In einer Art Stakkato

Der Bundespräsident ist doch für Überraschungen gut. Obwohl von Peter Hahne befragt, gelingen ihm bemerkenswerte Aussagen:

Besorgt zeigt sich der Präsident auch über die aktuelle Sicherheitspolitik – er zweifle erheblich daran, dass „Dinge wie die Tötung eines vermeintlichen Terroristen ohne Gerichtsurteil“ machbar seien, sagt Köhler. … Zwar habe Schäuble als zuständiger Ressortchef die Aufgabe, „sich den Kopf zu zerbrechen“, allerdings halte er „die Art, wie die Vorschläge kommen“, nämlich in einer Art Stakkato, für nicht optimal. Damit würden die Bürger unnötig verunsichert, fürchtet Köhler.

„Persönliche Zweifel“ habe er außerdem daran, dass etwa „die Tötung eines vermeintlichen Terroristen ohne Gerichtsurteil so von der leichten Hand“ gemacht werden könne, sagt der Bundespräsident. In diesem Punkt stünden noch Diskussionen aus – doch am Ende, da sei er sicher, finde man „eine Lösung, die unseren rechtsstaatlichen Prinzipien genüge tut“, sagt Köhler im ZDF.

Damit gibt der Bundespräsident wohl deutlich zu verstehen, dass er von seinem Recht Gebrauch machen wird, neue „Sicherheits“gesetze auf ihre Verfssungsmäßigkeit zu überprüfen. Köhler hat bereits seine Unterschrift unter Gesetze verweigert.

Auch der SPD-Vorsitzende Kurt Beck scheint zu merken, dass Schäubles Pläne dem Rechtsstaat das Fundament entziehen:

„Wolfgang Schäuble hat Maß und Ziel verloren. Seine Vorschläge überdehnen den jetzigen Verfassungskonsens weit. Er will die Freiheit zu Tode schützen. Wenn ich am Ende überall überwacht werde wie in einem diktatorischen System, wenn niemand mehr weiß, ob auch die persönlichsten Dinge im eigenen PC geschützt sind, dann sind die Grenzen des Zulässigen weit überschritten“, sagte Beck weiter.

Die Art von Online-Untersuchungen, wie Schäuble sie will, werde es mit der SPD nicht geben. „Ich muss wissen dürfen, welche meiner Daten möglicherweise missbraucht worden sind und ich muss mich dagegen wehren können“, forderte der SPD-Vorsitzende.

Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar meldete sich zu Wort:

Schaar warf dem Gesetzgeber und den Behörden in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ vor, Aspekte der Sicherheit und der staatlichen Aufgabenwahrnehmung in vielen Bereichen „wesentlich höher zu gewichten“ als die Rechte der Bürgerinnen und Bürger. „Das ist, wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, eine bedrückende Perspektive“, sagte Schaar.

Mit dem Argument Terrorismusbekämpfung würden auch Maßnahmen durchgesetzt, die dieser letztlich gar nicht dienten. Viele Instrumente wie die Videoüberwachung würden später auch für andere Zwecke genutzt.

Zeitmanagement

Im Nachbarhaus sagte gerade ein Handwerker übers Mobiltelefon allen möglichen Leuten lautstark Bescheid, dass es nachher zehn Minuten später wird. Er hat ja so viel zu tun und wird nicht früher fertig. Dabei erzählte man sich natürlich noch dies und das, so dass die Aktion round about zehn Minuten dauerte.

Faszinierend.

Schiebetermin

Heute nachmittag noch ein sogenannter Schiebetermin. Das Gericht tagt nur wenige Minuten, um die Hauptverhandlung getreu dem Buchstaben des Gesetzes drei Wochen unterbrechen zu können. Während der Angeklagte dann weiter in der U-Haft schmort, fährt ein mir nicht näher bekannter Teil der fünf Richter in Urlaub.

Der ungewöhnliche Termin freitags um 15.30 Uhr ist dem Umstand geschuldet, dass ein Verteidiger heute früh einen Termin in den neuen Bundesländern hat. Und einer der Richter auf einer Fortbildung in Berlin ist. Da macht der Richter nach eigener Aussage heute früher Schluss, um noch einen Flieger oder ’nen schnellen Zug nach Düsseldorf zu kriegen.

Ob das klappt? Ich nehme mir auf jeden Fall was zum Lesen mit.

Durchsuchung im Atomkraftwerk

Durchsuchung im Atomkraftwerk – das dürfte eine Premiere sein. AKW-Betreiber Vattenfall hat wegen der Personalien eines Mitarbeiters so lange gemauert, bis die Staatsanwaltschaft Lübeck einen Durchsuchungsbeschluss beantragt hat. Dieser Beschluss wurde heute im Atomkraftwerk Krümmel vollstreckt, berichtet Spiegel online. Die Ermittler schauten sich im Leitstand und in den Büros um.

Nachtrag: Vattenfall soll den Namen freiwillig genannt haben, so dass eine Durchsuchung nicht erforderlich war.

Reuiger Sünder

Ein Mandant hatte es eilig. Quer durchs Land wurde er an einem Tag dreimal geblitzt. Leider waren alle Bußgeldbehörden so schlau, das Verfahren gegen ihn einzustellen. Sie haben nämlich gemerkt, dass der Mandant keinen Führerschein hatte.

