24.3.2006

ERB-ABO

Klingeltonanbieter arbeiten nicht mit Samthandschuhen, gerade im Umgang mit ihren minderjährigen Kunden. Das ist bekannt. Aber dass bereits gekündigte Abos ohne Einverständnis reaktiviert, nicht geschuldete Beträge abgebucht und sogar neu vergebene Rufnummern für Verträge der vorherigen Inhaber belastet werden, geht deutlich über die bisher bekannten Methoden hinaus.

Mir liegen Unterlagen vor, die von einem mittelgroßen Klingeltonanbieter stammen sollen. Dieses Unternehmen soll es geschafft haben, in einem knappen Jahr seinen Monatsumsatz zu verdoppeln. Das ist insofern bemerkenswert, als der Gesamtmarkt geschrumpft ist. Selbst der Marktführer hat seinen Umsatz nicht mehr nennenswert steigern können.

Der betreffende Anbieter hat auf die schwierige Marktlage möglicherweise kreativ reagiert. So ergibt sich aus den Dokumenten, dass eine bisher nicht bekannte Zahl von Abos “reaktiviert” wurde. In einem der internen Schreiben wird zum Beispiel bei der Geschäftsführung nachgefragt, wieso zwischen dem 12. und 14. Oktober 2005 eine Vielzahl von Abos für bestimmte Rufnummern “reaktiviert” und mit Kosten belastet worden sind. Alle Abos waren schon seit sechs bis acht Monaten (!) gekündigt. Seitdem wurden den Kunden auch keine Gebühren mehr belastet.

Die Kunden haben sich jedenfalls nicht neu angemeldet. In der Mitteilung ist ausdrücklich vermerkt: “Grund für die Reaktivierung: nicht bekannt”. Der Sachbearbeiter kommt zu dem Ergebnis: “eindeutig fehlerhafte Billings”.

“Reaktivierungen” betrafen wohl auch etliche Prepaid-Nummern, die inzwischen neu vergeben worden sind. Den neuen Inhabern der Rufnummern wurden Kosten für Abos abgebucht, die die früheren Inhaber der Rufnummern abgeschlossen haben. Hierfür gibt es natürlich keine Rechtsgrundlage; auch die Billing-Verträge mit den Mobilfunkanbietern schließen an sich so etwas aus.

Für diese problematischen Vorgänge gibt es firmenintern sogar einen Fachbegriff: Erb-Abos. Die Erb-Abos sollen zu einem Sturm der Entrüstung geführt haben. So habe sich ein Mobilfunkanbieter beschwert, dass aktuell 80 von 100 Beschwerden in seinem Callcenter auf die betreffende Firma entfallen.

Das Callcenter nehme zwar die Kündigungen an, diese würden aber von dem Klingeltonanbieter nicht beachtet. Wörtlich heißt es:

20 % der Kunden kündigt via Callcenter das Abo, erhält seitens des CC eine Bestätigung dafür und das Abo besteht trotzdem weiterhin. … Etliche Kunden haben Erb-Abos. Das CC kann hier zwar kündigen, die Nichtbeachtung der Blacklist und die Tatsache, dass auch nach etlichen Monaten noch Billingversuche erfolgen, führt jedoch auch in diesen Fällen zu vermehrten Beschwerden.

Außerdem gibt es interne Überblicke über “die Art der seltsamen Usages”. Es folgen lange Listen mit Rufnummern und folgenden Amerkungen:

- ungerechtfertigtes Extrabilling (hatte keine Schulden bei uns);
- Extrabillings nach Verlängerung des Abos;
- Kunde hatte nie ein Abo (immer ABO_FAIL), dennoch Abo reaktiviert, Nachbillingversuche;
- ungerechtfertigtes Extrabilling, außerdem Vorverlegung des Verlängerungszeitpunktes.

Ich habe testweise mal eine der angegebenen Nummern angerufen. Die Dame am anderen Ende bestätigte mir, dass sie Ärger mit einem Abo bei der Firma hatte, das nie zustandegekommen ist.

