnlich ausgefallen wie der verlinkte Artikel. Geackert hat der Typ wie ein Tier. Aber nicht für Düsseldorf, sondern um sich vor seinen eigenen Komplexen zu schützen. Ich denke nicht, dass Erwin am Leben viel Freude gehabt haben wird, von daher ist er eigentlich ein ganz armes Würstchen gewesen. Ging er mir in den ersten Jahren seiner Regentschaft noch gehörig auf den Senkel, tat er mir in den letzten Jahren nur noch Leid.
"De mortuis nil nisi bene." Ja, eben, bene soll über die Toten gesprochen werden, aber kein bonum. Also nicht etwa nur Gutes zu reden ist gemeint, sondern gut, und zwar in dem Sinne, nicht entstellend, unwahrhaftig oder böswillig zu formulieren.
Und daran gemessen, ist am verlinkten Artikel kein Tadel zu üben. Erwin war ein öffentlichkeitwirksamer, wenn nicht sogar öffentlichkeitssüchtiger Politiker. Als solcher muß er sich eine Bewertung seines Handelns gefallen lassen – zu Lebzeiten genauso wie nach seinem Tode.
@32, maternus:
Ich bin mir nicht sicher, ob das "bene" wirklich so gemeint ist.
Denn dann wäre der Spruch insgesamt etwas unsinnig – auch über Lebende sollte man ja nicht entstellend oder unwahrhaftig berichten.
Die ganze "nil nise"-Konstruktion ist eigentlich nur sinnvoll, wenn es wirklich um die guten Punkte geht. Wie das ja auch klassisch interpretiert wird: Man soll die negativen Punkte bei einem Verstorbenen nicht in gute umlügen, sondern dazu lieber gar nichts sagen.
@ udo: korrekt, dass der text *nicht* gedruckt wurde? das würde mich wirklich interessieren, ist aber von berlin aus schwer nachvollziehbar.
antwort würde mich freuen. danke.
33 R. A.
Ihre Forderung, die Presse sollte zu "negativen Punkten" der Politik "lieber gar nichts sagen", ist ja so ungewöhnlich nicht, hat sich aber zum Glück bisher noch nicht vollständig durchgesetzt.
Sie tun hier so, als ob sich der gemeine Bürger Gerd gegenüber einem verdienstvollen Sich-aufopferer-für-andere menschlich unanständig verhalten hätte. Ferner unterstellen Ihre Aussagen, ein Journalist unterläge seelsorgerischen Pflichten, und Herr Preuss sei diesen nicht nachgekommen.
Die Sachlage ist diese:
Das Wirken eines mächtigen Lokalpolitikers wurde von der nicht ganz so mächtigen Lokalpresse differenziert einer umfassenden, kritischen Würdigung (!) unterzogen.
Und genau das ist es, was von journalistischer Arbeit erwartet werden kann und darf.
Nicht gegen ölige Heuchelei, chronisches Lügen, beinharte, hinterhältige Manipulation und das Mundtotmachen unbotsamer Menschen (Subjekte?), falls Sie das als einen für alle Bürger (Untertanen?) allgemein verbindlichen Lebensstil verstanden haben wollten – die Aufgaben seriöser Berichterstatter liegen woanders.
Ich kann nicht verstehen, wie hier einige diesen Artikel auch noch als objektiv oder gut einstufen können. Sorry, Kritik muss sein. Aber dann sollte sie nicht einem solchen Gewand zu einem solchen Zeitpunkt erscheinen.
Wenn das ganze ein Seitenhieb auf zu blumige Darstellungen des OB Erwin in der Presse im Moment sein soll, dass fehlt mir der Hinweis hierauf …
So empfinde ich den Artikel als eine Art Nachtreten. Und ich bin kein wirklicher "Erwin-Bewunderer".
Zu mal jedem der gesunde Menschenverstand sagen sollte, dass man mit solch einer "Abrechnung" aus Pietätsgründen ein paar Tage warten kann …
So etwas kannt ich bisher nur von den Zeitungen mit den großen Buchstaben im roten Kasten …
*kopfschüttel*
@36 Marco
"[Kritik]… Aber dann sollte sie nicht einem solchen Gewand erscheinen."
Welches Gewand hätten Sie denn gerne?
Es wurde öffentlich die ungeschönte Lebensbilanz – d. h. neben Erfolgen und Verdiensten wurden auch die Defizite angesprochen – eines öffentlichen Amtsträgers gezogen.
Die Darstellung wurde dem Menschen gerecht, wie er ist, und nicht, wie er sein sollte oder gerne wäre. Und in dem Sinne finde ich sie humaner als das so weit verbreitete Wegdrängen, Unterdrücken und Weglügen individueller Persönlichkeit zu Gunsten eines irrealen, rein künstlichen Hochglanzbildes. Menschen sind nun mal zwiespältig, facettenreich, nicht immer großartig und auch fehlbar. Allesamt.
Sie aber hätten von Ihrem Lokalblatt das Verfassen einer Hagiografie erwartet, samt genauer Verzeichnung aller getaner Wunder des teuren Verblichenen?
"Wenn das ganze ein Seitenhieb auf zu blumige Darstellungen des OB Erwin in der Presse im Moment sein soll"
Von welchem Seitenhieb sprechen Sie?
Und was mich selbst betrifft, so lebe ich in einer ganz anderen Stadt und habe keinerlei Bezug zu Düsseldorfer Lokalgrößen, aber den Typus des untoten Machtzombies gibt's doch wie Sand am Meer, und das bekanntlich nicht nur unter Politikern. Weshalb sollte auf dieser alltäglich zu nennenden Tatsache das Gesetz des Schweigens lasten müssen?
