Weiterhin nur Papierwahl?
Anfang des Monats veröffentlichte ein Team der holländischen Initiative “Wij vertrouwen stemcomputers niet” und des Chaos Computer Club ein Studie zur Sicherheit des Wahlcomputers ES3B des holländischen Herstellers Nedap. Etwa 90% der Wählerstimmen werden in Holland durch diesen Wahlcomputer erfasst, das nächste Mal am 22. November für das holländische Gegenstück zur Bundestagswahl.
Dementsprechend war auch das Echo auf diese Studie – denn sie war effektiv eine komplette Demontage dieses Wahlcomputers. Konkret nachgewiesen wurde, dass
- Ohne Manipulation am Wahlcomputer per Funk überprüfbar ist, wie der jeweilige Wähler abstimmt – und das als Beweis dann auch gleich auf einem Navigationssystem vom Typ “TomTom Go” implementiert wurde,
- dass es problemlos möglich ist, Software zu implementieren mit der das Wahlergebnis beliebig fälschbar ist,
- dass die mechanische Sicherung des Wahlcomputers ausschliesslich ein sehr einfaches Schloss ist, für das man für etwa einen Euro im Fachhandel jederzeit Nachschlüssel bestellen kann,
- und dass auch ein Schachprogramm in den Wahlcomputer eingespielt werden kann.
Letzteres deshalb, weil so bewiesen wurde, dass es sich bei dem ES3B eben nicht um eine Art Maschine handelt, die ausschliesslich für eine Wahl geeignet ist, sondern um einen Computer, der beliebige Software ausführen kann. Ein amüsanter weiterer Grund, warum es unbedingt Schach sein musste, findet sich in der Studie erwähnt:
It started with what we thought was a very obvious statement. We claimed on our website that the Nedap was just another computer, and that as such it could just as easily be programmed to play chess or to lie about the election results. We didn’t think more of it until Jan Groenendaal, placed a document on the Nedap/Groenendaal website to talk about our website “Wij vertrouwen stemcomputers niet”. In it, he says: “[…] And with regard to the claim that our machine can play chess: I’d like to see that demonstrated”.
So obviously, one of our first goals now that we had access to the device was to make it play chess.
Allerdings sind die Ergebnisse auch für Deutschland durchaus interessant – denn auch hier in Deutschland werden Wahlcomputer der Firma Nedap eingesetzt, die sich nur minimal von den holländischen Modellen unterscheiden. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die selben Probleme auch beim deutschen Modell existieren.
Das Thema ist daher durchaus umstritten – während der deutsche Vertrieb die Probleme abwiegelt, will die PTB, die Zulassungsstelle der Wahlcomputer, die Ergebnisse genau prüfen, und der CCC fordert gar das Verbot von Wahlcomputern.
Auch eine Online-Petition mit etwa 15000 Unterzeichnern mit demselben Ziel existiert bereits, 50000 sind für eine Vorladung vor den Petitionsausschuss in den nächsten Wochen erforderlich.
Viele weiterführende Urls sowie ein Pressespiegel zum Thema finden sich auch auf den Seiten von wahlrecht.de.
Kallisti!
(Autor: fh)
50000 unterschriften? wie kam das im vor-online zeitalter jemals zustande?
dürfte auch jetzt noch schwierig sein.
Mehr als 70.000 Unterschriften für das Volksbegehren von "Mehr Demokratie": Ist das ein Schlag ins Gesicht der SPD?
"Das ist kein Zugewinn an Demokratie"
Die SPD ficht der Erfolg des Volksbegehrens nicht an. SPD-Abgeordneter Björn Tschöpe erklärt seine Ablehnung
Der Wahlschrank: chaosradio.ccc.de/media/pdf/der-wahlschrank.pdf
Also mal ganz ehrlich, wenn der Wahlcomputer bei uns kommt.
Wähle ich nicht mehr.
Warum auch?
Ändere ich denn dann noch das Wahlergebnis mit meiner Stimme???
Was mich so erstaunt ist mit welcher Vehemenz trotzdem versucht wird Wahlmaschinen einzuführen. Dass der Hersteller ein Interesse daran hat ist klar, aber warum Verantwortliche in Ministerien und Ämter wie PTB und BSI diesen Prozess mit vorantreiben ist mir unbegreiflich.
Für die Kommunikation zwischen Ministerien und Bonn-Berlin werden x-fach (auch von Dritten) getestete, dedizierte Verschlüsselungssysteme eingesetzt. Und für die Wahl, das Herz einer Demokratie, wird so fahrlässig bzgl. Sicherheit agiert ?
Finanzielle Gründe können/dürfen keine Rolle spielen, die Auszählungsgeschwindigkeit ist es wohl auch nicht, also warum sollten wir die Wahlmaschinen brauchen ?
An sich wäre die Benutzung von Wahlcomputern ja recht unproblematisch, wenn sie nur einen Beleg ausgeben würden, der weiter vom Wähler in eine Urne geworfen wird, so dass stichprobenmäßig und bei Verdacht auf Fälschung oder technische Fehler auch vollständig nachgezählt werden kann. Leider sind solche Systeme alles andere als üblich.
