Energieintensiver Anbau

Eine Stromrechnung in ungewöhnlicher Höhe muss ein Mann bezahlen, der sich in Gelsenkirchen eine Wohnung gemietet hatte. In die Wohnung zogen in erster Linie nur Marihuana-Pflanzen ein. Die Lampen der Plantage betrieb der Mann mit geklautem Strom – und muss jetzt teuer dafür bezahlen.

Nachdem die Zimmerplantage aufgeflogen war, schätzte der zuständige Energieversorger aus Essen den Schaden auf 50.000 Euro. Genau ließ sich der Stromverbrauch für die Lampen und Klimaanlagen nicht ermitteln, weil der Mieter den Stromzähler überbrückt hatte.

Deshalb machte das Energieunternehmen von seinem gesetzlichen Recht Gebrauch, den Stromverbrauch zu schätzen. Und zwar für den gesamten Zeitraum von Juli 2007 bis August 2009, als die Polizei die Plantage entdeckte.

Das Oberlandesgericht Hamm hatte mit der Schätzung kein Problem. Wer sich illegal am Stromnetz bediene, müsse nachweisen, dass die Schätzung unrichtig ist. Das ist dem Betroffenen aber nach Auffassung der Richter nicht gelungen.

Sie gingen davon aus, dass der Mann seit seinem Einzug im Jahr 2007 die Plantage betrieb. Sie gewährten ihm lediglich einen “Rabatt” auf zwei Monate nach seinem Einzug, weil er in dieser Zeit die Plantage eingerichtet habe.

Die Polizei und ein Sachverständiger bestätigten, dass die Hanfaufzucht tatsächlich ungefähr die berechnete Energiemenge benötigte.

Oberlandesgericht Hamm, Urteil vom 7. Dezember 2012, Aktenzeichen 19 U 69/11

  • HugoHabicht

    das wunderlichste an dem Fall ist ja, dass der Deliquent sich gerichtlich gewehrt hat. Sowas wird ja sonst doch eher als Versäumnisurteil abgehandelt. Ob der Versorger wohl zu seinem Geld kommt?

  • Sebastian

    Und für den Stromdiebstahl und den Marihuana Anbau gabs nix?

  • Jens

    Die Stromsteuer- und EEG-Umlagen-Befreiung für energieintensive Betriebe kann er nachträglich nicht mehr beantragen?

  • HugoHabicht

    @Sebastian: Das hier ist Zivilrecht. Das Strafverfahren lief vor einem anderen Gericht und dürfte längst abgeschlossen sein.

  • Troll

    Und was ist wenn er gedacht hat er klaut den Strom von einem Günstigeren Anbieter?

  • Sebastian

    @HugoHabicht
    Danke :)

  • steskhouse

    @Troll: Dann ändert sich zivilrechtlich nichts am Anspruch, weil das vollkommen unerheblich ist.

  • Michael

    In der Sache macht der Beklagte geltend, dass die Schätzung der Klägerin lediglich auf den nicht begründeten Angaben der Polizeibeamten in dem Ermittlungsverfahren basiere. Eine eigene Ermittlung der Schätzungsgrundlagen habe sie nicht vorgenommen. Das LG hätte den Vortrag der Klägerin nicht als unstreitig ansehen dürfen, da ein Verstoß gegen § 18 I StromGVV vorliege. Tatsächlich sei der Stromverbrauch wesentlich geringer. Der Stromverbrauch habe nur in der Zeit von Anfang 2009 bis zu seiner Festnahme am 11.08.2009 stattgefunden, zudem in erheblich geringerem Umfang. Dieser Verbrauch sei zudem von dem Hauptzollamt in dem Steuerfestsetzungsverfahren bestätigt worden. Nachdem sich im Laufe des Berufungsverfahrens herausgestellt hat, dass der Stromzähler Im Januar 2008 ausgetauscht wurde, behauptet der Beklagte zudem, dass bei diesem Austausch die Manipulation hätte entdeckt werden müssen, wenn sie zu diesem Zeitpunkt bereits stattgefunden hätte. Hieraus ergebe sich die Richtigkeit seines Vorbringens zum Zeitpunkt des Aufbaus der Cannabisplantage und zum Beginn der unerlaubten Stromentnahme.

    quelle: http://openjur.de/u/618045.html

  • Michael

    Der Klägerin stünden demnach lediglich eine Vergütung von 4.979,78 € aus der Rechnung vom 29.10.2009 für den Zeitraum vom 27.09.2008 bis zum 17.08.2009 sowie die Kosten der Ab- und Anmeldung des Zählers (39,90 € + 71,28) und Mahnkosten von 20 €, zusammen also ein Betrag von 5.110,96 € zu.