Das sieht ja nach feinen Geschäftsmethoden aus. Für Klingeltonkunden jedenfalls ein (weiterer) Anlass, Abbuchungen kritisch zu hinterfragen.

27 Kommentare zu “ERB-ABO”

  1. Markus Oliver meint: (24.3.2006 um 16:02) AntwortenReply to this comment

    Das ist ja echt ein Hammer. So etwas habe ich noch nie gehört. Und was machst du jetzt? § 263 StGB? Gewerberechtlich muss doch auch was drinn sein, ich erinne mich da wage an die "Zuverlässigkeit".

  2. Christian Merz meint: (24.3.2006 um 16:04) AntwortenReply to this comment

    Dann berichte das doch mal Frau MdB Dr. Krogmann, die interessiert sich für so etwas immer. Und da sie auch Mitglied im Beirat der Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen ist, sollte sie etwas bewirken können, wenn sie will…

    http://www.bundestag.de/mdb/bio/K/krogmma0.html

  3. Katzenliebhaber meint: (24.3.2006 um 16:04) AntwortenReply to this comment

    Wo findet man denn solche feinen Listen?

  4. Hubertus meint: (24.3.2006 um 16:16) AntwortenReply to this comment

    Wenn das wirklich so ist, gehört rechtlich solange auf diese Firma eingeprügelt, bis sie pleite ist.

  5. Shraggy (Link) meint: (24.3.2006 um 16:24) AntwortenReply to this comment

    Solche Aktionen sind genau der Grund, warum mein selten eingesetztes Handy von Anfang an mit einem banalen Standard-Piepsen klingelt und auch nie andere Geräusche erzeugen wird.

    Ist eigentlich zu erwarten, dass diese Firma "Kunden", die im Internet über sie berichteten, auch verklagt?

  6. Martin meint: (24.3.2006 um 16:55) AntwortenReply to this comment

    @5: Derzeit sieht es gut dafür aus. ;)

  7. Martin_mb meint: (24.3.2006 um 17:14) AntwortenReply to this comment

    Oha! Sei lieber vorsichtig. Die beschriebenen Geschäftsmethoden klingen so, als wenn Du für diesen Blog-Eintrag auch durchaus ein Paar neue Schnellbinder-Schuhe bekommen könntest, Marke "Zementfix"…

  8. Hanno Müller (Link) meint: (24.3.2006 um 17:38) AntwortenReply to this comment

    Ok, Dir liegen Unterlagen vor. Aber was machst Du jetzt damit?

  9. A. John (Link) meint: (24.3.2006 um 18:40) AntwortenReply to this comment

    @4: [Wenn das wirklich so ist, gehört rechtlich solange auf diese Firma eingeprügelt, bis sie pleite ist.]
    Man kann davon ausgehen daß die Leute die dahinterstecken, ein gewisses Kontingent an "Wegwerffirmen" vorrätig halten, die sie nach und nach verbrennen.
    Bis es soweit ist, daß ein Gericht diese Leute rechtskräftig stoppt (falls es überhaupt jemals passiert), hat sich das Geschäft längst mehr als gelohnt. (Geld- und Bewährungsstrafe eingerechnet).
    Eine bekannte Größe aus dem Dialermilieu äußerte sich zum Thema "Hausdurchsuchung bei Prob****" in einem Szeneforum wie folgt:

    "Neue Rechner neue Konten neue Firma neues PP… Eine Frage von wenigen Stunden!
    Das alles mag unangenehm sein, ist aber nur eine kurzfristige Behinderung die schnell gelöst ist."

    Wo er Recht hat, hat er Recht.

    Gruß A. John

  10. Stefan meint: (24.3.2006 um 19:06) AntwortenReply to this comment

    ob es so klug war, das im vorfeld zu veröffentlichen? die kennen doch sicher ihre eigenen methoden.
    na sie werden sich schon was dabei gedacht haben.

