Promotion am Rande der Autobahn
Der SPD-Bürgermeisterkandidat von Stadtoldendorf (Kreis Holzminden) hat 15.000 Euro für einen Doktortitel gezahlt. “Eigene Textbeiträge” zur Doktorarbeit hat er nach eigenen Angaben nicht geleistet. Trotzdem will er erst “jetzt” erfahren haben, dass er einem Betrüger aufgesessen ist, berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung.
Den Politiker machte nicht mal stutzig, dass ihm seine Promotionsurkunde an einer Autobahnraststätte übergeben worden ist. Schlauer geworden, muss der Bürgermeisterkandidat jetzt darüber nachdenken, ob er einen Strafbefehl wegen Urkundenfälschung und Titelmissbrauchs akzeptiert.
Beeindruckend finde ich dabei, daß der SPD-Samtgemeindeverbandsvorsitzende den Kandidaten weiter für grundehrlich hält und gleichzeitig bemängelt, daß es verwerflich sei, "dass auf Grund einer anonymen Anzeige ausgerechnet kurz vor den Wahlen die Hausdurchsuchung bei dem Bürgermeisterkandidaten stattgefunden habe."
So verbiegen wie ein Politiker möchte ich mich auch mal können…
Warum der ganze Aufwand? gibts doch alles bei ebay, z. B. Doctor of Divinity, Doctor of Metaphysics, Doctor of Religious Economics, Doctor of Religious Counseling, Doctor of Religion, Doctor of Church Administration, Doctor of Motivation, Doctor of Immortality, Doctor of Religious Humanities, Doctor of Religious Education, Doctor of Church Management, Doctor of Ministry, Doctor of Religious Science, Doctor of Spiritual Theology.
Das sind zwar alles Titel, die in Deutschland nicht geführt werden dürfen, aber der teurere, deutsche Titel darf ja wohl auch nicht geführt werden. Um so einen Dr vor dem Namen zu bekommen muss man nur einen geringen Betrag an eine U. S. Amerikanische Kirche "spenden", die dürfen diese Titel dann verleihen.
P. S.: am besten gefällt mir der "Doctor of Immortality"
Grüße!
Wunderbar! Der Verkäufer der Promotionsurkunde hat sein Geld redlich verdient. Und der anonyme Anrufer verdiente eigentlich auch noch eine Prämie der Stadt, der er einen solchen Bürgermeister erspart hat.
Man muss nicht blöd sein, um Politiker zu werden.
Aber schaden tut's auch nicht.
Die späte Erkenntnis des Offensichtlichen scheint eine Grundvoraussetzung für Politiker zu sein. Ich erinnere mich noch an das ehrliche Erstaunen vom damaligen Finanzminister Eichel über die Mindereinnahmen nach der Erhöhung der Tabaksteuer. Er schloß daraus, dass zwar die Raucher nicht weniger geworden sind, sie sich aber ihre Zigaretten im Ausland besorgen.
Schöne Grüße von zwei Promotionsstudenten, die jetzt an der Uni über Kopien und Büchern brüten und sich Gedanken machen, daß es raucht.
Hausdurchsuchung? Für das Auffinden einer Promotionsurkunde? Was ist denn mit milderen Mitteln? Ein Anruf bei der Uni Hamburg hätte geklärt, dass der Mann keinen Doktor hat…
@RA Lothar Müller-Güldemeister
Vorsicht. Ich würde den Tag nicht vor dem Abend loben. Lokalpolitik schlägt manchmal die wildesten Kapriolen…
Der Typ selber ist übrigens auch relativ schmerzfrei. Laut seiner Webseite hat er mittlerweile den Landeswahlleiter aufgefordert, die Wahlverzeichnisse entsprechend zu ändern und den Titel "Dr." zu streichen, denn:
"Ich will keinen Titel tragen, der von Betrügern verliehen wurde. Ich … bin ohne Titel, so denke ich, genauso viel "wert" wie mit Titel!"
Da läuft sie schon, die Angriffsverteidigung. Als nächstes werden dann die "verkopften Akademiker" angegriffen, Motto: "Dieses Land braucht mehr Praktiker die im Leben stehen, Praktiker wie … für Stadtoldendorf!"
Und schwupps, wird der Kerl gewählt.