    Mich schon gewundert wieso er sich gerichtlich gewehrt hat.
    Aber 5.110,96€ und 50.593,86€ das ist schon ein unterschied.

  • Hubertus

    Nur, woher will man wissen das bei soviel krimineller Energie die Manipulation rückgängig gemacht wurde beovr der Zähler gewechselt wurde?

  • Peter64

    Das sind überschlägig knapp 60 Ampere, und das 24/7, wenn sie einen gängigen Preis pro kWh angesetzt haben. Ich möchte den Stromanschluss einer Mietwohnung sehen, der da nicht anfängt zu kokeln.

  • Der Banker

    In der Sache macht der Beklagte geltend, dass die Schätzung der Klägerin lediglich auf den nicht begründeten Angaben der Polizeibeamten in dem Ermittlungsverfahren basiere. Eine eigene Ermittlung der Schätzungsgrundlagen habe sie nicht vorgenommen.

    Sicher? Es gibt entsprechende Versuchsanlagen:
    http://www.youtube.com/watch?v=E0eUiBSZ_AU

  • Hans

    @Hubertus: So Zählerwechsel werden häufig nicht gross angekündigt. Bei mir stand eines Tages der Mann vom örtlichen Netzbetreiber vor der Tür und verkündete, daß er nun den Zähler tauschen würde.

  • WPR_bei_WBS

    @Peter64:

    60 A in einer Wohnung sind jetzt ja nicht wirklich was spektakuläres. Soweit ich weiß haben die bei uns üblichen Drehstromanschlüsse pro Phase (davon gibts drei) in der Regel 63 A anliegen (also 3 * 63 A).

    Allein ein kleiner Durchlauferhitzer mit 18 kW (handelsübliche haben bis 33 kW Leistung) zieht dann ja schon ~72 A.

    Sie scheinen das mit der Grenze einer normalen Sicherung zu verwechseln. DIe liegt in der Tat bei 16 A – nur haben sie davon in ihrem Sicherungskasten höchst wahrscheinlich mehr als eine ;-).

  • Philipp

    Ich halte das durchaus für realistisch… die Lampen brennen ca. 18 – 20 Stunden am Tag und werden entsprechend Leuchtstark gewesen sein. Da können schon mal ein paar kWh pro Tag zusammenkommen.. und dann auf 2 Jahre überschlagen.. finde ich das nicht so unrealistisch..

  • Wolf-Dieter

    So, und jetzt wissen wir, wofür die LED-Birnen gut sind.

  • gerd

    Er hat jedenfalls recht gehabt den Zähler zu überbrücken. Hätte er das nicht gemacht, dann wären die Bullen bereits nach einem Jahr bei ihm aufgetaucht, weil der Versorger bei einer Rechnung von 25000 EUR sofort auf eine Plantage schließt und den Verdacht weiter gibt. Ich meine da gab es schon genug Fälle.

  • akbwl

    @Peter64: Bei 18 Stunden täglich für zwei Jahre sind das ca. 20 KW Anschlußwert. Das würde 7 ununterbrochen laufenden Wasserkochern entsprechen. Und das verkraftet die normale Hauselektrik spielend.

  • Hermann K.

    [ot] Fuer die naechste Linksammlung:

    Nur echte Deutsche mit deutschem Ausweis duerfen mit der Bahn fahren.

    http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelblog/bahnkundin-ohne-deutschen-pass-von-polizei-abgefuehrt-a-894980.html

    http://www.spiegel.de/video/kein-deutscher-pass-bahnkundin-von-polizei-abgefuehrt-video-1267061.html

    Bahn und Polizei. Dreckslaeden fuer Hirnlose.

  • yt

    Ich fand die Frage vom Troll gar nicht so uninteressant. Das ist für einen normalsterblichen nicht so leicht zu verstehen, wer was wie klaut.

    Mal so gefragt:
    Könnten nun andere Stromanbierter klagen, weil ihnen ja auch ein potentielles Geschäft durch die Lappen ging?
    Oder muss der Stromanbiert die 50 000 aufteilen?

    Irgendwie finde ich das ja nicht fair :)
    Andere sollen auch beklaut werden können.
    Oder ist das in dem Netznutzungsentgelt schon mit eingerechnet?

    Mit fraglichen Grüßen,
    yt

  • werner

    unsinn.. bevor man etwas klauen kann muss das zu Klauende auch da sein.