  11. powermax meint: (24.3.2006 um 19:36) AntwortenReply to this comment

    Ist mir sowieso schleierhaft, warum diese Firmen diese horrenden (legalen) Umsätze machen. Ich kann doch jedes beliebige Bild, jede Filmsequenz oder jeden Ton selber per PC auf's Handy laden (oder bin ich von meinem 6230 zu verwöhnt?). Und die Zielgruppe hat sicherlich auch hinreichend know-how und Zugriff auf PCs.
    Oder läßt der Bildungsstand dermaßen nach, daß Nachfolgegenerationen heute nicht mehr per se die neuen Techniken besser beherrschen? *wunder*

  12. RainerG meint: (24.3.2006 um 19:50) AntwortenReply to this comment

    @powermax: Leider sind heute fast alle Handys der Netzbetreiber mit DRM ausgestattet, d.h. es ist nicht möglich, einen eigenen Klingelton zu verwenden. Das geht nur gegen Kauf… Du glaubst ja nicht, wie wild die Kiddies auf Klingeltöne sind – da sind denen die paar Euro egal.

  13. Anonymous meint: (24.3.2006 um 20:13) AntwortenReply to this comment

    @13: Was sind das denn für Ammenmärchen? Horrorgeschichten aus dem BILD-Kabinett? Vielleicht bist nur Du selbst zu unfähig, Klingeltöne auf Dein Telefon zu spielen?

  14. L. meint: (24.3.2006 um 20:57) AntwortenReply to this comment

    @14: Es gibt tatsächlich ein paar Handys mit DRM. z.B. Sony Ericsson K750i mit Vodafone Branding.

  15. Jini meint: (24.3.2006 um 22:06) AntwortenReply to this comment
  16. Axel (Link) meint: (24.3.2006 um 22:13) AntwortenReply to this comment

    @15: einer der Gründe, warum ich nicht mehr zu Vodafone will, warum ich mit E-Plus bisher recht zufrieden war (bis auf die Netzabdeckung hier in der Diaspora) und warum ich gesponsorte Handies prinzipiell nie im Providerladen kaufe sondern bei einer Feld-, Wald- und Wiesenfirma um die Ecke.

  17. ichsag (Link) meint: (25.3.2006 um 01:21) AntwortenReply to this comment

    als vibrationsfetischist, der jedes mal zusammenzuckt wenn 4,99euren intonierter schwachsinn zu hören ist, freue ich mich unendlich über diese geschichte.
    vielleicht begreifen jetzt auch der/die/das letzte/n, dass jamba und co. der diesseitige 4te kreis der verdummungshölle ist.
    wünschenswert wäre es zudem, dass sich blogdorf diese gelegenheit zueigen machen würde und tatsächlich auf jeden winkel des unternehmen eindrischt. vielleicht kommt man so via technokrati an die kids (bzw. die lehrer der kids) ran, die sich in solchen „ichbinbelealsbinich“ abhängigkeiten befinden. more challenge than teuroweb.

  18. ToWi meint: (25.3.2006 um 07:34) AntwortenReply to this comment

    Auch einige der "besseren"/beliebteren Nokias sind mit entsprechendem Vodafone-Branding nicht mehr in der Lage andere Klingeltöne als gekaufte zu nutzen.

  19. A. John (Link) meint: (25.3.2006 um 11:15) AntwortenReply to this comment

    @15 / 19:
    Die Originalfirmware zu besorgen und aufzuspielen ist nun wirklich kein Hexenwerk. Bei der Suche hilft Google.

