Spezialist contra Fachanwalt

Seit etlichen Jahren gibt es den Titel “Fachanwalt für Familienrecht”. Auch auf anderen Rechtsgebieten können sich Anwälte spezialisieren. Insgesamt gibt es 20 Fachanwaltstitel, vom Agrarrecht bis zum Verwaltungsrecht. Welchen Platz haben daneben Bezeichnungen wie “Spezialist für Familienrecht”, mit denen sich Anwälte mitunter schmücken? Keinen, meint das Oberlandesgericht Karlsruhe. Das Gericht verbot es einem Anwalt, sich als “Spezialist für … “ auszugeben.

Der Anwalt machte geltend, er sei seit 30 Jahren als Familienrechtler tätig. Durchschnittlich bearbeite er 130 familienrechtliche Mandate pro Jahr. Deshalb dürfe er sich durchaus Spezialist für dieses Rechtsgebiet nennen, schon wegen seiner riesigen praktischen Erfahrung. Außerdem sei der Begriff “Spezialist” nur eine Selbsteinschätzung. Das sei eventuellen Mandanten auch klar.

Diese Einschätzung teilt das Oberlandesgericht Karlsruhe jedoch nicht. Der durchschnittliche Verbraucher könne eben nicht klar zwischen Fachanwalt und Spezialist unterscheiden. Er werde deshalb möglicherweise irregeführt, weil er die Bezeichnung “Spezialist” für mindestens ebenso wertig halte wie den Fachanwaltstitel. Fachanwälte müssten aber eine umfassende theoretische Ausbildung (mindestens 120 Stunden) machen, sich jährlich fortbilden und praktische Kenntnisse nachweisen (OLG Karlsruhe, Urteil vom 01. März 2013, Aktenzeichen  4 U 120/12).

  • Bochumer

    Und was spricht dagegen die Ausbildung mal im Vorbeigehen zu machen – bei dem reichaltigen Erfahrungsschtz?

  • Haf

    @1: Dachte ich auch beim Lesen, wenn er denn so viel Erfahrung hat, dann sollte er kein Problem damit haben, abgesehen von dem zeitlichen Aufwand.

  • Mandantenschmuser

    30 Jahre mit je 120 Fällen – ich möchte den 3600 Mandanten hiermit mein Mitgefühl zum Ausdruck bringen.

  • Andre

    In den Bereichen, in denen es Fachanwaltschaften gibt, ist das auch nachvollziehbar. Aber was ist mit den anderen Rechtsgebieten? Ich hatte letztens eine Kollegin auf der Gegenseite, die sich Spezialistin für Pferderecht nannte. Oder Kollegen die sich auf Vertragsrecht spezialisiert haben? Solange es da keine FAe gibt, warum nicht? Jedes Kind braucht doch einen Namen, oder?

  • Christian

    @Bochumer: Ich vermute einfach mal: Kosten, die der Spezialist nicht tragen möchte, weil er eh nur geprüft/weitergebildet wird in einem Bereich in dem er sich (seiner Meinung nach) super auskennt. Unnötige Betriebsausgaben also.

  • Klaus

    “Spezialist für” hört sich für meine Ohren eher abwertend an. So ein Spezialist …

    Daher würde ich auch eher mit “spezialisiert auf” werben. Wäre das dann ebenfalls nicht erlaubt. Dann bei der Formulierung höre ich nur heraus, das die Person sich besonders häufig mit dem Gebiet auseinandersetzt und nicht dass sie eine gesonderte Ausbildung dafür vorweisen kann.

  • Fran Kee

    Das wird jetzt bestimmt so’ne Verschiebe-Jagd:

    Aus Spezialisten für … werden den “mit Schwerpunkt …” und daraus…

    Im Prinzip wie die Tabakindustrie, der man nach und nach sämtlichste Begriffe für ‘light’ weggenommen hat…

  • ui-ui-ui

    “Interessensgebiet” ist aber unproblematisch?

  • zf.8

    Irgendwann sollte dieses Thema doch mal abgeschlossen sein…

    Zum Vergleich http://www.ferner-alsdorf.de/2010/03/der-anwalt-als-spezialist-vs-fachanwalt/

  • Heini

    In Deutschland sind alle irgendwie papiersüchtig. Ich kann in diesem Fall natürlich nicht beurteilen, ob der Spezialist im Bereich des Familienrechts eine vergleichbare Befähigung hat wie ein sich nachweislich und dauerhaft weiterbildender Fachanwalt.

    Mein Eindruck von Deutschland ist, dass es mehr auf ein Papier ankommt, auf dem geschrieben steht, jemand könne etwas, als auf die Befähigung dahinter. Stimmt natürlich so nicht, das ist mir auch klar.

    Das betrifft aber nicht nur die Rechtspflege sondern auch sämtlich Handwerkstätigkeiten, etc.pp.

  • Papppapier

    @Heini:

    Deutschland heilig Stempelland. Die meisten Säugetiere markieren ihr Revier mit Exkrementen – das Säugetier Mensch mit Tinte.