    Ein Anschluss zur Stromversorgung / Vertrag.. daraus ergibt sich der zuständige Anbieter und der Beklaute.

  • Sebastian

    @gerd:
    Warum sollte der Stromanbieter bei einer außergewöhnlich hohen Stromrechnung die Polizei informieren? Im Prinzip gibt es doch nur zwei Möglichkeiten:

    a) Es handelt sich um eine legitime Nutzung. Aufgrund des Hinweises beginnt die Polizei Ermittlungen, der Kunde findet heraus, wer ihn angeschwärzt hat, und wechselt den Energieversorger.

    b) Es handelt sich um eine illegale Nutzung. Aufgrund des Hinweises beginnt die Polizei Ermittlungen und sorgt für eine Stilllegung der illegalen Tätigkeit. Darauf hin sinkt der Stromverbrauch natürlich wieder auf ein niedriges Niveau.

    In beiden Fällen verliert der Anbieter einen luktrativen Kunden, ohne dass es irgendeinen Vorteil für ihn hätte. Der Energieversorger hat also überhaupt keinen Grund einen auffällig hohen Verbrauch an die Polizei zu melden, da ihm in jedem Fall nur Nachteile daraus entstehen.

  • gerd

    @Sebastian:

    ich meine mich sehr stark zu erinnern, dass es einige Leute mit einer Plantage gab, die aufgrund der zwar bezahlten, aber alles anderen als plausiblen Stromrechnung von dem Versorger ausgeliefert worden. Wenn tatsächlich 50 000 Euro Strom für eine Privatwohnung anfallen, die auch noch pünktlich bezahlt werden und die Wohnung in einem reinen Wohngebiet liegt, wodurch eine anderweitige Nutzung als ausgeschlossen gilt und der Verbrauch sich komplett zu dem des Vormieters unterscheidet, dann Läuten bei den Versorgern wohl die Alarmglocken.

  • leser

    @Sebastian:

    Derjenige, der den Hinweis an die Polizei gibt, muß nicht der Anbieter sein sondern kann auch der Ableser sein.

    Um die Zählerablesung und alles andere rund um den Zähler kümmert sich normalerweise der lokale Grundversorger (z.B. die Stadtwerke). Ist man bei einem anderem Anbieter Kunde, beauftragt und bezahlt der den lokalen Grundversorger entsprechend.

    Mal abgesehen davon, dass auch der Anbieter “aus Pflichtgefühl” oder “aus moralischen Gründen” handeln könnte und wirtschaftliche Erwägungen dabei hintenanstellen.

    Ebenfalls kann ich mir vorstellen, dass nicht mit der Polizei zusammenzuarbeiten deutlich anstrengender sein kann als das zu tun.

  • Scharnold Warzenegge

    Wenn man schon Gras anbaut und damit dicken Profit macht, muß man nicht auch noch Strom klauen.

    Wer Clever ist, der mietet eine Gewerbehalle und meldet als Stromkunde eine Lackiererei an. Oder einen anderen stromintensiven Betrieb. Da wird kein Stromlieferant mißtrauisch.

  • earendil

    @Jens: mmd :))

  • sebastian

    @Scharnold Warzenegge: Dann müsste man den Strom ja auch bezahlen.

    Der typische Kandidat hat das Geld NICHT zur Verfügung.

  • peter

    @sebastian:

    Der von ihnen angesprochene “typische” Kandidat hat wohl eher etwas im Bereich von 0,25-0,4KW. Bei einer Plantage von 20KW (!) sollte die Liquidität gegeben sein.

  • peter

    hoppla. kurzes Gedankenspiel noch mal.

    Gehen wir mal von einem halben Gramm Ertrag pro Watt Lampenleistung aus.
    10000 Gramm alle zwei Monate.

    Und einen realistischen Verkaufswert von einem Euro fünfzig.
    15.000 EUR alle zwei Monate.

    Abzüglich der Strom- bzw. Fixkosten sollten da immer noch 10.000 EUR alle zwei Monate bei raus springen.

    Macht in etwa ein Monatsgehalt von 5.000 EUR Netto aus.
    Je nachdem wie sicher er sein Geld angelegt hat sind 50.000 EUR gerade mal 10 Monate harte Arbeit. Sollte die Dauer der Bäuerlichen Tätigkeit in etwa stimmen, ist es nur verständlich das der gierige Stromanbieter ein Stück vom Kuchen will.

