Schnörkelloser Fließtext
Gestern stand ein Herr bei uns in der Tür und stellte sich als, wahrscheinlich “freier”, Mitarbeiter des Schwann-Verlages vor. Das ist für unsere Region jener Verlag, der für die Post bzw. Telekom bis zum Aufbruch in die Online-Welt sicherlich recht erfolgreich für unverschämte Preise fett gesetzte, möglicherweise gar umrandete Einträge in gedruckten Telefonbüchern verkaufte. Ich erinnere mich, dass schon ein schnörkelloser Fließtext-Eintrag unter dem Stichwort Rechtsanwälte um die 300 Mark pro Jahr kostete – natürlich jeweils für das “Amtliche” und “Das Örtliche”.
In Zeiten des Werbeverbots für Anwälte, also etwa bis Mitte der 90-er Jahre, war der Eintrag ins Telefonbuch praktisch die einzige Möglichkeit, als Anwalt medial auf sich aufmerksam machen. Es sei denn, man hatte “Presse”. Da musste man sich in der Tat mit diesen Außendienstlern zusammensetzen und sich die Preise diktieren lassen.
Die Zeiten ändern sich. Ich wusste ehrlich gesagt bis vor kurzem gar nicht, dass es überhaupt noch gedruckte Telefonbücher gibt. Bis ich mal zwei Paletten davon im Eingang eines Lebensmittelmarktes sah. Die Stapel verkleinerten sich über Wochen kaum, obwohl die Telefonbücher kostenlos mitgenommen werden durften. Aber warum sollte man das tun? Es gibt mittlerweile ja sogar preiswerte und vor allem sichere flüssige Grillanzünder.
Es kam deshalb bei uns auch relativ früh die Zeit, ab der die ständigen Anrufe, Faxe (“Redaktionsschluss Gelbe Seiten! Auftrag muss sofort erteilt werden!”) und Besuche der Außendienstler nur noch nervten. Wir verbaten uns jede weitere unerbetene Kontaktaufnahme. Was auch funktionierte – bis gestern.
Meine Sekretärin sagte dem Vertreter auch gleich, dass wir keine Besuche wünschen und das auch schon mitgeteilt haben. Der Außendienstler aber tat sehr wichtig und fragte schnippisch:
Meinen Sie, dass eine Anwaltskanzlei keinen Telefonbucheintrag braucht?
Meinen wir gar nicht. Aber nach unserer Kenntnis muss man für den Basiseintrag nichts berappen. Auf dieses Argument hin wurde der Mann dann sogar richtig frech, worauf meine Mitarbeiterin in von mir autorisierter Art und Weise reagierte. Sie knallte ihm die Tür vor der Nase zu.
Nun sind wir uns nicht sicher, ob derselbe Typ uns schon mal Vorwerk-Staubsauger andrehen wollte. Damit hätte er, offen gesagt, weitaus größere Chancen.
Mein Onkel vermittelt Vorwerk Staubsauger. Benötigen Sie einen Herr Vetter?
Die ganze Unterhaltung lief durch die Tür ab?
@Meistermann: Nein Danke, was soll ich mit einem Herr Vetter?
@ Arno Nühm: Ja ja, der Akkusativ ist wohl nicht jedermanns Sache.
@auch anonym: sei wann weden Modellnamen gebeugt?
Mit ordentlicher Interpunktion wär das alles nicht passiert :-)
Benötigen Sie einen, Herr Vetter?
Problem erkannt, Problem gebannt ;-). Empfehle dringend Auffrischung der Grundkenntnisse.
@Meistermann: Ich schenke Ihnen einen Bindestrich:
@jos: Sie erhalten kostenlos ein
:-)
Warum nur sind diese Leute nicht für mehrere Firmen tätig. Braucht einer kein Telefonbuch, dann vielleicht Staubsauger oder deren Zubehör, vielleicht auch eine Reise, ein Abonnement, eine Kiste Wein…
Hinweis: HTML-Tags funktionieren nicht.