  • Andreas

    Zitat: “umfassende theoretische Ausbildung (mindestens 120 Stunden)”

    120 Stunden Ausbildung als umfassend zu bewerten, finde ich schon wagemutig. Eine einzelne Vorlesung an einer Universität erfordert ca. 150 Stunden Aufwand. Nach also weniger als einer einzigen Vorlesung dürfte man kaum Spezialist in irgendetwas sein, sondern eher angefangen haben, die Grundlagen zu verstehen.

  • Autolykos

    @Christian: Was wiederum den Nutzen des Urteils bestätigen würde:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Dunning-Kruger-Effekt

    @Andreas: Das dachte ich allerdings auch. Eine Vorlesung mehr macht keinen zum Spezialisten. Im Wesentlichen ist also die Frage, wie gut die regelmäßigen Fortbildungen und Prüfungen sind.

  • Ano Nym

    Wie wär’s denn mal mit einem Fachanwalt für Komplementärrecht und Naturrrechtskunde? Meiner Meinung nach eine planwidrige Lücke, dass es das juristische Gegenstück zum Heipraktiker nicht gibt. (Die Rechtsbeistände sind ja ein Auslaufmodell).

  • suki11

    Er soll sich einfach “Anwalt für Familienrecht” nennen und gut ist. Oder halt die Fortbildung machen.

  • Musenrössle

    Hätte er sich stattdessen lieber als “Experte” bezeichnet.

    Hierzulande wird schließlich jeder Dödel als Irgendwas-Experte bezeichnet, vor jede Kamera gezerrt und in den Medien zitiert… egal ob er von der Thematik Ahnung hat, oder eher nicht.

    Da nach allgemein herrschender Verkehrauffassung – den Medien-Experten sei dank – ein Experte hierzulande inzwischen per se als inkompetent gilt, hätte das Gericht sich über die Bezeichnung wohl kaum beschweren können. ;-)

  • WPR_bei_WBS

    @suki11:

    Er soll sich einfach “Anwalt für Familienrecht” nennen und gut ist. Oder halt die Fortbildung machen.

    Ob das hilft? Das ist dem “Fachanwalt für Familienrecht” ja schon rein sprachlich sher (zum verwechseln) ähnlich…

  • TKEDM

    @WPR_bei_WBS:

    Ernst gemeinte Frage:
    Wie soll sich denn ein Anwalt, der nur Familienrecht macht/machen will (ohne spezielle Fortbildung) sonst nennen, wenn nicht “Anwalt für Familienrecht”?

  • WPR_bei_WBS

    @Andreas:

    Ihnen ist aber schon klar, dass das ene ergänzende theoretische Ausbildung ist, oder? Die Grundlagen hat er vorher schon im Studium erhalten. Und dazu kommt noch die geforderte Mindestzahl pro Jahr an Fachspezifischen Fällen. Ein klassischer Äpfel und Birnen Vergleich also, den sie hier anstellen.

    Aber sie denken wahrscheinlich auch, ein Notarzt ist so qualifiziert wie jeder andere Autofahrer, weil die Anzahl der Stunden der theoretischen Aus- / Weiterbildung ungefähr die gleiche wie beim für den Fürherschein vorgeschriebenen Erst-Hilfe-Kurs.

  • WPR_bei_WBS

    @TKEDM:

    Soweit ich weiß (IANAL):

    Anwalt XY, Tätigkeitsschwerpunkt Familienrecht

    oder

    Anwalt XY, Interessenschwerpunkt Familienrecht

  • WPR_bei_WBS

    @Andreas:

    120 Stunden Ausbildung als umfassend zu bewerten, finde ich schon wagemutig. Eine einzelne Vorlesung an einer Universität erfordert ca. 150 Stunden Aufwand.

    Noch ein kleiner Nachtrag: Wie kommen sie denn auf 150 Stunden für eine Uni-Vorlesung? Selbst wenn wir mal die vorlesungsfreie Zeit, Feiertage etc. außen vorlassen und von 26 Wochen pro Semester ausgehen, dann wären dass knapp 6 Stunden Vorlesung pro Woche. Bisschen hoch gegriffen, oder?

    Oder vergleiche sie auch hier Äpfel (120 Stunden reine Seminarzeit bei Fachanwaltsweiterbildung) mit Birnen (150 Stunden Aufwand inkl. häuslicher Nachbearbeitung etc.)?

    Und on top: Die 120 Stunden müssen (soweit ich weiß) jedes Jahr erbracht werden, sonst ist der Fachanwalt weg.

  • oldschool

    Das heißt also, ein 60-jähriger Internetausdrucker darf sich – natürlich nur, nachdem er sich 120h Geschwafel angehört hat (Was sind schon 120 Stunden?) – “Fachanwalt für Internetrecht” nennen und seinen Copyright-Abmahnmandanten dann den super Rat “Zahlen Sie lieber, die sind sowieso im Recht!” geben (so im Bekanntenkreis mehrfach erlebt!), während ein Anwalt, der wirklich Erfahrung in dem Bereich hat und auch eine gewisse Erfolgsquote aufweisen kann, damit nicht werben darf?

