Berührungsängste
Sehr geehrte Damen und Herren,
infolge einer Straßenumbenennung durch das Bezirksamt Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain ist die Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt worden. Den Mietern des GSW-Hochhauses, in dem sich auch die Büroräume der Bundesingenieurkammer befinden, wurde angeboten, wahlweise unter der Adresse „Rudi-Dutschke-Straße” oder der Seiteneingangsadresse „Charlottenstraße” zu firmieren.
Der Vorstand der Bundesingenieurkammer hat sich einstimmig für die Adresse „Charlottenstraße” entschieden. Die neue Anschrift der Bundesingenieurkammer lautet daher ab sofort:
Bundesingenieurkammer
Charlottenstraße 4
10969 Berlin
Besucher der Bundesingenieurkammer können wie bisher beide Hauseingänge benutzen.
Mit freundlichen Grüßen
RA B.
stellv. Geschäftsführer
(Danke an RA Karsten Voigt für den Hinweis)
Ein Link auf Wikipedia wäre ein Service für die weniger politisch gebildete oder jüngere Leserschaft :)
Auf der einen Seite finde ich den Namen Charlottenstraße auch passender, auf der anderen Seite finde ich solche übertriebenen Ängste, mit den "falschen" Positionen verbunden zu werden bemitleidenswert.
Naja…..
man haette den Strassennamen in Robert-Koch-Str. umbenennen koennen. So lange es nicht heisst Roland-Koch-Gedaechnis-Str. ist doch alles im gruenen Bereich:)
Das Bezirksamt hats beschlossen, und das Volk hat diese Entscheidung per Bürgerentscheidung bestätigt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Rudi-Dutschke-Stra%C3%9Fe
Den Eingang bei der „Rudi-Dutschke-Straße” sollte man dann aber schliessen. Schon aus Prinzip.
..noch jemanden im WP-Artikel aufgefallen? Die Rudi-Dutschke-Straße kreuzt die Axel-Springer-Straße :D geht man nach der Platzierung der Schilder, dominiert sie sogar.
Ok, dominiert nicht. Asche über mein Haupt. Trotzdem, späte Gerechtigkeit für den Herrn Dutschke.
Ist ja ok, Rudi Dutschke mit einer Straße zu ehren. Dann soll man halt warten, bis irgendwo ein Neubaugebiet neue Straßennamen braucht.
Aber ich finde es eine Unverschämtheit, wenn den Anwohnern einer schon bestehenden Straße Kosten und Arbeit aufgeladen werden, nur weil irgendwelche profilneurotischen Kiezpolitiker sich bei Umbenennungen austoben.
Irgendwie kann ich die Leute verstehen – jedenfalls ganz grundsätzlich. Dort an der Kochstr. ist ja auch die Lindenstr. Einen Teil der letzteren hat man vor Jahren in Axel-Springer-Str. umbenannt. Genau dort befindet sich die Geschäftsstelle einer großen deutschen Krankenkasse. In den sehr seltenen Fällen, wo ich die mal anschreiben mußte, habe ich immer "Lindenstraße" geschrieben; es scheint dort alles angekommen zu sein.
@1:
Sogar ein paar jüngere soll es geben, die wissen, wer Rudi Dutschke war!
Solange ich nicht in der Karl-Arsch-Strasse wohne, ist doch alles gut, oder?
Aus einer Adresse lese ich gewöhnlich kein politisches Statement, wenn ich die Wahl habe und mich für die Alternative entscheide schon!
Das ist doch mal Realsatire.
Besucher: "Ist das hier das GSW-Haus?"
Sicherheitsmann: "Ja. Wohin wollen Sie?"
Besucher: "Bundesingenieurkammer."
Sicherheitsmann: "Bitte den anderen Eingang benutzen, um die Ecke. Hier darf ich nur Besucher für Rudi-Dutschke-Straße reinlassen."
@7 R.A.
bin komplett einverstanden, dass mit Umbenennungen sparsam umgegangen wird. Außer, es sind fragwürdige Personen o.a. mit einer Straße oder einem Platz geehrt.