Hier die Nachlieferung – bzw. r.
Ich bin tief enttäuscht über die Reaktion unseres verehrten Herrn Rechtsanwalts.
Eine kostenpflichtige Mahnung wegen unerlaubter Werbung ist ja das mindeste, was man von einem rechtlich gebildeten Menschen erwarten darf.
Wo kommen wir denn hin, wenn jeder so höflich wäre und nicht erlaubtes Verhalten lediglich mit Tür zuknallen quittiert
Das Tolle ist ja, dass jedes dieser Telefonbuchungetümer von sich behauptet, das einzig Wahre zu sein – und dies auch mit Zahlen belegen können will. Da müsste man dann also in DasTelefonbuch, DasÖrtliche, GelbeSeiten und GelbeSeitenRegional unbedingt vertreten sein.
In den ersten beiden dann auch nicht nur mit einem Eintrag unter dem Anfangsbuchstaben des Nachnamens, sondern auch noch in der Rubrik "Rechtsanwälte" – und hier vielleicht am besten noch mit einem Untereintrag unter der Fachrichtung bzw. den Fachrichtungen.
Das hat mich auch bei den gelben Büchern immer so gestört. Auch nach Einführung der Fachanwaltstitel gab es immer noch Kategorien, die eben auch passten. Neben "Familienrecht" gab es dann "Scheidungsrecht", neben meiner Fachrichtung "IT-Recht" (oder genauer: Informationstechnologierecht) gabe es noch "Computerrecht", "EDV-Recht", "Internetrecht".
Summa summarum ist man da schnell bei einigen Tausend Euro. Pro Jahr.
Ich habe schon häufig angeregt, doch mal ein Gesamtpaket für alle vier zu schnüren. Das machen die Verlage – häufig sind es auch noch zwei unterschiedliche, die für die weißen und die gelben Bücher zuständig sind – aber aus Prinzip nicht.
Ach ja, was reg ich mich auf.
Aber, Herr Kollege Vetter, Ihr Eintrag in den GelbenSeiten dürfte nicht kostenlos sein, oder? Siehe http://www.gelbeseiten.de/yp/advertisement.yp?subscriberID=102027039014 – oder ist das die reine Online-Variante?
Grüße aus Heidelberg
Vor einiger Zeit hatte ich mal ins gleiche Horn getutet: http://maennig.de/2010/05/telefonbuchwerbung/
@Kommafex: Nein, es ist doch offensichtlich das Staubsaugermodell "Herr Vetter" gemeint. (Das ist eventuell ein neuer – personalisierbarer – Staubsaugertyp, was weiss ich…).
Also:
Benötigen Sie einen [Staubsauger, vom Typ] "Herr Vetter"?
Laut Bastian Sick wird aber auch bei Eigennamen gebeugt: "Ich habe kein Konto bei der Deutschen Bank".
Für Telefonbucheinträge zahlen wir nichts. Muss also der Standardeintrag sein.
@sic(k!)
Da hat Herr Sick sogar einmal recht, Eigennamen – auch Modellbezeichnungen – wurden immer schon dekliniert. Man kann sich darum drücken, benutzt man Anführungszeichen. Und 'Herr' ist nicht einmal ein Eigenname …
Die großen dicken Telefonbücher eignen sich sehr gut zum Heizen. Wenn man die ein bisschen faltet brennen die sehr gut und glühen lange nach! :P
Ich meine mich an einen Artikel zu erinnern, der besagte das die Produktion der Telefonbücher nicht eingestampft wird (obwohl sie de facto niemand mehr braucht bzw. mit nimmt), weil mit dem Anzeigenverkauf mehr Geld eingenommen wird als der Druck kostet. Ob 99% des Papiers hinterher wieder im Schredder landet interessiert niemanden in der Buchhaltung.
