Plaudern über den Ex-Mandanten

Zu den eher unangenehmen Juristen zählen zweifellos jene, die ihre Klappe nicht halten können. Sei es, dass sie ohne Notwendigkeit aus dem Mandatsverhältnis plaudern und dabei Dinge erzählen, die ihrem Auftraggeber eindeutig schaden. Noch schlimmer ist aber eine Sorte Juristen, die einfach mal so über einen Ex-Mandanten herzieht, ohne überhaupt noch beauftragt zu sein.

So ein Exemplar tritt nun am Rande des Prozesses gegen Mario B. auf. Mario B. ist vor dem Landgericht Rostock angeklagt, eine damals 17-Jährige verschleppt, vergewaltigt und gefoltert zu haben. Vor Gericht vertritt ihn aktuell ein anderer Anwalt, aber sein Ex-Verteidiger meldet sich mit Statements zu Wort, die kaum mit Mario B. abgesprochen sein dürften und sicherlich auch nicht von ihm gebilligt werden. 

So berichtet der Jurist gegenüber der Printpresse, aber auch in Fernsehinterviews, wie das war, als er Mario B. in einem früheren Fall verteidigte. Dabei gibt er allerhand Details zum Besten, unter anderem aus einer nichtöffentlichen Verhandlung vor dem Schöffengericht. Das Ganze gipfelt dann in einer Zusammenfassung, mit der er Mario B. charakterisiert. Etwa gegenüber der Ostsee-Zeitung. Dem Blatt sagte er, er habe

eine solche Abgebrühtheit und Menschenverachtung noch nie und nie wieder erlebt.

So was geht natürlich nicht, unabhängig wie viel Wahres in den Äußerungen steckt. Der eigene Verteidiger ist eine Person, die sich mit solchen Werturteilen zurückzuhalten hat. Das hat ganz einfache Gründe: die Schweigepflicht. Ein Anwalt darf eben nur Dinge aus dem Mandatsverhältnis ausplaudern, wenn er hierfür einen berechtigten Grund hat. Sich auf Kosten eines Ex-Mandaten in den Medien zu profilieren, gehört mit Sicherheit nicht dazu.

Na ja, immerhin tritt der Mann nicht mehr als Anwalt auf. Seiner Zulassung ist er schon vor geraumer Zeit verlustig gegangen. Den Falschen hat es in diesem Fall wohl nicht getroffen.

RA Christoph Nebgen zum gleichen Thema

  • tara

    Verstehe ja, dass Sie das aus professioneller Sciht sehen müssen. Allerdings trifft es mit dem ehemaligen Mandanten auch nicht gerade den falschen. ;)

  • Veneficium

    @tara
    Da mögen sie recht haben aber was auch immer er Tat er hat die gleichen rechte wie alle anderen auch.

  • Rocky

    wer meint, es gäbe dafür “richtige” hat nichts verstanden…

  • Lurker

    @Tara:

    Wer könnte einen zuverlässigen Verteidiger besser gebrauchen als ein mutmaßlicher Schwerverbrecher?

    M.E. kann es in diesem Kontext gar nicht “den falschen” treffen – um so höher das Öffentlichkeitsinteresse an der Person und der Tat, um so höher (hier) auch die Verpflichtung des Anwalts, elementare Grundsätze des Berufsrechts einzuhalten.

  • Llarian

    Tara: Leider führen solche Statements schnell zur Vorverurteilung, oder gar zur Lynchjustiz. Es ist vollkommen egal, ob der Mandant früher verurteilt wurde, ob er in diesem Fall schuldig oder unschuldig ist, oder wie sein Charakter sonst aussieht. Aussagen wie die des Ex-Verteidigers führen dazu, daß das Gericht sich des Falles nicht neutral annehmen kann.

  • hiro

    Der arme Mandant, der an solche Anwälte gerät. Man kann ja meist nicht vorher wissen, ob der Anwalt das Vertrauen mißbraucht.