Aber: es ist tatsächlich ein normaler Vorgang. Z.B. Hamburg benennt ebenfalls häufiger, auch bedeutendste Straßen und Plätze um. Beispiele aus der neueren Zeit: Umbenennung des ehemaligen "Karl-Muck-Platzes" in "Johannes-Brahms-Platz" (wohl mit Nazisympathien des Muck gerechtfertigt), aber auch eines Teilstückes der ehemaligen "Ost-West-Straße" in "Willy-Brandt-Straße". Eine Willy-Brandt-Straße in einem Neubaugebiet würde Brandt aber wohl nicht gerecht werden. Dass sich der Ärger nun gerade um eine Rudi-Dutschke-Straße entzündet … nun ja: Pech. Die Willy-Brandt-Straße ist im übrigen eine unerträgliche und hässliche Straße.
@7:
Die Initiative stammt von der taz, nicht von Politikern. Und: Das Umbenennen von Straßen – selbst bei solch etablierten wie die Ost-West-Straße in Hamburg, die teils in Willy-Brandt-Straße und teils in Ludwig-Erhardt-Straße umbenannt wurde – nicht unüblich. Eine Unverschämtheit kann ich nicht erkennen, denn es soll ja niemandem im Speziellen Kosten auferlegt werden. Ganz im Gegenteil, es handelt sich quasi um das Lebensrisikos eines jeden Anwohners, dass der Straßenname geändert werden kann. Denn einen Bestandsschutz gibt es nicht.
Und dann gibt es noch bigotte Strategien wie in Würzburg, wo man um die Benennung einer Straße nach <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Leonhard_Frank" rel="nofollow">Leonhard Frank</a> zwar nicht herumkam, aber "aus weltanschaulichen Gründen" eine Uferpromenade wählte, an der kein Mensch wohnt. Zum Glück wird da jetzt im Sommer wenigstens immer ordentlich Party gemacht…
Wer nichts zu verbergen hat, sollte Strassennamen hinnehmen können. Der DB gegen die BIK müsste so schon unterwegs sein…
;-)
Allen, die Strassennamen ohnehin nicht leiden können, sei Baltrum empfohlen: http://de.wikipedia.org/wiki/Baltrum
oder:
Duddenhausen
http://de.wikipedia.org/wiki/Duddenhausen
oder:
Helmscherode
http://www.gandersheimer-kreisblatt.de/cgi-bin/gkb-news.cgi?id=archiv&abschnitt=200208
(Meldung vom 21.08.2002)
Wie wird da eigentlich eine Durchsuchung angeordnet?
"Nehmen sie das dritte Haus, linke Seite, zweite Querstrasse von Süden. Das, mit nur dem einen Zwerg im Vorgarten!!
was für bigotte spießer! an einer rudi-dutschke-straße will man natürlich nicht seinen sitz haben. aber hat sich irgendeine einrichtung schon einmal darüber aufgeregt, eine adresse z.b. an einer lettow-vorbeck-straße zu haben?!
Sind mir jedenfalls sympathischer als Leute die einfach mal im Kommentar andere als bigotte Spießer bezeichnen.
Ich würde auch kein Büro in der „Rudi-Dutschke-Straße” nehmen – warum nicht gleich wieder in der "Stalin-Allee" http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0103prof.htm (= jetzt Karl-Marx-Allee)
Mit freundlichen Grüßen
Günter Frhr.v.Gravenreuth
#15: wirklich, als ob jemand den Kontakt zu denen von deren Straßennamen abhängig machen würde.
#17: kann ich nachvollziehen. Dein nächstes "Büro" sponsort dir ja erstmal Vater Staat. Da würde ich auch nicht für ein anderes extra bezahlen wollen.
@7
Ist ja ok, Axel Springer mit einer Straße zu ehren. Dann soll man halt warten, bis irgendwo ein Neubaugebiet neue Straßennamen braucht.
Aber ich finde es eine Unverschämtheit, wenn den Anwohnern einer schon bestehenden Straße Kosten und Arbeit aufgeladen werden, nur weil irgendwelche profilneurotischen Kiezpolitiker sich bei Umbenennungen austoben.
Da überzeugt doch das Konzept der Mannheimer Innenstadt. Übrigens bin ich von einer Dorotheenstraße in Bonn in eine Dorotheenstraße in Düsseldorf gezogen und habe zwischendurch in einer Dorotheenstraße in Berlin gearbeitet – wenn jemand auf die Idee kommt, mal eine der Straßen umzubenennen, komme ich ins Schwimmen..
