“Einfühlungsverhältnis”
Lehnen wir uns zurück und stellen uns folgende Situation vor:
“Sie könnten gut zu uns passen”, sagt der Personalchef am Ende des Vorstellungsgespräches und schaut die Bewerberin wohlwollend an. “Wären Sie denn zunächst zu einem kurzen, äh, Einfühlungsverhältnis bereit?”
Die junge Frau ist entrüstet, steht auf, knallt dem Personalchef die rechte Hand ins Gesicht und verlässt schnellen Schrittes das Büro.
Peng. Gerade hat sie sich um eine Jobchance gebracht. Und das nur, weil sie das Wort “Einfühlungsverhältnis” falsch verstanden hat. Damit beschreiben Juristen einen besonderen Probevertrag zwischen einem potenziellen Arbeitnehmer und einem Arbeitgeber.
Für lau soll der Kandidat für ein paar Tage oder Wochen in den Betrieb kommen und die Arbeit als auch die Kollegen kennen lernen. Auf Neudeutsch könnte man sagen: Er soll mal gucken, wie sich das anfühlt. Im Gesetz sucht man sowohl den Begriff als auch diese Tätigkeit vergebens. “Einfühlungsverhältnis” ist eine reine Erfindung von Arbeitsrechtlern.
Dass es dafür kein Geld gibt, haben mehrere Gerichte schon abgenickt. Dann darf das Unternehmen aber auch keine Arbeitsleistung fordern und Weisungen geben. Tut es das doch, kann nachträglich Lohn gefordert werden. Das Arbeitsgericht Weiden (Bayern) urteilte dazu, dass wer erprobt wird, zwangsläufig Anweisungen befolgen muss – also Lohnanspruch (Az: Ca 64/08 C, Volltext).
Manche Personalchefs sind von solchen Urteilen möglicherweise schon so erschrocken, dass sie freiwillig ein bisschen Geld anbieten. Aber stellen uns dann das eingangs beschriebene Szenario vor mit einem Personalchef, der sagt:
“Wir wäre es mit einem Einfühlungsverhältnis – ich zahle Ihnen auch was dafür!”
(Autor: AK)
“Sie könnten gut UNS zu passen”
“Sie könnten gut zu UNS passen” Fixed.
Ich weiß von einer Filiale einer namhaften Fastfood-Kette, bei der neue Bewerber mindestens drei volle Schichten ohne Lohn kostenlos "Probearbeiten" mussten. Da die Nachfrage immer groß genug war, waren immer genug "preiswerte" Kräfte im Einsatz.
Wenn für jeden Kandiaten, der genommen wurde, 10 getestet und abgelehnt wurden kamen dort einige Stunden zusammen.
Mein ehemaliger Chef nannte es "Probearbeiten". Seine Vorstellung war einen Tag mit vielen Terminen rauszusuchen, einen Kollegen so viel Arbeit aufhalsen, dass er den ganzen Tag von morgens bis abends im Auto sitzt, von Kunden zu Kunden rast und PCs repariert und dieser Kollege bekommt dann den Probearbeiter mit ins Auto gesetzt, quasi als kostenlose Arbeitskraft.
Ich habe solche Leute mitgenommen, hab sie was tragen lassen, wenn ich sonst hätte zweimal gehen müssen. Ansonsten hab ich sie ausgefragt, hab ihnen gezeigt wie wir arbeiten, hab versucht auszuloten, wo ihr Wissensstand ist, hab sie nach Hintergründen gefragt oder einfach mal meine Arbeit eingestellt und sie fragt: "So, was würdest DU jetzt tun?". Richtig gearbeitet haben sie nicht, sie haben mir nur einen Eindruck vermittelt wie es wäre mit ihnen zusammen zu arbeiten und ob man sie auch alleine zum Kunden schicken könnte, etc. Abends hab ich dann meine Eindrücke dem Chef geschildert und fertig. Alles Andere hätte ich unfair gefunden.
@Old Dad (3): Das ist eigentlich ziemlich dumm, es sei denn du hast einen Job, in den du jede beliebige Person innerhalb weniger Minuten vollständig einarbeiten kannst. Dann ist es einfach nur dreist.
