Kontakt mit der Generation Praktikum
Ein Rechtsanwalt N. aus der Kanzlei S. bittet mich um Rückruf. Ich rufe zurück und höre:
Ich sollte nur eine Verbindung für den Kollegen S. herstellen. Der ist jetzt aber schon auf dem Weg nach Paderborn…
Zur Sache selbst sagen kann er mir nichts. Er sollte mich tatsächlich nur durchstellen. Ich vermute, das war ein Kontakt mit der Generation Praktikum.
Mir gefallen die ominösen drei Punkte nach "auf dem Weg nach Paderborn" sehr.
Uuuiiih, sind jetzt die "frisch gebackenen" Rechtsanwälte schon günstiger zu bekommen als eine Rechtsanwaltsfachangestellte? ;)
Und auch so motiviert, der Herr Kollege, warum erfolgt denn keine Weiterverbindung aufs Handy?
Aber auch hier im Unternehmen kann es mal (selten) vorkommen, dass Juristen nur Verbindungen für die oberste Führungsebene herstellen.
Ich weiß gar nicht, was immer alle mit der Generation Praktikum haben … ich habe in meinem unbezahlten Praktikum immerhin mein eigenes Büro.
@4:
In dem du aber auch schlafen musst, denn wie kannst du dir sonst die Miete für eine Wohnung leisten? ;-)
Fürchten Rechtsanwälte eigentlich eine Verunstaltung ihrer Hände, wenn sie selbst die Tasten ihres Telefones drücken sollen (früher als der gefürchtete Wählscheibenfinger bekannt) ?
Ist es eine Machtdemonstration gegenüber dem Rangniedrigeren?
Ist es das manchen Anwälten innewohnende elitäre Gehabe, sich verbinden zu lassen?
Ich vermute, der werte Kollege S. findet sich einfach zu wichtig, um sich selbst eine Telefonnummer zu suchen und ein paar Tasten zu drücken. Beschämend!
Aus Sicht der Fachangestellten:
Unmöglich! Zigfach täglich das Personal unterbrechen, dann aber rummaulen, wenn selbiges sein Pensum nicht schafft.
Eine gute Sekretärin kann Gold wert sein.
Wer schonmal einen kompletten Arbeitstag versucht hat einem Termin oder ähnlichem hinterherzutelefonieren und sich hinterher wundert warum er zu seiner eigentlichen Arbeit nicht gekommen ist lernt den Wert einer Sekretärin (oder irgendjemand Anderem der telefoniert) erst richtig schätzen.
arbeiten für 'n Appl und 'n Ei. Früher sagte man Schinderein dazu. Heute nennt man sowas Praktikum. Schöne neue Akademikerwelt!
@2: das ist doch schon länger so. Anfängeranwalt fast geschenkt – und der haftet sogar. (aber: AGH NRW: Einstiegsgehalt von 1000 Euro ist sittenwidrig!)
Praktikanten brauchen doch auch etwas zu tun. Irgendwann ist alles abgelegt und vernichtet. Was dann?
@8 (saibot)
Für einen Apple zu arbeiten ist doch auch nicht schlecht. ;-)
@10
kopieren und kaffee kochen?
@5: Ja, da muss er halt mal arbeiten gehen! Im Büro übernachten geht schließlich gar nicht. Da müsste der Arbeitgeber ja Miete bekommen und im gewerblich genutzten Raum darf man das nicht.
Die jungen Leute (<40 Jahre) müssen mal nicht so zimperlich sein. Ein Jahrzehnt einen Bewerber zu testen ist ja schließlich für die deutsche Wirtschaft notwendig. Personalentscheidungen müssen wegen dem strengen Kündigungsschutz in Deutschland sehr gut überlegt werden. Le(e|h)rjahre sind schließlich keine Herrenjahre … blah, laber …
Mal im Ernst: Ich denke, dass die "Generation Praktikum" auch ein wenig über die Medien erschaffen wurde. Wenn ein Arbeitgeber die Diskussionen darüber liest, wird er sich doch fragen müssen, warum gerader er noch kein Heer von Praktikanten eingestellt hat. Vielleicht tut das in dem Augenblick auch der Herr Vetter. Schließlich macht die Konkurrenz es ja auch so. Ich möchte da allerdings keinen bösen Willen unterstellen. Aber so sind halt die Mechanismen: Man will am Ende nicht schlechter dastehen, als andere Leute. Dabei ist es gleich, ob es ums "kreative Steuersparen", "große Aktiengewinne" oder "andauende Sturmschäden" geht.
Klaus:
Auch wenn die Diskussion hier sicher untergeht:
Ich bin, als Student der Medienwissenschaft, selber von diesem "Phänomen Praktikum" betroffen. Und ich muss aus eigener Erfahrung sagen, dass es genau so (wenn nicht noch schlimmer ist), wie es zeitweise durch die Medien geht.
Ich muss mich natürlich jetzt vage äußern. Als Praktikant habe ich für einen Fernsehsender gearbeitet. Eine verantwortsvolle Position, nur eine Kontrollstelle zwischen mir und dem, was gesendet wird. Erhalten habe ich für meine Vollzeitstelle 200 EUR im Monat. Meine Warmmiete in dieser teuren Stadt betrug 340 EUR. Um mein Praktikum zu finanzieren (um "den Namen" auf dem Lebenslauf zu haben), musste ich mir Geld leihen.
Das halbe Personal bestand aus Praktikanten. Zu Weihnachten (der Chef lud in sein Büro ein) waren 3/4 der Anwesenden Praktikanten, die "Festen" hatten Urlaub. Während meiner Zeit wurde mehrere Festangestellte entlassen, dafür bekam unsere Abteilung zwei neue Schreibtische – für Praktikanten.
Traurig ist, dass Praktikanten Schlange stehen, um sich ausbeuten zu lassen. Und zu diesem Elend habe ich beigetragen… Denn dein Mechanismus "Man will nicht schlechter dastehen als die anderen Leute" gilt auch für uns blöde Praktikanten. Ich will später auf dem Arbeitsmarkt nicht schlechter darstehen als andere, deshalb bin ich bereit mich vorher in Schulden zu stürzen. Ein total perverses Prinzip…
Auch Nicht-Akademiker sind mittlerweile sehr gerne als fleißige, unbezahlte Praktikanten gesucht:
http://wstreaming.zdf.de/zdf/veryhigh/080417_arbeit3_rep.asx