Allgemein finde ich Wahlcomputer allerdings überflüssig. Den möglichen Einsparungen bei der Wahldurchführung stehen erhebliche Anschaffungskosten gegenüber. Die Ersparnisse sind denn auch so hoch nicht, denn allenfalls die Auszählung wird verkürzt, nicht die Öffnung der Wahllokale. Die schnellere Auszählung an sich bringt überhaupt keinen Nutzen, denn es ist schlichtweg egal, ob ein vorläufiges amtliches Endergebnis um 18:45 oder um 23:30 vorliegt.
>>Allgemein finde ich Wahlcomputer allerdings überflüssig. Den >>möglichen Einsparungen bei der Wahldurchführung stehen >>erhebliche Anschaffungskosten gegenüber.
Man könnte es auch: Wie spare ich an der falschen Stelle oder Deutschlands 100 schlechtesten Investitionen nennen.
>>aber warum Verantwortliche in Ministerien und Ämter wie PTB >>und BSI diesen Prozess mit vorantreiben ist mir >>unbegreiflich.
In 5 Jahren erfahren wir es vll. in den Medien :P.
Grade die Petition unterschrieben, und ich hoffe, alle anderen hier tun das auch.
ist doch alles kalter kaffee…
Chaosradio 117 – Wahlcomputer.
http://chaosradio.ccc.de/cr117.html
Mitschnitt vom Chaosradio auf Fritz. SEHR Informativ. Da kommt auch ein Holländer zu wort der erzählt, wie die Wahlen demnächst (!) in Holland alaufen sollen. Auszug: Man mietet! den Wahlcomputer plus die Personen, die ihn bedienen können und bekommt von IHNEN gesagt wie die Wahl ausgegangen ist.
Lustig auch, dass Holländer eine Verfassung haben, aber kein Verfassungsgericht.
@6 Mark Obrembalski
Hallo Mark
Das mit dem Zettel hat, meiner Ansicht nach den riesen Nachteil, dass dardurch einfacher Stimmern gekauft werden können. Bislang kann man zwar jemandem sagen "Ich geb dir 100 Euro wenn du mich wählst" aber dann kann der "Bestecher" nicht nachvollziehen, ob die 100 Euro wirklich eine Stimme gebracht haben. In der kabine war man ja bislang alleine. (Abgesehen von Briefwahl..)
Bei der Zettelausdruckmaschine kann man dann seine Stimmabgabe sogar jemandem Beweisen. Damit kann man dann viel besser Wahlbetrug machen. Auch kann einer, der den Zettel in die Hände bekommt, deine Wahl auslesen und dich evtl damit Erpressen.
Hat halt alles Vor und Nachteile…
Wo sind die ganzen Katzenbilder-Fans hin?
;-)
@Max
>>Bei der Zettelausdruckmaschine kann man dann seine Stimmabgabe sogar jemandem Beweisen.
Das kannst du doch auch bei der Wahlmethode: Zettel, wie wir sie z.Zt. verwenden machen. Ich glaube ich versteh dich nicht recht..
Bei dem Zettel geht es darum, selbigen *danach* immer noch in eine Urne zu werfen. Das Problem von Wahlcomputern ist *nicht* (nur) dass sie Wahlfälschung ermöglichen, sondern vor allem, dass es unmöglich wird, eine Fälschung per Nachzählung aufzudecken. Dies ist aber unbedingt notwendig. Die von CSU-Mitgliedern gefälschtre Kommunalwahl in Dachau 2002 belegt dies eindrucksvoll.
Eine sehr interessante Idee, wenn richtig umgesetzt, scheint mir hier der in Hamburg angedachte "Wahlstift" zu sein, ein normaler Kugelschreiber, aufgemotzt mit Kamera, Speicher und Scannermodul. Dieses Gerät ermöglicht eine ganz normale Wahl, zugleich wird aber auch die Stimme des Bürgers elektronisch gescannt. Damit wird die schnelle Auszählbarkeit des Ergebnisses gesichert, zugleich aber die Tür für eine ausführliche Nachzählung oder Kontrolle aufgelassen.
@Gabriel
Ich meine, dass wenn du gewählt hast, bisher, dann wirfst du deinen Wahlzettel in die Urne, und gehst dann aus dem Wahllokal und dann haste du nichts mehr, was du jemanden zeigen kannst, was du gewählt hast.
Bei der Wahlcomputerzählung kannst du deinen Zettel mit rausnhemen und dann "in der Stillen Gasse" jemandem zeigen und das Geld kassieren.
Bei der alten Wahlart geht das nur in dem, durch die Wahlhelfer und das Volk beobachteten Wahllokalen.
Und wenn man den Computerzettel dann auch in ne Urne werfen sollte, dann ist es ja egal, ob mit Computer oder ohne, dann kann man gleich beim Papier bleiben..
(ok, ist vermutlich zu paranoid gedacht..)