Ich kann mir das wirklich auch nicht vorstellén, daß für soetwas eine Hausdurchsuchung zulässig sei.
Irgendwie ist man froh, diese Buchstaben zu haben. Ansonsten würde ich mich häufiger aufregen.
Buchstabieren Sie bitte … :
Großes "M", kleine "Eier".
Ein anderes Organ könnte auch größer sein.
@8,10: Ich denke mir das kommt so:
Erst wird nur wegen Führen eines Dr.Titels ermittelt. Im Zuge der Ermittlungen (z.B. vernehmung von Bekannten) kommt dann heraus, dass er ne Urkunde in seinem Wohnzimmer hängen hat. Also kommt auch der Tatbestand Urkundenfälschung in Betracht. Wie soll man denn jetzt bitte sehr dieses wirklich wichtige Beweisstück sichern ohne die Wohnung zu betreten? Freundlich fragen? Der verbrennt die doch dann ganz einfach.
Jeder Verteidiger wird sich freuen, wenn der Kandidat wegen beidem angeklagt wird und als Beweis nur die Wahlwerbezettel und ähnliches mit dem aufgedruckten Dr. vorliegen. Der Angeklagte wird dann einfach behaupten, dass er gar nicht wüsste, wie der Titel auf die Zettel kommt und das das bestimmt alles nur ein Misverständnis zwischen ihm und dem Layouter war.
War wohl die richtige Entscheidung der Staatsanwaltschaft auch bei hohen Tieren durchzugreifen.
@ 8
natürlich hausdurchsuchung: dass der mann kein dr. ist und seinen titel unberechtigt führt, lässt sich auch anders beweisen. aber eine falsche promotionsurkunde will erst einmal gefunden werden. und das verwenden einer falschen urkunde wird nun mal härter bestraft als das anmaßen von titeln …
:-)
aber der sozen-ortsvorsitzende ist echt schmerzbefreit. wahrscheinlich ist es einfach zu spät den kanditaten noch auszutauschen. das absägen wird dann nach der (verlorenen) wahl um so zügiger nachgeholt …
Vielleicht wickelt der Politiker ja häufiger Geschäfte an einer Autobahnraststätte ab…
Das ist auch sympotmatisch für die Kommunalpolitik. Die Parteien haben gerade in der Provinz Probleme gute Kanditaten zu finden. Wer tut sich das denn an? Für 200 Euro im Monat mehrere Abende im Monat in Ausschusssitzungen und Ratssitzungen rumhängen und über den Standort von Laternen diskutieren. Und dann diese Entscheidunegn noch an der "Basis" verteidigen.
Als hauptamtlicher Bürgermeister in einer Gemeinde mit 10.000 Enwohner (wie die Samtgemeinde Stadtoldendorf) verdient man nicht mal A13. Für einen 24 Stundenjob und selten wirklich freie Wochenenden. Und nach 5 – jetzt 8 Jahren – darf man sich den Wähöernm stellen und ist wenn es blöd läuft seinen Job los. Auf die Pareien, die ihre Leute nicht ins bergfreie fallen lassen, kann man sich auch nicht mehr verlassen.
Das ist schon eine eher negative Selektion.
Und deswegen werde ich meinen nächsten Sohn Drafi Ingo Peter nennen. Das kann der dann auf seiner Visitenkarte als Dr Ing. Peter abkürzen und alle Probleme sind gelöst.
Einen Vornamen, der mit jur anfängt müsst ihr jetzt aber schon selber finden… ;)
Für die Pingeligen:
Ein "Dr." ist kein Titel, sondern "nur" der höchste akademische Grad.
NDR vermeldet, dass der Herr seine Kandidatur zurückgezogen hat.
Allerdings ist das Thema noch nicht durch: Man ermittelt nun, ob auch sein Diplom-Kaufmann rechtens war. Die Staatsanwaltschaft glaubt dazu erste Erkenntnisse zu besitzen.
@17 Juri ist ein bekannter russischer Vorname.
@18: Ein "Viktor", "Valentin" o.ä. als zweiter Vorname kann auch Wunder wirken, wenn man seinen Namen im Briefkopf oder auf der Businesscard konsequent gross schreibt.
MAX V.R grüßt die Welt!
@18 Wird nicht die Habilitation höher bewertet ?
http://spd-ub-holzminden.de/aktuell/nachrichten/meldungen/27274.php?page=&a=&b=&y=&m=&lv=
So viel Geld nur um das dusselige "Dr." vor seinen Namen zu schreiben?