  • Andreas Moser

    Zum Glück bin ich kein Anwalt mehr, so daß ich die Anfragen von Möchtegern-Mandanten ungestraft veröffentlichen kann: http://andreasmoser.wordpress.com/2012/12/21/broken-heart/

  • Gast

    In der Tat, ein Anwalt sollte sich mit solchen Werturteilen über Ex-Mandanten zurückhalten.

    Mit der anwaltlichen Schweigepflicht iSv § 203 StGB hat das aber nichts zu tun. Die bezieht sich unstreitig und unzweifelhaft nur auf Tatsachen, nicht auf Werturteile.

  • ui-ui-ui

    Vollkommen richtig, Gast. Mich würde interessieren, warum der fragliche Herr keine Anwaltszulassung mehr hat. Wegen solcher Art Äußerungen?

  • Anita

    Irgendwie muss er ja jetzt Kohle ran schaffen, wenn er nicht mehr in seinem Beruf arbeiten kann :)

  • Quacksilber

    @Anita:
    Was heisst, in seinem Beruf? Als Anwalt nicht, aber Juristen können aufgrund ihrer Ausbildung viele Berufe ausüben: Politiker, Fachjournalist, in juristischen Verbänden, als Berater etc.

    Was mich interessieren würde: Das Verbot des Geheimnisverrats gilt ja sowieso immer für die Zeit nach der Kenntnisnahme. Gilt sie aber nur für zugelassene Anwälte?

    Ich könnte mir vorstellen, dass es Medizinern nicht erlaubt ist, nach Approbationsverlust Patientengeheimnisse zu veröffentlichen.

  • Earonn

    Gut, dann spiele ich mal den Advocatus (sic!) Diavoli:
    vielleicht wusste der Ex-Anwalt ja ganz genau, welchen Fehler er begeht (sollte er ja eigentlich), hielt es aber für notwendig, um im Falle eines Schuldspruchs eine geringfügige Strafe zu verhindern (vielleicht will er genau so wenig vergewaltigt und gefoltert werden wie die junge Frau)?
    Kurz gesagt: vielleicht hielt der Mann es für seine Pflicht, hier gegen das Gesetz zu verstoßen.

    Das macht sein Handeln nicht weniger falsch. Solche Probleme ergeben sich eben aus Vorschriften, die vorab eine Handlung als falsch oder richtig einstufen. “Zielschriften”, also Vorgaben wie das Ergebnis einer Handlung aussehen solle, wären besser, aber vermutlich nur schwer zu formulieren.
    Wir hatten das Thema ja schon ausführlich bei der Folterandrohung gegenüber Verdächtigen.

  • Wade Wilson

    Ich finde es ja interessant, wie einige hier auf tara losgehen, wegen einer mMn harmlosen Aussage. Die Rechte von Mördern und Vergewaltigern scheinen für manche ja besonders schützenswert zu sein, oder wieso hackt niemand auf U.V. ein, der die gleiche Aussage wie tara, nur eben auf den Anwalt bezogen, gemacht hat?

    Wenn ich dem Link in Herrn Nebgens Block folge frage ich mich wieso er den Namen des Täters/Angeklagten abkürzt und den des Ex-Anwalts nicht.

    Übrigens denke ich nicht, dass der Ex-Anwalt hier sich moralisch richtig verhält. Stichwort Schweigepflicht. Allerdings würde mich auch interessieren in wie weit ehemalige Anwälte an die Schweigepflicht gebunden sind und was mögliche Strafen für den Bruch der Schweigepflicht wären. Für mich ließt es sich nämlich so, als würde es zwar eine Schweigepflicht für ehemalige Anwälte geben, die einzige Bestrafung ist aber Nutzlos, da sie ihre Zulassung nicht mehr verlieren können.

    mfg

  • Jan

    @Wade Wilson:

    Wenn ich dem Link in Herrn Nebgens Block folge frage ich mich wieso er den Namen des Täters/Angeklagten abkürzt und den des Ex-Anwalts nicht.

    Vielleicht weil der Ex-Anwalt sich ohnehin bereitwillig in der Presse hat zitieren lassen?