Bitte darauf hinzuweisen, daß es sich bei obigem Verein primär um Bauigenieure handelt (auch als Bauigel bezeichnet). Der unbedarfte Leser könnte sonst wieder ALLE Ingenieure in einen Topf werfen, und schwupps kriegt man bei der nächsten
Hasen-JagdFlirtaktion wieder die Klischees von wegen konservativ, langweilig und spießig um die Ohren gehauen.Ansonsten: Was soll man von der Bauigel-Bande auch schon anderes erwarten? Der Gegenstand ihrer Tätigkeit (Bauwerke) hat ja meistens eine Lebensdauer von mehreren Jahrzehnten, insofern ist eine dort einmal vorhandene Mentalität wahrscheinlich ähnlich langlebig. Im Foyer und den Aufzügen läuft da auch bestimmt noch Freddy Quinn mit "Wir"…
@12, Ben:
> Die Initiative stammt von der taz,
> nicht von Politikern.
Das ist nebensächlich.
Die taz kann nach Belieben komische Ideen entwickeln – verantwortlich für die Entscheidung sind Politiker.
> Das Umbenennen von Straßen – … – nicht
> unüblich.
Das macht es nicht besser – im Gegenteil.
Wobei ich schon das Gefühl habe, die Umbenennerei ist eine neuere Modewelle, abgesehen von den sinnvollen Änderungen nach dem jeweiligen Ende von Nazi- bzw. SED-Diktatur war eigentlich viele Jahre Ruhe.
> Eine Unverschämtheit kann ich nicht
> erkennen, denn es soll ja niemandem im
> Speziellen Kosten auferlegt werden.
Diese Kosten (und vor allem die Arbeit) fallen aber an – und sind völlig überflüssig.
Wenn ein Stadtrat eine Straße benannt hat, dann gibt es keinen wirklich legitimen Grund das zu ändern.
> Denn einen Bestandsschutz gibt es nicht.
Juristisch nicht. Deswegen nenne ich es nicht Rechtsverstoß, sondern Unverschämtheit.
Weil es einfach rücksichtslos ist, anderen Leuten unnötige Nachteile aufzudrücken, nur weil man gerade der eigenen Profilneurose Zuckerchen geben will.
Generell disqualifizieren sich politische Gremien, die sich mit solchen Sachen beschäftigen.
Entweder haben sie nichts Besseres zu tun – dann sind sie überflüssig.
Oder sie hätten Besseres zu tun – dann sollen sie sich darum kümmern.
Die zunehmende Häufigkeit von so sinnlosen Symbolentscheidungen in Deutschland scheinen mir auffällig damit zu korrelieren, daß die echten Probleme liegen gelassen werden.
@14: Haha, der Hinweis auf Duddenhausen ist ja herrlich: Meine Großmutter stammt aus diesem Nest, so dass ich als Kind häufiger mal da war. Das es da keine Straßennamen gibt, war mir gar nicht präsent. Ich erinnere mich aber, dass mir als Kind (in Bremen/Delmenhorst aufgewachsen) zumindest aufgefallen ist, dass es keine Straßenschilder gab. Andererseits: Strom oder fließend Wasser gab es auf den Höfen dort bis weit in die 70er Jahre hinein auch nicht…
Man könnte es dort ja mal mit einer Rudi Dutschke Straße versuchen. Da könnte allerdings größeren Volkszorn auslösen als die Entschiedung für den Seiteneingang.
Zeitweise habe ich übrigens mal in Luckenwalde gearbeitet, Dutschkes Heimatort. Seinerzeit (1995) gab es schwere Diskussion im Ort um die Umbenennung des Gymnasusm in Rudi-Dutsche-Gymnasium. Das geschah dann nicht. Immerhin gibt es dort aber ein Heimat-Museum mit dem lustig gestreiften <a>Dutschke-Pulli in einer Vitrine.</a>
Neu, jetzt sogar mit Link:
Immerhin gibt es dort aber ein Heimat-Museum mit dem lustig gestreiften <a href="http://www.maerkischeallgemeine.de/cms/beitrag/11046172/61939/" rel="nofollow">Dutschke-Pulli in einer Vitrine.</a>
Spießertum in Reinkultur. Mit der Petersalle (eine Straße im Wedding, 1939 nach einem Carl Peters, Spitzname "Hänge-Peters", benannt) hätten die wohl keine Probleme gehabt. Ja, der Geist der Reichshauptstadt.
Einer fiele mir da dann doch ein: Der Wille des Volks. Und der ist nicht nur legitim, er ist der wichtigste Grund.
