30.6.2006

Ohne Zuschlag

“Sagen Sie doch noch mal dem Vorsitzenden Bescheid, dass wir gern spätestens um 15 Uhr Schluss machen möchten.”

Mein Mandant war heute der letzte, den das Personal im Zellentrakt des Landgerichts bewachen musste – bis zum letzten Transport in die Justizvollzugsanstalt. Die anderen Kammern, bei denen Inhaftierte vorgeführt wurden, hatten schon wesentlich früher ihre Sitzungen beendet.

Die schlimmsten Befürchtungen im Wachraum erfüllten sich aber nicht. Um 14.03 Uhr war auch unsere Sitzung zu Ende. Meine Mitverteidigerin und ich schäkerten, dass wir noch gerne zwölf Minuten gemacht hätten. Wegen des Zuschlags, den es ab fünf Stunden Hauptverhandlung gibt. Der Vorsitzende bekam das mit und war sogar bereit, für uns noch einmal in die Hauptverhandlung einzutreten. Wir mussten sowieso noch neue Termine ausgucken, so dass das sachlich auch in Ordnung gegangen wäre.

Aber leider hatte das Personal, das den Zuhörereingang aufschließt, anscheinend schon die Flucht ergriffen und war auf dem Weg in den Fußballnachmittag. Ohne Öffentlichkeit keine Hauptverhandlung. Ohne Hauptverhandlung kein Zuschlag von 178,00 €.

Aber immerhin ein feiner Zug des Vorsitzenden, das muss ich sagen.

6 Kommentare zu “Ohne Zuschlag”

  1. han meint: (30.6.2006 um 16:28) AntwortenReply to this comment

    Fraglich nur, ob es ein feiner Zug von dir gewesen wäre.

  2. Udo Vetter meint: (30.6.2006 um 16:31) AntwortenReply to this comment

    Ja, ich weiß. Auf der einen Seite über hohe Steuern jammern, auf der anderen schamlos abkassieren.

  3. M. meint: (30.6.2006 um 17:22) AntwortenReply to this comment

    UND DAS VON MEINEN STEUERGELDERN!!!

    Naja, wenn ich sehe, wie wenig Kohle ein Beratungsschein für oft einen halben Tag Arbeit bringt, gönne ich Euch ab und an die Mischkalkulation.

  4. NeueLeserin meint: (30.6.2006 um 19:15) AntwortenReply to this comment

    Herr Vetter, so angetan ich von Ihrem lawblog bisher bin,
    sie definieren sich doch nicht über etwas so profanes wie Geld ?

    'auf der anderen schamlos abkassieren.'
    ,
    was ohne den Vorsitzenden Herrn R. nicht gelungen wäre.

    Aus "Respekt vor den Gerichten und den Staatsanwaltschaften"
    verbleibe ich ohne Worte.

  5. Ein Anonymus meint: (2.7.2006 um 00:03) AntwortenReply to this comment

    Irgendwie finde ich den Sinn dieser Zulage fragwürdig.
    Was wäre, wenn es nur eine Minute gewesen wäre ?
    Wenn eine Minute über 178€ entscheiden kann, und so sieht es für mich als Laien aus, ist das eher ein Systemfehler.

  6. Urmel meint: (2.7.2006 um 10:45) AntwortenReply to this comment

    @5
    Irgendwo gibt es immer Grenzen – um mal mit ner Binse zu antworten. In anderem Zusammenhang entscheidet 1 Euro über 345,– plus Miete plus Krankenversicherung, oder in noch anderem eine Minute über 15 Stunden über dasselbe.

    Ganz nahe am Grenzbereich wird es immer entweder unscharf oder scheinbar "ungerecht" – egal, wo Sie hingucken.

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