  • TKEDM

    @peter:

    Für 5.000 Euro netto pro Monat SO einen Aufwand?!
    Da such ich mir doch lieber einen normalen Job mit einem geringeren Gehalt. Vor allem im Hinblick darauf, dass die Strompreise sicherlich nicht sinken.

  • Roland B.

    Wenn er Beleuchtung und Bewässerung automatisiert, kann er ja nebenher noch einem lukrativen Job nachgehen. In der vollgepflanzten Wohnung hält er es ja sicher sowieso nicht allzu lange aus.

  • Uwe1164

    @Scharnold Warzenegge: Uwe1164

    Bei uns in der Straße gab es ein China-Restaurant. Ich habe mich gewundert, wie die über die finanziell Runden kamen, da dort nie was los war. Eines Tages hat dann der Dachstuhl gebrannt, und die Feuerwehr hat die Plantage gefunden. =:o

    Also ein Restaurant würde als Alibi-Stromverbraucher auch gehen :)

  • Sven

    Also das nächste Mal besser eine fette Solaranlage anschaffen oder das ganze im Gewerbegebiet als Rechenzentrum aufmachen.

  • Ingolf

    Hier mal meine Milchmädchenrechnung zum Thema:

    Der Typ hatte vielleicht Lampen für etwa 10.000 Watt verbaut. Genaues steht in dem Urteil leider nicht. Die laufen nur 12 Stunden pro Tag, also 5 kwh Verbrauch pro Tag. Belüftung etc. (laut Urteilsschreiben) nochmal 2 kwh, das läuft aber durchgehend. Also in der Summe 7 kwh pro Tag, über 2 Jahre lang, bei einem Preis von 25 ct pro kwh kommt man da bei lässigen 1225 Euro raus. Falls er 20 kilowatt an Beleuchtung verbaut hätte, wären es eben irgendwas um die 2000 Euro gewesen. So teuer ist das nicht. Selbst bei 50 kilowatt, und das ist schon utopisch viel, kämen am Ende keine 5000 Euro für 2 Jahre raus. Ich denke der Stromversorger “überschätzt” den Verbrauch gewaltig.

  • Rüdiger

    @ Ingolf:

    10 KW x 12h = 120 KWh Stromverbrauch pro Tag. Da können selbst Milchmädchen besser rechnen!

    @ Rest zur Frage, warum Stromanbieter/Ableser ungewöhnlich hohen Verbrauch melden. Es mag befremdlich sein, dass manche Menschen/Gesellschaften/Unternehmen nicht *nur* am eigenen Profit interessiert sind, sondern Straftaten (anderer) dafür nicht einfach in Kauf nehmen möchten, auch wenn hier vermutlich wieder wenige verstehen, wieso man Cannabis-Anbau dazu zählen kann.

  • wonko

    @Rüdiger:

    Es mag befremdlich sein, dass manche Menschen/Gesellschaften/Unternehmen nicht *nur* am eigenen Profit interessiert sind, sondern Straftaten (anderer) dafür nicht einfach in Kauf nehmen möchten

    Ja, gerade die Energieunternehmen sind als moralische Instanzen in diesem Land bekannt!

  • Rüdiger

    @ wonko:

    Genau auf dieses felsenfeststehende (Vor-)Urteil wollte ich ja hinaus. Denn das gilt erwiesermaßen für ausnahmslos jeden Beschäftigten in allen diesen Unternehmen: Vom vorwiegend liegenden Vorstandstvorsitzenden über den Buchhalter in der Verwaltung bis zum Ableser vor Ort.

  • schredder66

    @Rüdiger:

    Danke für diese Worte!

    Es ist selbstverständlich einfacher, mit dem Finger auf andere zu zeigen, besonders dann, wenn es “die da oben” sind oder Unternehmen, die den hart arbeitenden Michel ausnehmen wie eine Weihnachtsgans.

  • Siggi

    @schredder66:

    Isses denn nicht so?

  • wonko

    @schredder66:

    Es ist selbstverständlich einfacher

    Einfacher als was?

  • schredder66

    @Siggi / 39

    Ja, es ist so, aber nicht asuschliesslich. Auch ganz “normale” Michels sind in der Lage, wie “die da oben” zu agieren – und sie tun es. Zwar auf einem anderen Level, aber immerhin…

    @wonko / 40

    Einfacher als Fehler bei sich bzw. in seinem Handeln zu suchen, zum Beispiel…!?

  • Autolykos

    @schredder66: Und weil jeder kleine Michel es auch macht, hat niemand ernsthaft Interesse etwas dagegen zu tun. Deswegen kommen die Großen mit Korruption, Steuerhinterziehung, etc so gut davon.