Sehr schöner Artikel, musste übel lachen! :D
Das Ganze heisst doch aber im Beamtendeutsch der Bundesagentur für Arbeit "Eignungsfeststellungsmaßnahme", können dies die Arbeitsrechtler nicht einfach so übernehmen?
Inhaltlich: Eine oder zwei Wochen Probearbeiten, bei Weiterbezug ALGI.
Viele Firmen lassen erstmal zwei Wochen probearbeiten, werfen die dann raus und holen neue Praktikanten. Spart schliesslich Geld. Praktikas gehören verboten. Wozu gibts eingentlich ne Probezeit.
Man stelle sich einen männlichen Bewerber vor.
Schwuler Arbeitgeber fragt:
"Was halten Sie von einer Einführungsphase?"
*und duckt*
Wofür gibt es bitte schön eine Probezeit? Wenn man für ein Unternehmen arbeitet, soll man auch bezahlt werden!
Als ich damals als Schüler neben dem Abi an einer Tank gearbeitet habe habe ich unglaubliche 3(!) Probeschichten absolvieren müssen. War aber normal da, kein Geld und richtige Arbeit. 3x8h für lau arbeiten. Auch nicht so ganz rechtens
"praktikas gehören verboten." und praktika? ;-)
witz nicht verstanden, oder sollte er wirklich so billig sein?
@11: Was haben Kameras damit zu tun?
Also auf Probearbeiten besteht mein Chef auch.
Ok bei der Arbeit muss man nicht groß angelernt werden, aber ein neuer MA sollte bei uns schon wissen auf was er sich einlässt. Mitarbeit wird dabei auch nicht verlangt, wenn der Probearbeiter von sich aus mit anpackt (hat bisher jeder gemacht, auch ich) ist es was anderes.
Mein Chef lotet so anhand unserer Meinung aus ob er in unser Team passt oder nicht. Grade bei kleinen Unternehmen finde ich es in Ordnung um das Betriebsklima nicht zu schädigen.
Dieses kostenlose Arbeiten gehoert verboten. Wer unfaehig ist einen Bewerber einscaetzen zu koennen muss eben einen anderen Mitarbeiter mit dieser Aufgabe betreuen. Wobei er bei einem Fehltritt sogar die Moeglichkeit hat innerhalb 14 Tagen zu kuendigen. Das ist mehr als fair.
Es ist nicht notwendig zuvor noch kostenlos arbeiten zu lassen.
In Zeiten der einsetzenden Depression ist es ehrenwert, wenn Mitarbeiter kostenfrei ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen. Wie soll denn sonst der ein oder andere Arbeitgeber die Krise überleben?
Also ich finde Probearbeiten durchaus sinnvoll. Leute einzustellen ist immense Bürokratie und dauert in größeren Unternehmen durchaus seine Zeit. Wenn der "Neue" dann nach zwei Tagen merkt, daß es doch nicht paßt, dann ist außer Spesen nix gwesen.
Das gilt natürlich nur für Berufe, bei denen eine solche Probe sinnvoll ist. Wenn man in der Systemgastronomie schon beim ersten Blick über den Tresen sieht wie die Arbeit läuft, dann ist das nicht in Ordnung. Faustregel vielleicht: Einfühlungsverhältnis darf nicht so lange dauern, daß der neue Mitarbeiter anschließend vollständig angelernt ist.
Praktika sind ein ganz anderes Thema, da geht es dann nicht um "einen Tag beim Außendienstler mitfahren", sondern da soll mehrere Wochen lang ordentlich rangeklotzt werden ohne Bezahlung. Das gehört in der Tat verboten. Wird es sicher auch… kurz nach Einführung und Durchsetzung eines Mindestlohns.
@14 und @17:
Dass probeweise zu arbeiten in manchen Bereichen sinnvoll ist, um auszuloten, ob man zusammenpasst und die Arbeit sowie die Arbeitsweise gegenseitig akzeptiert wird, halte ich für durchaus nachvollziehbar.
Aber ich verstehe absolut nicht, aus welchem Grund das ohne jegliche Bezüge sein muss? Ist das etwa Angst, dass der Bewerber nur arbeitet, wenn kein Geld fließt? Das scheint mir doch ziemlich widersinnig.
Im übrigen ist Arbeit eine Leistung, die einem Gegenwert entspricht. Und zwar immer, auch wenn es nur von kurzer Dauer sein sollte. Leistung nicht zu bezahlen, ist de facto Betrug.