  • NullPlan

    @WPR_bei_WBS:
    Nachdem er Fachanwalt geworden ist, muss er jährlich mindestens an einer anwaltlichen Fortbildungsveranstaltung “dozierend oder hörend teilnehmen”. Mindestens 10 Zeitstunden hat der Fachanwalt der Rechtsanwaltskammer unaufgefordert nachzuweisen (§ 15 FAO).

    Es genügen also 10 Stunden!

  • semestertester

    @WPR_bei_WBS:

    1 Semester = 6 Monate = 24 Wochen, davon 12 Lehrveranstaltungsfrei.

    12 Vorlesungen à 90 Minuten = 2 SWS (Semesterwochenstunden), 12 Übungen à 90 Minuten = 2 SWS,
    12 Seminartermine à 90 Minuten = 2 SWS,
    macht zusammen 6 SWS, bzw. 72 Unterrichtseinheiten.
    Dazu eine Prüfung, z.B. eine Klausur.

    In einer normalen Studien- u/o Prüfungsordnung wird in der Regel von 50% Präsenzstudium + 50% Selbsstudium ausgegangen.

    So käme man auf ein einsemstriges Modul mit 6 ECTS-Punkten. Die Rechnung geht also in etwa auf.

    Äpfel und Birnen… kann ich nicht beurteilen, ich hab’ was anderes studiert :-) Nach meiner Erfahrung kann eine Fachweiterbildung aber durchaus eine höhere Informationsdichte haben als ein Studiengangsmodul mit vergleichbarem Zeitaufwand.

  • FMH

    @WPR_bei_WBS:

    Wenn Sie Äpfel mit Birnen vergleichen wollen, dann schauen sie sich einmal an, was man nach seiner abgeschlossenen Ausbildung noch machen muss um “Facharzt” zu werden.

  • Legal Cnsl Software

    Es gibt sogar Kollegen, deren Fax nicht funktioniert und die nicht in der Lage sind, ein PDF, welches ihnen als E-Mail zugeht, zu lesen. Das wäre ja nicht weiter schlimm, aber wenn sich solche hochverehrten Kollegen dann noch Fachanwalt für IT-Recht schimpfen hört der Spaß durchaus auf. Insbesondere, wenn ein Jener sich als Anwalt für ein Rechenzentrum einer Univeristät bestellt und Wind macht. Dann lieber nen “Spezialisten” oder auch “alten Hasen” für Familienrecht.

  • Ein Fachanwalt

    Sie vergessen bei Ihrer Diskussion zum einen, dass die 120 h bei ernsthaften Bemühungen erhebliche Nacharbeit bedeuten und zum anderen nach § 4a FAO (Fachanwaltsordnung) zusätzlich noch Klausuren bestanden werden müssen. Der Spezialist “spart” sich das.
    Ich fand die Vorlesungen entspannter. Diese – und nicht der Fachanwaltskurs – krazten an der Oberfläche. Immerhin wird den Jurastudenten fast jedes Rechtsgebiet nahegebracht. Und das kann eben nur Grundlagen bedeuten. Ohne Vorkenntnisse hat man es im Fachanwaltskurs schwer.

  • Rolf Schälike

    Es gibt viele Begriffe die weder geschützt noch justiziabel sind. Z.B. Polizei, Dolmetscher, Journalist, Übersetzer, Handwerker.

    Wieder zeigt sich wie weit die Anwälte eine Kaste zur Herrschaftssicherung sind. Sie müssen zum Tragrecht des Titels eines Fachanwalts 120 h Gehirnreinigung über sich ergehen lassen und nachweisen, dass das funktioniert hat.

    Interessant wäre zu erfahren, ob die eingetakteten, gehirnausgewaschenen Fachanwälte bei gleich hoher Anzahl von Mandanten statistisch gesehen tatsächlich ihre Mandanten besser und erfolgreicher vertreten bzw. vertreten können als die Praktiker ohne irgendwelcher Titel.

  • PA

    @Rolf Schälike: Lassen Sie mich raten, Sie sind Spezialist?

  • WPR_bei_WBS

    @semestertester:

    Der Punkt ist aber, dass Andreas die theoretische Fachanwaltsausbildung mit einer Vorlesung verglichen hat, nicht mit einem (6 ECTS Punkte bringendem) Modul.

    Und das er eben den gesamten Aufwand (also inkl. Vor- und Nachbreeitung) auf der einen mit der bloßen “Inpu-Veranstaltung” auf der anderen Seite verglichen hat.

  • Quacksilber

    Vielleicht sollte der Anwalt “Spezialist für Familienrecht” durch “Experte für Familienrecht” ersetzen.

  • ScherzBischof

    @Musenrössle: besser noch “Spezialexperte”

  • Rolf Schälike

    @PA: Beleidigen Sie ich bitte nicht. Ich bin kein Anwalt.

  • titus_shg

    Soll er sich doch “Spezial-Experte” nennen. :) So bezeichnet fefe (blog.fefe.de) auch gern gewisse “Fachleute” . :)