Hat mich erst letztens wieder genervt: Sim-Karte bei einem Kaffeeröster bestellt, während des Bestellvorgangs wird von Adresse über Perso bis zu gewünschten Einträgen alles abgefragt und dann kommt der ausgefüllte gedruckte Vertrag zur Unterschrift und dort steht dann wieder alles anders. Hab das "wünsche einen Telefonbucheintrag" dann kurzerhand durchgestrichen und von Hand ein negatives Statement danebengesetzt. Wozu auch, bei einer rein für UMTS genutzten Sim.
@Tobias:
aber auch nur noch bis die Unternehmen merken dass ihre Anzeigen im Telefonbuch rausgeworfenes Geld sind.
Hausierern sage ich immer, dass ich grds. keine unangekündigten Besuche empfange – egal worum es geht. Sie mögen telefonisch vorher einen Termin vereinbaren (was natürlich keiner macht). Falls die dann nach der Nummer fragen, kann man sie auf das Telefonbuch verweisen. Dort ist die Nummer drinne…. :)
"worauf meine Mitarbeiterin in von mir autorisierter Art und Weise reagierte"
Anstiftung zu Straftaten.
"Sie knallte ihm die Tür vor der Nase zu. "
Versuchter Totschlag.
LoL. =D
Staubsaugervertreter sollen ja in aller Regel ganz spezielle Verkäufer sein, also eine psychologische Schulung besitzen. Insofern kommt die Person wohl eher nicht dafür in Frage, oder er ist bei Vorwerk gescheitert.
************ cave ***************
ebenfalls Freiberufler und seeeeeeeehr schlechte Erfahrungen mit Telefonbuchverlagen gemacht. Wir sind hier in der Diaspora vulgo Provinz und ein Abkömmling des Branchenriesen hat oder hatte mal zumindest eine Zeitlang die Masche drauf, Freiberufler vor allem Zahnärzte u Architekten hin und wieder zu "vergessen". Alle, denen dies einmal passiert ist, hatten hinterher immer den ach so preiswerten Fetteintrag :(
@ Andy
Aber im Unterschied zu Anwälten – wie Herr Vetter es hier schildert – hatte Sie doch jede Möglichkeit, in der Region für sich zu werben, und zwar mit allen Mitteln – außer einem Telefonbucheintrag.
Manche anwälte machen auch einfach Presse, nicht wahr Herr Vetter :) Auch wenn man spürt das sie das sicherlich nicht (nur) aus den Antrieb eigenwerbung machen, aber ich denke schon das sich dieser Blog als Eigenwerbung durchaus rentieren sollte.
Hab vor einiger Zeit mal in einem Blogeintrag geschrieben, dass man Telefonbücher doch ruhig abschaffen könnte. Uh, Shitstorm. Einige Leute waren (gemessen an der Schärfe ihrer Reaktionen) offenbar der Meinung, dass ich vermutlich am liebsten alle Senioren ins KZ schicken würde, weil die alten Leute ja schließlich verloren und dem Tode geweiht wären, wenn man ihnen die Telefonbücher wegnehmen würde.
@ Klopfer
In der Tat ist das eine Überlegung, die man diskutieren könnte. Aus meiner ganz persönlichen Sicht hat die mögliche Abschaffung von Telefonbüchern auch nicht nur mit dem Netz zutun.
Privat habe ich meine Telefonbücher seit 15 Jahren nicht mehr "umgetauscht". Es ist simpel: Ich rufe nur Leute an, die ich kenne, insofern besteht bei mir kaum Bedarf, etwas im Telefonbuch nachzuschlagen. (Beruflich kann man Klicktel nutzen, obwohl da sicherlich weniger "Teilnehmer" verzeichnet sind als im gedruckten Telefonbuch.)
Ich hab auch noch ein Telefonbuch hier. Es hat den Vorteil das es keinen Computer zum nachschlagen braucht.