Ist ja nun auch nicht so, dass man Angestellte nicht mehr kündigen könnte, wenn man sie vorher schonmal gezahlt hat.
Angestellte jedoch, die man nicht zahlt, kündigen mit Sicherheit eher früher als später von ganz allein. Oder sie bleiben und vergiften gerade dann das Betriebsklima bzw. arbeiten einfach nur noch ihrem ggf. lächerlichen Gehalt entsprechend.
Wie auch immer man es dreht und wendet: Das klimavergiftende und damit teure an dieser Art von Sklaverei ist nicht der Praktikant, "Probearbeiter" (<- was ist das eigentlich für ein bescheuertes Wort) und künftige Mitarbeiter, sondern in deutlich höherem Maße die Unverfrorenheit des erpressenden(*) Personalchefs.
(*) Ja, genau das ist es letztlich: Ein Erpressungsversuch kostenloser bzw. deutlich unangemessen bezahlter Arbeit. In einer solchen Firma will ich für meinen Teil nicht einmal bezahlt arbeiten, und zwar genau wegen des resultierenden Betriebsklimas.
Dass mitarbeiterfreundliche Firmen rar gesät sind, weiß ich allerdings auch. Macht aber trotzdem den vermeintlichen "Normalzustand" – bzw. noch treffender gesagt: den "Usus" – kein bisschen erträglicher. Nicht zuletzt auch für die Praktikanten selbst, deren Notlage, einen Einstiegsjob kurzfristig finden zu müssen, aufs Dreisteste ausgenutzt wird, so dass nur wenige den Mut finden, solchen Praktiken Paroli zu bieten.
Natürlich könnte man schlussendlich auch fragen, warum unser Nachwuchs denn überhaupt so alles andere als selbstbewusst aus dem vorangegangenen Bildungssystem herauskommt, dass er sich auf solch offensichtlich ausbeuterischen Deals einlassen zu müssen glaubt.
Aber wer will schon nach Ursachen suchen, wenn die Symptome doch scheinbar viel klarer nach "anderer Leute Probleme" aussehen? ;)
@16:
Depressive Menschen auch noch zu kostenloser Zwangsarbeit verpflichten zu wollen finde ich etwas uebertrieben. Vor allem, wenn der Chef das vielleicht nicht ueberlebt.
@alle, die denken, dass Praktika nur negativ sein müssen: In unserem Unternehmen können wir mit Praktikannten sehr viel weniger anfangen. Wir sind ein eines Dienstleistungsunternehmen dass sein Geld mit dem Vertrauen seiner Kunden verdient.
Einen Praktikannten kann man vertraglich für Dummbratzenaktionen nicht zur Rechenschaft ziehen, daher kann man Praktikannten eigentlich nur im Innendienst selbstständig arbeiten lassen.
Bei Kunden draußen vor Ort sind Praktikannten eher selten dabei, körperliche Arbeiten verrichten zu müssen.
Zumindest bei uns sind Praktika eher für den Arbeitnehmer gedacht, damit diese sich uns näher ansehen können und wie es bei uns so im Alltäglichen Büroleben so abläuft.
Aus einem Gespräch mit unserem Geschäftsführer weiß ich, dass die eigentliche Anarbeitungszeit bei einem typischen Gesellen dann mit 6 Monaten nach Praktikum berechnet, bevor die Person dann als Vollzeitkraft eingesetzt werden kann. D.h., mein Chef geht im Vorfeld davon aus, dass die neue Arbeitskraft sich erst im Monat 7 nach Beginn der Arbeitszeit in Form schwarzer Zahlen in der Bilanz bemerkbar macht.
Ausnahmen bestätigen selbstverständlich in beiden Richtungen die Regel ;)
LG Ronny
Praktika? Probearbeit (für mehr als einene Tag)? Blablabla? Alles Schwachsinn finde ich. Mit 7 Jahren Agenturerfahrung mach ich GANZ BESTIMMT KEINE Praktika mehr. Da gabs doch was, da war doch mal – ach ja, Probezeit hieß das. Da konnten beide Vertragsparteien ohne Angabe eines Grundes Kündigen. Alles andere ist nur zum Vorteil des Arbeitgebers.