Dabei hätte sich mein Mandant so über einen Bußgeldbescheid wegen überhöhter Geschwindigkeit gefreut. Gegen den Bescheid hätte er zwar Einspruch eingelegt, dann aber vor Gericht den reuigen Sünder gegeben.

Warum das Ganze? Das Urteil in der Bußgeldsache hätte eine Verurteilung wegen der Straftat Fahren ohne Fahrerlaubnis gesperrt (§ 84 Abs. 2 S. 1 Ordnungswidrigkeitengesetz), weil über den Sachverhalt bereits rechtskräftig entschieden gewesen wäre.

Durch die Aufmerksamkeit der Bußgeldstellen bleibt es leider bei der theoretischen Möglichkeit. Anscheinend läuft in den Ordnungsämtern routinemäßig eine Abfrage, ob der Betroffene überhaupt Auto fahren darf. War mir bisher nicht bekannt.

Reinen Tisch machen

Am Rande habe ich mit einem Ermittlungsverfahren zu tun, das aufgrund der Aussage eines selbsternannten „Kronzeugen“ in Schwung kam. Angeblich wollte der Mann auspacken. Reinen Tisch machen. Sich alles von der Seele reden.

Kernstück seiner Angaben war, dass Verbrechensopfer entsorgt werden, indem man sie an eine russische Fabrik liefert, in der sie zu Wurst verarbeitet werden. Die „Verdächtigen“, bei denen daraufhin die Polizei auflief, können heute noch nicht glauben, welchen Rattenschwanz an Ermittlungen, Hausdurchsuchungen, ED-Behandlungen und Vernehmungen das mit sich brachte.

Gefunden wurde nichts. Vermisst wird auch niemand. Man muss also nach dem derzeitigen Ermittlungsstand nicht zum Vegetarier werden.

Achtmal ist genug

„In Sachen K. ./. N. wird mitgeteilt, dass es sich um den achten Fristverlängerungsantrag handelt. Es wird darauf hingewiesen, dass eine weitere Fristverlängerung nicht mehr in Betracht kommt.“

Kein Fall von mir, ich schwör’s.

Vordrucke werden auch immer teurer

Wenn das Mahngericht was zu monieren hat, kriege ich immer einen leichten Horror. Die Antwort muss auf graue Blätter eingetragen werden. Gestaltung und Inhalt überfordern mitunter. Diesmal hat sich das Gericht darüber beschwert, es seien Auslagen/Nebenforderungen eingelesen worden, „deren Höhe zweifelhaft erscheint“.

439,40 Euro für Vordruck/Porto? Okay, in diesem Fall haben wir wohl zu hoch gegriffen. Oder sind, um genau zu sein, wohl in der Zeile verrutscht.

Formular-Muffel

Wer Prozesskostenhilfe will, muss eine Erklärung über die persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse ausfüllen. Das sind ganze zwei Seiten mit Ankreuzfragen; eigentlich nicht sonderlich kompliziert.

Da begeistert es mich natürlich, wenn der mögliche Antragsteller nur seinen Namen und seine Adresse einträgt. Sonst nichts. Die Unterschrift fehlt leider auch.

Ich gebe das Formular zurück. Verbunden mit dem Angebot, es gemeinsam auszufüllen. Oder einen Vorschuss zu zahlen. Wobei ich jetzt nicht sage, was mir lieber wäre.

Eine Frage, Lachmann

WELT-Autor Günther Lachmann meint, weil viele Menschen eine Payback-Karte nutzen und noch viel mehr ein Handy bei sich tragen, gebe es keine Einwände mehr gegen staatliche Überwachung:

Wir Naiven! Wir fürchten uns vor dem Orwell-Staat und haben uns doch längst einer grenzenlosen Überwachung ausgeliefert. Wir lamentieren über Wolfgang Schäubles Pläne zur Verschärfung der Sicherheitsgesetze ohne wahrhaben zu wollen, dass Schäuble eigentlich nur das konsequent zu Ende denkt, was wir seit Jahren praktizieren, nämlich die leichtfertige, bedenkenlose Preisgabe fast unseres gesamten Lebens an ein immer gieriger werdendes Spionagesystem. Warum, so denkt wohl Schäuble, sollten wir dem Staat diesen Persönlichkeits- und Charakter-Striptease verweigern, wenn wir doch vor jedem Marktschreier unaufgefordert alle Hüllen fallen lassen?

Das sind doch beachtliche Argumente. Schaffen wir die Ärzte ab, weil wir ohnehin mal sterben. Tun wir nichts mehr für die Umwelt, weil den ganzen Dreck kriegen wir sowieso nicht weg. Und binden wir Mitmenschen, die zur Zigarette greifen, künftig auf den Kamin des nächsten Kohlekraftwerks. Rauch ist Rauch, das tut sich nichts.

Gut, dass den Leuten das mal einer erklärt.

Ich hätte da nur noch eine Frage, Lachmann: Gibt’s womöglich doch einen klitzekleinen Unterschied zwischen dem Kaufhof und einem Internierungslager?