    Gruß A. John

  20. Gonzo meint: (25.3.2006 um 15:30) AntwortenReply to this comment

    Jo aber dann haste das Theater mit Garantie erloschen oder Firmware-Inkompatibilitäten – siehe mein Siemens SL 65 von Vodafone. Bin Vertragskunde seit 99,aber seit sie mir gebrandete Handys und dauernd irgendwelche an mein Telefonverhalten angepasste Verträge (im Endeffekt bezahlt man nur mehr) andrehen wollen schreib ich die Kündigung und hol mir so ne Prepaid Karte >:/

  21. Wissender? meint: (25.3.2006 um 15:54) AntwortenReply to this comment

    http://www.ringtonemaker.org/
    kostenlose und abofreie Variante

  22. Alix (Link) meint: (25.3.2006 um 20:06) AntwortenReply to this comment

    Wofür braucht Mensch Klingeltöne? Mein Nokia 3510i hat einen (oder mehrere?) softwaremäßig, der reicht mir. Er signalisiert einen Anruf, er weckt mich morgens. Mädels und Jungs, das klassische drahtgebundene Telefon hatte auch nur eine Klingel (im Fachdeutsch Wecker genannt). Soweit mir bekannt ist, kam jeder damit klar. Die einzige Auffälligkeit: wenns Telefon klingelte, wurde aus trägem Bewegungsablauf ein ziemlich flinker – warum das so war und noch ist, bleibt mir unverständlich :)

  23. Ingrid (Link) meint: (28.3.2006 um 10:23) AntwortenReply to this comment

    Kann mich nur dem Artikel anschliessen. Mir selbst bzw. mit dem prepaid meines sohnes geht es so – aktivierte Abos, die kein Mensch (mein Sohn sicher nicht, ist 12 und hat noch immer nur den Original-Klingelton auf seinem Uralt-Prepaid)bestellt hat. Aber die Verbindlichkeiten stehen in der Warteschlange und wenn ich jetzt das Guthaben wieder aufladen, werden gleich mal an die 50 euro inzwischen abgebucht. Daher müssen wir zwangsweise jetzt auf eine neues Handy bzw. eine neue Nummer umsteigen.

    Wer unsere (österreichische) Geschichte lesen will:
    alles-internet.com/blog/a...aid-handies-und-sms-abos/

  24. Janina meint: (30.3.2006 um 10:38) AntwortenReply to this comment

    Klingt ein bisschen wie Freenet. Vertrag per CallCenter gekündigt, Account dennoch reaktiviert. Und das sogar zwei mal. Von nicht angekündigten Änderungen der AGB gar nicht mal zu sprechen.

  25. Dieter K.-W. meint: (15.4.2006 um 00:44) AntwortenReply to this comment

    Die Zusammenstellung der Kommentare finde ich gut. Auch ich habe ein Abo von einem bekannten Anbieter für meine Nummer geerbt. Auch wenn dies sicherlich nicht das größte Problem auf der Welt ist, so finde ich es unglaublich dreist, dass eine internationale Firma zu solchen Methoden greift. Ich finde es wichtig, dass diese Dinge bekannt werden, damit irgend wann der Rechsstaat hier zugreift. Leider werden diese Dinge meist als noch "bedauerliche Irrtümer" gewertet. Auf jeden Fall konnte ich nicht beobachten, dass die Justiz bei Menschen mit einem gravierenden Problem (Drogenabhängigkeit) die gleiche Milde hat walten lassen, wenn diese Menschen anderen Geld weggenommen haben. Bei den Klingeltonabzockern gelingt es mit großer Mühe, das abgezockte Geld zurückzubekommen. Wenn es um die strafrechtliche Beurteilung geht, bleibt Justitia – zumindst noch – reichlich träge. Ich hoffe sehr, dass dies bald anders wird. Inzwischen gehe ich nach der Devise "keinen Cent den Klingeltonabzockern" vor. Ich wünsche allen in dieser Weise Geschädigten weitsichtige Richter, die das Problem erkennen, und viel Erfolg bei ihren rechtlichen Auseinandersetzungen!

  26. M. Müller meint: (18.10.2006 um 10:40) AntwortenReply to this comment

    Habe leider auch zu spät bemerkt, dass meine O2-Guthaben von Zed abkassiert wurden, ohne je ein Abo bestellt zu haben. Wie sind die nur an meine Handy-Nr. gekommen?!
    Jetzt läuft eine Beschwerde über die Verbraucherzentrale Düsseldorf, hoffentlich bekomme ich mein Geld zurück!

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