"Zu mal jedem der gesunde Menschenverstand sagen sollte"
– "Der gesunde Menschenverstand ist die Summe der Vorurteile, die man bis zu seinem 18. Lebensjahr angesammelt hat." (Albert Einstein)
"aus Pietätsgründen ein paar Tage warten"
Pietät bedeutet Respekt und Ehrfurcht, pflichtbewusstes Benehmen gegenüber Menschen und Göttern.
Wenn es das ist, was Sie von der Presse erwarten, wie wär's mit einem Prawda-Abonnement? Aber warten Sie damit noch ein paar Tage ;-)
@37 Birgit:
"Welches Gewand"
Wie ich weiter unten in meinem Beitrag geschrieben habe, empfinde ich den Kommentar als eine Art Nachtreten.
Natürlich bleibt es dem Autor völlig unbenommen sich frei zu äußern, es handelt sich ja gerade um einen Kommentar. Aber gerade im Zusammenhang mit dem Erscheinungszeitpunkt, finde ich das ganze ziemlich hart. Der Tod bietet Verschiedenes, mit Sicherheit auch die Möglichkeit eine Bilanz zu ziehen. Nur muss sich der Autor in meinen Augen fragen lassen, ob es ihm um eine solche ging, oder ob er die wenigen positiven Zeilen nicht bloß als kleines Zugeständnis an das Pietätsgefühl einiger Leser versteht.
Und spätestens Aussagen wie "mit Medikamenten vollgepumpt" hat für mich weder etwas mit kritischen Journalismus (es fehlt jeder Bezug zu einem "Beleg") noch mit überspitzer Formulierung zu tun, eben weil der Mann gerade verstorben ist.
"Von welchen Seitenhieben sprechen Sie?"
Ich wollte damit nur andeuten, dass der Kommentar ja auch so verstanden werden könnte, dass der Autor sich gegen bereits veröffentlichte krass beschönigte Beweihräucherungen beziehen könnte. Ich habe keine Ahnung, ob es solche gibt. Wenn er dies u.a. kritisieren wollte (was, wenn es sie gibt, sicherlich berechtigt ist, gerade weil OB Erwin alles andere als ein nur postiv besetzter Vertreter der Stadt war)
Was ich Ihnen ein wenig persönlich nehme (sofern ich Sie richtig verstanden habe), ist die angedeutete Unterstellung, dass ich ein Problem mit kritischem Kournalismus oder gar der Pressefreiheit ("Prawda-Abo") habe. Natürlich kann das auch alles nur sehr ironisch gemeint sein. Nur dient Ironie ja auch einem bestimmten Zweck …
Ich habe auch an keiner Stelle geschrieben, dass der Kommentar gar nicht veröffentlicht werden sollte.
Was mir einzig und allein missfallen hat (an dem Kommentar) ist der Erscheinungszeitpunkt und der, wie ich es empfinde aggressive Unterton, in dem er verfasst ist.
Ein Kommentar soll eine Meinung wiedergeben und dient doch wohl vorallem dazu, eine Diskussion anzustoßen. Dann denke ich muss der Kommentator auch damit leben, dass man es als bedenklich empfindet, wenn eine solche (von einigen als Abrechnung empfundene) Bilanzierung auch auf Ablehnung stößt. Und warum dann jeder deshalb auch gleich noch ein unkritischer Bewunderungs-Lemming ist (so wird es doch von den Kritiker-Kritikern gesehen) erschließt sich mir auch nicht.
Oder ist es für Kritiker nicht zu ertragen, dass man an ihren Kritiken Kritik übt …
Tote sollten wir in Frieden ruhen lassen, und nicht die Geister beschwören … die Geister, die wir selber mit der Wahl gerufen haben. Der König ist tot, es lebe der König, Düsseldorfer schaut nach vorn und achtet drauf, das sich sowas nicht – in dieser exakten Form – wiederholt.
Die Stadt braucht einen starken Mann, der sie führt, auch wenn dieses Wort verpönt ist. Allerdings würde ich mir auch wünschen, dass dieser Mann – oder vielleicht auch Frau – mehr Herzenswärme, menschliche und soziale Nähe als der Verstorbene hat.
Seine Verdienste sind unbestritten, genauso ist aber auch seine rüde Art und Weise unbestritten. Pietät hin oder her.
Das erinnert mich etwas an die Diskussion um einen korrupten Beigeordneten einer Nachbarstadt, als dieser gefallen war.
In der Bilanzbetrachtung kommt es darauf an, das ein Ausgleich erzielt wird, vielleicht auch ein Jahresüberschuss.
Diesen Jahresüberschuss hat der Verstorbene, trotz all seiner Passiva erzielt. Und das sollten wir ihm lassen.
Das "gut reden" über einen Verstorbenen ist aus meiner Sicht auch ein Akt der Höflichkeit gegenüber den Angehörigen, die jetzt in einer schwierigen Situation sind, die Millionen vor Ihnen und Millionen nach ihnen erleben werden. Wir sollten es Ihnen nicht schwerer machen, als es bereits ist. Sie werden selber um die Schwachpunkte am besten wissen, ohne das wir es noch ans Tageslicht zerren müssen.
Dazu am Rande bemerkt: Die Hoffnung einer Familie, vielleicht doch trotz der Rastlosigkeit des Verstorbenen noch Gemeinsamkeit zu erleben, ist jetzt endgültig zerstört. Und auch das sollte uns zu denken geben.
Niemand ist so schlecht wie sein Ruf, und auch nicht so gut wie sein Nachruf. Hier hat der Kommentator vielleicht unliebsame Fakten genannt. Wir sollten souverän genug sein, diese Dinge zu bewerten, und die Kunst der Diplomatie beherrschen, zum richtigen Zeitpunkt, nämlich jetzt, zu schweigen.