Wie schön, dass es mir an Selbstvertrauen nicht mangelt. Wer sich den Titel erarbeitet hat, dem steht er zu – alles andere ist doch nur Schwanzersatz.
Björn (#24) hat recht. Dabei fällt mir ein schönes Zitat von Georg Kreisler ein:
"[...] Doch manchmal ist ein Titel auch ein praktischer Genuß,
weil man sich dann den Namen von dem Mensch nicht merken muß.
Man nennt ihn Herr Dozent, Herr Bundeskonsulent,
und er hält das sogar für ein besond'res Kompliment,
so daß man fast schon traurig wird, trotz diesem Happy End."
(aus "Professor Doktor Med", LP "Mit dem Rücken gegen die Wand", 1981)
Grüße!
Übrigens stehen manche rechtlich einwandfrei erworbene Doktortitel in ihrer Peinlichkeit den im Autobahnpissoir gekauften kaum nach.
http://www.cicero.de/97.php?ress_id=4&item=496&aktion=blaettern&teil_num=2&teil_gesamt=3
Nachtrag: Hat Frau Ulla Schmidt ihre Pläne für die Gesundheitsreform vielleicht von dem gleichen Typ gekauft? Auch hier verlangen wir rückhaltlose Aufklärung.
Die Pressemitteilung ist klasse: "Wir stellen fest, dass der Zeitpunkt der anonymen Anzeige und die daraus folgenden Ermittlungen den kommunalpolitisch größtmöglichen Schaden herbeigeführt haben. Ortsverein und Unterbezirk verstehen und unterstützen … in seinem Begehren, eine rückhaltlose Aufklärung des gesamten Vorgangs zu verlangen."
Ja, da verlangt der Herr auch noch eine rückhaltlose (Vorsicht, Politikerbullshit-Bingo) Aufklärung des gesamten Vorgangs…zum Piepen. Und den Schaden angerichtet hat nicht der Straftäter, sondern der Anzeigeerstatter.
@16: A13 reicht völlig, vor allem in einer kleinen Gemeinde. Man ist ja dann eine honore Person und bekommt sein Auto billiger, seine Kredit ohne Sicherheiten in beliebiger Höhe, beim Bau des Eigenheims rechnet man ein paar Handwerkerstunden weniger ab, zum billig erworbenen Baugrundstück, dass am Rand der Gemarkung liegt muss dann auf einmal auf Gemeindekosten die Erschließung durchgeführt werden und seine Gaderobe setzt man komplett ab (inkl. der von Frau und Kindern) wegen der Repräsentationspflichten.
Ich war in einer Gemeinde von der Größe Stadtoldendorfs mit der Tochter des Bürgermeisters näher bekannt und kann dir daher versichern, dass meine Aufzählung noch lange nicht vollständig ist.
Könnte jemand so freundlich sein und die Besoldung A13 in EUR übersetzen (z.B. für einen 40-jährigen Beamten mit zwei Kindern).
Besoldung? Bitte schön:
http://www.uni-tuebingen.de/uni/qqp/Besoldung-euro.html#link4
Leidlich ist mir dieser Ort und dessen Bewohner aus meinem ersten Leben bekannt. Vor acht Jahren in eine Großstadt geflüchtet, blicke ich mit Schaudern zurück. Stadtoldendorf, die Heimat vieler lautstarker Piephahnträger, die ihr Heil in der politischen Karriere suchen. Das kleine Örtchen scheint nun dem Untergang völlig geweiht zu sein. Einer stetigen wirtschaftlichen Abwärtsbewegung folgt nun auch der politische Exitus. Der Beklagte ist typisch für das "Männlichkeits"-Gebahren ländlich geprägter "Ich-weiß-alles-und-bin-der-Größte", die sich im gegenseitigen sandkästlich anmutenden Gefecht den Rang ablaufen möchten und dabei über den eigenen Vollbart und die Wampe stolpern. Nicht verwunderlich sind die recht dümmlich anmutenden Äußerungen des einstigen Kandidaten und mancher seiner Mitstreiter. Aber diese Menschen leben entwicklungstechnisch in einer rückständigen 60er-Jahre-Welt – bitte nicht wecken, sie könnten sich erschrecken. Schöne Grüße an alle Schläfer in dem Homburgstädtchen …. chr, chr, chr
Übrigens wollte auch Adolf Hitler einmal Bürgermeister von Stadtoldendorf werden:
http://de.wikipedia.org/wiki/Stadtoldendorf
Das schöne ist. es gibt auch in Stadtoldendorf Alternativen. Man muß sie nur nutzen.
