MÜHSELIG
Das Leben als Anwalt kann mühselig sein. Wenn man zum Beispiel eine Forderung einklagt, die sich aus komplizierten Rechnungsposten ergibt. Dann teilt die erste Richterin, die am Landgericht mit der Sache befasst ist, ihre Bedenken mit. Sie bemängelt diese Position und jene Berechnungsweise, beklagt im Juristendeutsch, die Klage sei “nicht schlüssig”.
Es wird also fleißig nachgebessert. 15 Seiten Schriftsatz, Tabellen inklusive, etliche Anlagen. Mittlerweile ist ein Jahr ins Land gegangen. Ein anderer Richter ist zuständig. Der kann zwar nicht verstehen, was seine Vorgängerin zu bekritteln hatte; dafür hat er aber andere Probleme entdeckt.
Um es abzukürzen: An der Klage, die aus dem Jahr 2001 stammt, haben sich danach noch zwei weitere Richterinnen abgearbeitet. Jeweils mit dem Ergebnis, dass Bedenken gegen die “Schlüssigkeit” bestehen. Und zwar jeweils neue.
Na ja, jetzt wurde die Sache erneut vertagt. Die derzeitige Richterin will schriftlich darauf hinweisen, was ihr an der Klage nach wie vor Kummer bereitet.
Ich blinzle in die Sonne und freue mich.
Mein Mandant ist der Beklagte.
Gerade im Inkassobereich soll es ja Leute geben, die sich mit so etwas besonders gut auskennen und auch schneller als Gerichte arbeiten…
Inkassobereich? Wenn die Forderung bestritten wird, geht ohne Gerichte gar nix. Dazu sind sie übrigens auch da, um über streitige Ansprüche zu entscheiden.
@Ingmar:
Du denkst zu juristisch ;-) – gelegentlich hat die normative Kraft des Faktischen eine ganz eigene Schönheit.
In die Sonne blinzeln? Gerade finde ich D'dorf blöd – bei uns siehts heute <a href='http://www.stadtwerke-flensburg.de/index.php?id=233' rel="nofollow">so</a> aus.
das ist doch ganz klar, wie das funktioniert: der (probe-)richter weiss, dass er nur noch 6 monate in dem dezernat sitzt. da hat er zwei möglichkeiten: entweder er setzt eine große hauptverhandlung an, erhebt beweis und muss schlussendlich ein langes urteil schreiben und viel rechnen. schlechte entscheidung, da ist nix mehr mit in die sonne blinzeln, wenn er das zu oft macht. die andere möglichkeit ist da schon verlockender: man schreibt dem kläger einen kurzen brief: unschlüssig, bitte nachbessern. dann wird der anwalt um eine fristverlängerung (und dann noch eine, der jahresurlaub steht ja schliesslich an) bitten. die gegenseite muss danach auch noch stellung nehmen und bittet auch noch mal um verlängerung (und dann viellecht noch mal wegen erkrankung). und schon hat der richter die sache ausgesessen, soll sich doch sein nachfolger damit herumschlagen …..
so läuft das nun mal im zivilrecht …..
Klasse und der Kläger bleibt auf seiner Kohle sitzen und kann selber Rechnungen nicht bezahlen. Die uahl der Insolvenzen in Deutschland wegen der schlechten Zahlungsmoral setigt immer stärker an, aber die Juristerei lebt davon ja ganz gut, deshaln können Sie auch leicht ironisch darüber schreiben und in die Sonne blinzelen. Anwälte bekommen ihr geld nämlich immer, auch wenn es schief geht oder der Richter, wei hier keine Lust hat. Das finde ich ganz schön schlimm und nicht zum blinzeln!
@Patrick:
100% ACK
Der Richter wird einen Vergleich vorschlagen, dann braucht er sich nämlich nicht mit der Sache beschäftigen. Stimmt der Beklagte nicht zu, wird die Sache ausgesessen, bis einer aufgibt. Rechnungen der Gegenseite sind prinzipiell nicht prüffähig, egal, wie ausführlich sie sind.
Wer will in diesem Land eigentlich noch selbstständig arbeiten?
@Patrick & hugo:
Gut gebrüllt, Löwe (wenn auch vielleicht einen Hauch wenig differenziert).
Vielleicht wäre der <a href='http://www.michaelis-bund.de/' rel="nofollow">Michaelis-Bund</a> ja was für die Verdrossenen?
Ich finde die Idee total banane, schon alleine weil das abgegebene Versprechen, nicht über die ohnehin bestehenden Verpflichtungen hinausgeht – mal davon abgesehen, dass die einseitige Begünstigung der Mitglieder ein gefundenes Fressen für den Staatsanwalt und den Insolvenzverwalter ist.
Aber das ist natürlich nur meine Meinung.
So, nun muss ich aber schleunigst wieder an die Arbeit, und mich an den von mir tyrannisierten Selbständigen bereichern. – das Recht ist eben für die Wachen da, gell?
@ Hugo:
[Wer will in diesem Land eigentlich noch selbstständig arbeiten?]
IMO interessanter ist die Frage, wer hier noch legal arbeiten will.
Der Ehrliche ist praktisch immer der Dumme. Betrüger haben in Deutschland idR nur dann etwas zu befürchten, wenn der Betrogene der Fiskus ist.
Oder er die einzig reale Chance nutzt, um an sein Geld zu kommen:
http://www.russisch-inkasso.de
Gruß A. John
Sorry wegen der vielen Vertipper in meinem Kommentar weiter oben!