Ich stelle mir gerade vor, wie die freundlichen Mitarbeiter des Hauptzolllamtes reagieren, wenn man denen mitteilt, dass man sich bei dem "Neuen" erst mal gegenseitig einfühlen wollte und man deshalb auf so überflüssige Dinge wie das Anmelden zur SV verzichtet hat.
Ach ja, die Beschreibung meiner Handhabung von "Probearbeit" bei meinem ehemaligen Arbeitgeber soll nicht bedeuten, dass es sich hierbei um einen fairen Arbeitgeber handelt. Ich habe mich einfach nur geweigert diesen Ausbeutermist mitzumachen und da ich bei solchen Einsätzen freie Hand hatte, hat mein Arbeitgeber diese Befehlsverweigerung meinerseits gar nicht mitbekommen.
Im Nachhinein betrachtet war das vielleicht für die neu eingestellten Kollegen nicht ganz fair, denn anders herum hätten die sofort gemerkt, was da auf sie zukommt. Naja. Sei's drum. Ich arbeite da nicht mehr, habe mit Kündigungsschutzklage den Arbeitgeber dazu gebracht mir ein gutes Zeugnis und eine Abfindung mitzugeben. Wegen dem Zeugnis haben wir gestern erst erneut Klage eingereicht, weil der Arbeitgeber nach einem halben Jahr und 4 Korrekturversuchen nicht in der Lage war, ein Zeugnis zu formulieren, welches der versprochenen Note entspricht und keine Rechtschreibfehler enthält. Ich hatte aber trotzdem sofort wieder Arbeit (auch ohne Zeugnis) und verdiene im Monat jetzt soviel wie ich vorher an Abfindung bekommen habe. Mein neuer Arbeitgeber ist da fairer. Aber die haben auch nen Betriebsrat.
Wie reagieren "solche" Personaler eigentlich auf die Frage, wie es denn während dieser kostenlosen Probezeit mit der Unfallversicherung und der Übernahme von Fahrtkosten, Beköstigungskosten, Unterbringungskosten usw. aussieht.
Wenn der Personaler dann Gutscheine für Taxi, Hotel und Gastronomie auf den Tisch legt, könnte man ja durchaus ins Geschäft kommen.
Ansonsten ist die Frage, wann denn das Hauptzollamt zuletzt zu Besuch war (@22), durchaus überlegenswert…
In meiner Abteilung sind 1-2 Probetage regelmäßiger Teil des Bewerbungsprozesses, nachdem der Bewerber im ersten persönlichen Termin einen grundsätzlich guten Eindruck hinterlassen hat.
Das hat bei uns dann mehr den Charakter von Test und Assessment-Center-artigen Aufgaben, als ein richtiges Mitarbeiten.
Dadurch, dass das ganze aber neben der normalen Arbeit im Team erfolgt, bekommen die zukünftigen Kollegen einen Eindruck vom Bewerber und der Bewerber kann das Betriebsklima besser einschätzen.
Üblicherweise kostet es uns eher einen Arbeitstag durch die Betreuung des Probetaglers, als dass es irgendwas einbringen würde.
In der Regel bekommen wir auf Anzeigen etwa 10 Bewerber, die in die engere Wahl und das Vorstellungsgespräch kommen, wovon wir 2-3 zum Probetag einladen um uns danach für einen zu entscheiden.
In dieser Form haben meiner Einschätzung nach Probetage durchaus ihren Platz im Bewerbungsprozess. Natürlich passt das nicht für jede Stelle und teilweise mehrwöchige unbezahlte Praktika oder ähnliches sprengen da für mich den Rahmen des zumutbaren oder sinnvollen.
Ich lese hier von mehreren Tagen Probearbeiten:
dort wo ich arbeite (Metallverarb.) werden vor jeder Einstellung acht Wochen verlangt.Daß die Bewerber eingesetzt werden wo es grad passt ist Usus.Bei Übernahme danach Fristvertrag,aber auch mal unbefristet.
Selbstverständlich immer mit 6-monatiger Probezeit.
Ich brauchte damals nur ein 4-wöchiges Praktikum als Abschluss einer Fortbildung.Hätte man mich nicht schon nach 3 Wochen unbefristet eingestellt wäre ich natürlich gegangen.
Auch werden immer andere Praktikanten beschäftigt:Schulabgänger,Jahrespraktikanten….