  • marcus05

    @Wade Wilson:

    Die Rechte aller Menschen sind ganz besonders schützenswert.

  • Anno Nüm

    Und wer denkt an die Kinder?

  • tara

    Nicht falsch verstehen, grundsätzlich halte ich natürlich das Geheimnisprinzip für richtig. Nur … ähnlich wie damals, als sich Haider um den Baum gewickelt hat, hält sich das Mitgefühl hier ein bisschen in Grenzen.

  • wonko

    @tara: Tja, es gibt halt immer einen total guten Grund, warum Grundrechte für den da gerade nicht gelten sollen…

  • tara

    @wonko: Nein, so meine ich das nicht. Sie sollten gelten, der Meinung bin ich auch. Es fällt mir nur sehr schwer, da Mitleid aufzubringen.

  • Uwe1164

    Wahrscheinlich ist der jetzt Politiker und wurde wohl schon öfters auf seinen früheren Mandanten angesprochen.

    Und jetzt verteidigter sich damit, dass man ihn gezwungen hat — mit Geld. Dass er sich nie vorstellen konnte auch SCHULDIGE zu verteidigen. Und nachdem er soooo enttäuscht worden ist, will er jetzt was ehrliches machen…

    Politiker, Bankmanager, Anlageberater, Zuhälter oder so :)

  • Earonn

    @tara
    Ich glaube, ich weiß was Du meinst:
    Du gestehst dem Täter (in diesem Fall dem Vergewaltiger) seine Grundrechte zu – aber niemand sagt, dass Du es mit einem Lächeln tun musst.

    Und das ist meiner Meinung nach eine bewundernswerte Haltung: Du stellst deine Ethik über deine Wünsche.
    Sollten mehr Leute tun.

  • Zero

    @Earonn: Ich denke genauso meint es tara, und genauso kann man es auch empathisch nachvollziehen.

  • Möwe

    @Earonn: Das ist gut beschrieben, das mit dem ohne Lächeln…

    Die Berufsvereinigung der Rechtsanwälte sollte sich bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten dagegen verwahren, dass sie so in einem wohlgemerkt nicht-fiktiven Format dargestellt werden. Eine noch größere Skepsis unserm Rechtssystem gegenüber ist grad das Letzte, was wir brauchen können. @Anno Nüm: Gerade besonders die Heranwachsenden, die das da sehen.

    Die einzelnen Reporter treffen nicht die Entscheidung, ob publiziert wird.

  • Franzy

    Porno-Pranger: Unter diesem Stichwort machte im letzten Sommer Urmann + Collegen, eine berühmt-berüchtigte Regensburger Abmahn-Kanzlei, bundesweit Schlagzeilen. Jetzt ermittelt die Regensburger Staatsanwaltschaft wegen versuchten Betrugs gegen den Rechtsanwalt Thomas Urmann. Gegen die Kanzlei läuft eine Regressklage.

    http://www.regensburg-digital.de/ermittlungen-gegen-porno-pranger-anwalt/02042013/

  • Havischem Coleman

    Der Anwalt hat allerdings kein Geheimnis, welches ihm anvertraut wurde verraten, sondern eine persönliche Stellungnahme abgegeben. Dies ist eher unprofessionell, aber eben zulässig, zumal er ja gerade NICHT in einem Mandatsverhältnis steht.

    Die Aussage, dass die Richter nun nicht mehr objektiv urteilen könnten ist natürlich horrender Blödsinn, da es seit Jahr und Tag zum Geschäft gehört, Äußerungen von Dritten zu den in Verfahren Beteiligten einzuholen und vor Gericht einzubringen. (“Der war mir schon immer suspekt”, oder aber auch “Das hätte ich dem nie zugetraut, so nett wie der sonst immer war”)
    Würden sich Richter davon leiten lassen, gäbe es keine objektiven Verhandlungen mehr. Wie sehr die Richter solche Aussagen nun also würdigen, bleibt ganz in ihrem eigenen Ermessen.