Max, jetzt haben es dir doch mittlerweile mehrere Leute erklärt, oder? Lies es dir doch bitte durch, und verstehe den Text auch inhaltlich. Ja, es geht darum, den Zettel in die Urne zu werfen. Und das macht deshalb Sinn, weil man mit der elektronischen Wahl eine schnelle Auszählung garantieren kann, worauf die Bürger ebenfalls ein Recht haben.
Dies ist insbesondere bei den bürgerfreundlihceren, demokratischeren Wahlsystemen der Fall, wo z.B. kumulieren und panaschieren real existierende Möglichkeiten sind. Diese Möglichkeiten sind sehr gut, weil dann die Bürger z.B. selbst beeinflussen können, welcher Kandidat in der Liste einer Partei weit nach oben, und welcher weit nach unten rückt. Ein effektives Mittel, korrupte Politiker zu disziplinieren, und Gute nach vorne zu pushen. Nachteil dieser Systeme ist, dass die Auszählung per Hand dadurch aber unangemessen lange dauern könnte. Und genau dieser Nachteil lässt sich durch z.B. den Wahlstift, notfalls aber auch durch einen Wahlcomputer mit Beleg, der in eine normale Wahlurne kommt, sehr gut beseitigen.
Deinen Text hab ich erst nachher gelesen, ok :)
So macht das natuerlich Sinn von wegen der schnelleren Auszählung
@Max
OK, wenn du meinen Text erst nicht gelesen hast, dann ist das in der Tat ein guter Grund. (Und ich dachte schon…) :-)
P.S.
Mir fällt gerade auf, dass der Maschinenraum wohl noch nicht die Zeitumstellung vorgenommen hat. Naja, ist ja auch erst früh morgens. ;-)
Nee, im Maschinenraum ist schon Aktivität und Vorbereitungen für das 2.0.5 Update. Ist behoben, danke für den Hinweis.
>>Und wenn man den Computerzettel dann auch in ne Urne werfen sollte, dann ist es ja egal, ob mit Computer oder ohne, dann kann man gleich beim Papier bleiben..
Ja, in der neuen CT (erscheint morgen) gibt es einen Artikel zu Wahlmaschinen. Die Zettel sollen stichprobenartig durchgezählt und mit den elekt. Wahlergebnissen verglichen werden.
Ich weiß auch nicht warum man nicht einfach beim Stift + Zettel bleibt, anscheind ist die Wahlmaschinenlobby ;) groß genug.
Grüße
Ich habe die Petition auch unterschrieben, halte die Grundidee aber prinipiell für richtig. Computergestützte Wahlverfahren machen demokratischere Wahlsysteme viel eher möglich. Nur darf das eben nicht so laufen, wie im Moment. Der Wahlstift könnte sich als prima Idee erweisen, wenn auch nicht mehr in Hamburg. Da hat die CDU-Ratsmehrheit das per Volksentscheid beschlossene neue Wahlrecht ja schließlich wieder abgeschafft, bevor es überhaupt ein einziges mal getestet werden konnte. Aber darüber jammern, dass die Bürger sich politisch nicht mehr für diesen Staat engagieren. Erinnert mich stark an das Gejammere der SED-Bonzen vor 17 Jahren.
Ich würde die Petition unterschreiben wollen, aber es erwartet doch wohl keiner von mir, dass ich auf einer gefakten Seite, die aufgemacht ist, als ob sie eine Seite des Deutschen Bundestages ist, Formulare ausfülle? Die Seite hat die URL itc.napier.ac.uk/e-Petiti...tition.asp?PetitionID=294. Die Bundestags Seiten beginnen aber mit http://www.bundestag.de/. Das sieht nicht gerade seriös aus und kompromittiert auch diese Seite hier erheblich.
Georg
Georg: Das ist kein Fake, und da ist auch nichts kompromittiert. Siehe bundestag.de/ausschuesse/a02/onlinepet/server.html
Das ist ja strange! Und meines Erachtens dann vom Petitions-Ausschuss / ITC nicht gut umgesetzt. Der Verdacht eines Fakes, gerade beim Thema Wahlbetrug bzw. Unsicherheit bei Wahlcomputern, liegt doch wohl nahe, wenn die Seite wie ein typischer Fake aufgemacht ist? Nicht der kleinste Hinweis auf das Fremd-Hosting auf der Petitions-Seite selbst, nur verbogene Links.
Wenigstens eine Sub-Domain (etwa petitionen.bundestag.de) hätte man den Schotten doch geben können.
fh: Danke für den Hinweis
@Georg
Immer mit der Ruhe. Der CCC weist auch darauf hin, z.B. bei
ccc.de/updates/2006/computerwahl-petition
Zitat:
: Die Petition findet sich auf den
: Seiten des International Teledemocracy
: Centre an der Napier Universität in
: Edinburgh.
Du kannst dich also wieder beruhigt schlafen legen. ;-)
@Ben: Koennte also ein Fake durch den CCC sein. :-)
Thomas