Und das Erschreckenste an dieser "Geschichte"? Scheinbar gibt es in … Umfeld (vor allem Freunde/Bekannte/Familie) nicht eine einzige Person, die ihn dahingehend berät, endlich die "Reißleine zu ziehen", sprich, endlich von allen öffentlichen und ehrenamtlichen Ämtern sofort zurückzutreten, sich endlich (auch öffentlich) zu entschuldigen bei den Wählern, Bürgern und seinen Parteifreunden/gegnern, endlich seine "riesen große Dummheit und Naivität" eingesteht – wie auch seine unerträgliche Eitelkeit – und die Öffentlichkeit letztlich bittet, ihm – wenn auch nach zeitlichem Abstand – noch eine Chance zu geben (natürlich nicht mehr als Rats/Samtgemeindemitglied).
Statt dessen scheint sich in Stadtoldendorf ein neuer Verein ZFDDVS ("Zukunft für den Doktor von Stadtoldendorf e.V.")zu formieren. Dieser ruft zu Spenden/zur Mitgliedschaft auf und will Herrn … (für ca. 40.000€ plus 8 Autobahnraststätten-Menues plus MWSt.) zu einer Professur an der Afrikanischen Akademie ehemaliger Eisenbahnbediensteter in Timbuktu [AAeEbiT]) samt "ordentlichem Professoren-Titel" verhelfen…
P.S.: Matthias hat vollkommen Recht!
Stadtoldendorfer Ihr habt es doch nicht besser verdient!
Kommt ein Depp daher mit den Namen … , der war sich
schon damals zu schade bei den Jusos in Stadtoldendorf mit
zu arbeiten.
Der Stadtoldendorfer SPD Sumpf ist diesen … in Arsch
gekrochen und jetzt Kommt die Quittung. Recht so, wo bleibt
der Mut, um so einen Machtmenschen aus dieser Partei
entfernen???
Der ist so dickefellig und Kandidiert jetzt doch.
Der Rücktritt vom Rücktritt.
Hat die SPD noch alle Tassen im Schrank ?
Herzlichen Dank, RL
Das Ganze wundert mich als ehemaligen Stadtoldendorfer gar nicht!
Die SPD Stadtoldendorf hatte über die Jahre hinweg schon immer den Drang, sich peinlich zu machen:
1. Der Jungsproß und das Aushängeschild der SPD, Dietrich Adam, bekommt nicht das, was er will und wechselt ´mal fluchs von der SPD zur CDU, wird Bürgermeister und ist zufrieden!
2. Gleiches zieht ´mal kurz Siggi Böker durch, der geht aber vorerst zur FDP!
(Er wurde auch schon ´mal auf einer SPD-Mitgliederversammlung vor der Wahl von der Kandidatenliste nach Abstimmung gestrichen, kandidierte dann allein und wurde nach der Wahl wieder flugs in die SPD einverleibt)
3. Wir kaufen uns am der Autobahnraststätte als Bürgermeisterkandidat ´mal mir nichts dir nichts einen Titel, das macht doch was her!
Bin gespannt, was als nächstes passiert und froh, dort nicht mehr selbst am Geschehen beteiligt zu sein!
Denn ich gestehe: In jungen Jahren war ich dort auch noch politisch aktiv: mit Idealen, Ideeen und Vorstellungen von einer gerechteren Gesellschaft!
Oben beschriebene Ereignisse verleiden einem aber im Laufe der Jahre jegliches politisches Engagement. … Und so denkt anscheinend schon die Hälfte der deutschen Bevölkerung!
Wer hat hier bei den jetzt auf kommunaler Ebene Gewählten eigentlich tatsächlich eine Mehrheit? Demokratie in ihrer perversen Form!
Ich habe gehört, das es einer der Beschäftigten aus dem Rathaus gewesen sein soll, der den …angezeigt hat.
Er wollte sich seinen "Chef" angeblich selbst aussuchen!