Eigennamen zu beugen, finde ich durchaus sinnvoll – es hört sich sonst ja auch irgendwie seltsam an. Es scheiden sich aber die Geister, wenn man z.B. sagt, man suche den "Alten Markt" – da wird man gleich freundlich 'korrigiert': "Zum 'Alter Markt' gehts da lang…"). ;-)
Hier sind die mittlerweile sogar so dreist und werfen einem diesen unnötigen Papiermüll direkt in den Briefkasten …
Eigentlich sollte man gedruckte Telefonverzeichnisse verbieten – alleine aus Umweltschutzgründen.
Meine Idee:
Postkarten werden an alle Haushalte verteilt und derjenige der ein T=elefonbuch braucht, füllt die Karte aus und sendet sie zurück.
@ RolandusMagnus
Sie werden es nicht glauben, das wird schon seit etlichen Jahren in D so gehandhabt. Weiß nicht, in welchem Land Sie die letzten Jahrzehnte gelebt haben.
Was bei dieser Überlegung allerdings etwas fehlt: Wenn ich ca. 40 Millionen Haushalte anschreibe und nicht weiß, wie viele antworten werden, muß ich doch allerhand Telefonbücher vorhalten, also irgendwas zwischen 10 bis 30 Millionen etwa.
@kai2: Versuchen sie das mal mit der Ausgabe Hamburg. 2 Bände, beide unfaltbar.
@anonym: Ich hatte "Das Örtliche" neulich vor der Haustür liegen. Und ich wohne in D.
@ alfred
Mag sein. Aber ich hatte dergleichen noch nie. Ich Berlin muß man sich sein Telefonbuch abholen, und sei es bei der Kette, wo man seine Lebensmittel einkauft. Da muß niemand das Buch mitnehmen. Und wie wollen Sie die doch voluminösen Telefonbücher in Mietshäusern (die in Berlin üblich sind)verteilen? Da müßten sie ja mit dem Tieflader vorfahren. Die Hausbriefkästen würden es auch nicht tun, bei vier oder fünf Bänden pro Haushalt.
Ich hatte letztens einen Vertreter von Facebook vor der Tür. Da habe ich das gleiche gemacht.
@anonym: Ja, da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Hier waren es auch drei Bände pro Haushalt. Und ehrlich gesagt: Ich war verärgert über den Service. Schließlich musste ich die Bände nun selbst entsorgen, die Altpapiercontainer waren aber schon voll. Raten sie mal, womit.
Ich habe hier ein Telefonbuch herumliegen, Gelbe Seiten, Gesamtumfang 864. Die Rubrik "Rechtsanwälte" beginnt auf S. 542 mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis, in dem die Fachanwaltssparten und "Schwerpunkte" aufgelistet sind. Anschließend zieht sie sich bis S. 604 ("Schwerpunkt Zwangsvollstreckungsrecht") hin, nach allerlei anderen illustren Schwerpunkten wie z.B. "Pferderecht". Die Rechtsanwälte füllen somit ziemlich genau 1/14 des gesamten Buches.
Ach ja, "Meinen Sie, dass eine Anwaltskanzlei keinen Telefonbucheintrag braucht?" – es gibt in der betreffenden Stadt mindestens einen Anwalt, der überhaupt nicht im Telefonbuch erscheint, auch nicht mit Basiseintrag, der also die obige Frage mit einem klaren NEIN beantwortet.
Klingt nach einem ehemaligen GEZ-Schergen. Nach dem Beschluss der TV-Steuer ab 2013 laufen viele von den frei rum.
#k.
@rjb:
Sie meinen mit einem klaren JA, oder?
@39: Ja, Sie haben es jedenfalls richtig verstanden.
@kai2: Hören Sie, Sie können doch nicht einfach so einen Gag, der schon in abgewandelter Form im Originalartikel zu finden ist, in den Kommentaren posten. Das geht doch nicht.
@Jan: Ich korrigiere mich: "[...] einen Gag, der schon im Originalartikel zu finden ist, in abgewanderlter Form in den Kommentaren posten", müsste es von mir heißen.