Die dabei entstehenden Kosten sind in diesem Falle direkte Kosten der Demokratie – zumal sie eh minimal sein dürften.
Es fällt auf, dass Namen eine besonders hohe Bedeutung zu haben scheinen, insbesondere für Günter Freiherr von Gravenreuth. Hier hat aber noch niemand die Frage gestellt, wessen Büros sich Rudi Dutschke wohl in einer nach ihm benannten Straße gewünscht hätte. Man weiß es nicht…
@ 16
ich bin nicht auf der suche nach sympathien.
@ 17
so lange man die miete zahlen kann, kann man sich ja glücklicherweise einmieten (oder einkaufen), wo man möchte.
Also firmiert die Bundesinschinöhrskammer jetzt unter einer falschen Adresse oder wie soll man das verstehen?
Wie die Straße an dem der Seiteneingang zu finden ist heißt sollte ja wohl unerheblich sein – immerhin gibt es in Deutschland eine Impressumspflicht. Wo kämen wir denn da hin wenn jetzt jeder aussuchen kann an welcher Straße jet
zt der Eingang ist?
Angenommen jemand käme als Besucher in die Bundesinschinöhrskammer und erleidet dort einen Herz- Schlag- Migräne- anfall oder einer wesentlich gefährlicheren akuten Flatulatsverkantung und der Notarzt wäre nicht schnell genug vor Ort da er eben die Charlottenstr. entlangfährt und dadurch einen längeren Anfahrtsweg zu bewältigen hat?
@25, Malte:
> Der Wille des Volks. Und der ist nicht nur
> legitim, er ist der wichtigste Grund.
Das ist eine recht krude Auffassung von Demokratie – so nach dem Motto: "Demokratie ist, wenn zwei Wölfe und ein Schaf über das Abendessen abstimmen".
Der "Wille des Volkes" (hier sowieso nur der Wille einiger Volksvertreter) darf eben nicht über alles bestimmen und ist nicht immer legitim.
Da gibt es sowohl gesetzliche Grenzen (wenn z. B. Menschenrechte tangiert wären) als eben auch solche des Anstands und der Fairneß.
Es ist zwar formal nicht zu verhindern, daß der "Wille des Volkes" aus reinem Daffke einzelne Gruppen oder Menschen benachteiligt – aber es ist eben nicht anständig.
> Die dabei entstehenden Kosten sind in
> diesem Falle direkte Kosten der Demokratie
Nein.
Demokratie selber verursacht diese Kosten nicht, falsche Entscheidungen sind an diesen schuld.
Und es ist eben immer fragwürdig, wenn die Kosten der Mehrheitsentscheidung nicht von der Mehrheit oder der Allgemeinheit getragen werden, sondern der unterlegenen Minderheit aufgedrückt werden.
Falsche Entscheidung. Interessant – was ist denn die richtige Entscheidung und wer entscheidet, was die richtige Entscheidung ist? Du? Die Axel-Springer-Gruppe? Viel eher doch die demokratisch legitimierten Vertreter – dies ist nämlich deren ureigenste Aufgabe.
Natürlich ist der Wille des Volkes nicht uneingeschränkt umzusetzen. Grundsätzlich ist aber auch das Grundgesetz keine unüberwindbare Hürde dafür. Anstand und Fairneß sind keine Begriffe, die in ein politisches und noch dazu vorgeblich pluralistisches System passen. Sie limitieren auch in keiner Form, weil das Verständnis von Anstand und Fairneß wenn überhaupt nur aus dem Verständnis des Volks gebildet werden kann.
Ein Vorschlag:
Jeder Ansiedler der Stadt hätte nur über seine Strasse abstimmen dürfen. Und die mit den meisten Stimmen (und über 50%) wäre dann umbenannt worden…
Ich habe in unserer "Demokratie" immer mal wieder das Gefühl, dass die politischen Gewolltheiten immer nur andere treffen, nie die Initiatoren. Sollten TAZ oder das Bezirksamt oder etc. eine Rudi-Dutschke-Straße wollen, dann sollte genau die jeweils anliegende Straße des betreffenden Initiators (oder eine der jeweils beteiligten Journalisten/Politiker) umbenannt werden.
Auch die taz berichtet darüber:
http://www.taz.de/regional/berlin/aktuell/artikel/1/ingenieure-wollen-koenigin-statt-dutschke/