Was die 68er mit Diekmann machen
Heute um 9.20 Uhr berichtet BILDblog, dass BILD-Chefredakteur Kai Diekmann ein Buch geschrieben hat. Unter dem Titel “Der große Selbstbetrug” soll er mit dem Erbe der 68er abrechnen.
Gähn. Wäre da nicht eine saftige Erwiderung, die WELT-Kommentarchef Alan Posener auf die Onlineseite seines Blattes gesetzt hat:
Ah ja, klar. (…) Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts “bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer” zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen. (…) Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen Unterfangens begreift. (…)
Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man [bei "Bild"] Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?
Äh, hatte. Der Link funktioniert schon nicht mehr, wie auch BILDblog gerade meldet. Also, wenn Herr Posener Lust hat, kriegt er den vollständigen Text sicher auf unzähligen Weblogs unter, dieses eingeschlossen.
Nachtrag: Peter Turi veröffentlicht eine Stellungnahme des Springer Verlags:
Stellungnahme der Axel Springer AG zum Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann
Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.
Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.
Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.
Herrlicher Kommentar!
Hat den Springer-Konzernchefs wohl nicht so gut gefallen.
Im Google-Index ist der Text noch, aber leider kann man den Cache nicht abrufen…
http://www.google.de/search?hl=de&q=%22aber+scheinheilig+auf+der+Papst-Welle%22&meta=
Tststs, hat der gute Herr Posener wohl vergessen, wer ihm sein Gehalt überweist?
Dennoch, sehr guter Kommentar. Guter Mann! :)
Dazu fällt mir spontan folgendes Zitat von John Swinton aus dem Jahr 1880 ein (übersetzt aus englischer Sprache):
”Es gibt so etwas wie eine unabhängige Presse zu dieser Zeit der Weltgeschichte in Amerika nicht. Sie wissen das, und ich weiß es. Es gibt keinen einzigen unter Ihnen, der seine ehrliche Meinung zu schreiben wagt, und wenn Sie es täten, wissen Sie vorher, daß sie niemals gedruckt erschiene.
Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Meinung aus der Zeitung herauszuhalten. Andere von Ihnen kriegen ähnliche Gehälter für ähnliche Dinge, und einer von Ihnen, der so naiv wäre, ehrliche Meinungen zu schreiben, stünde auf der Straße und suchte sich eine andere Arbeit. Wenn ich es duldete, daß meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe der Zeitung erscheint, wäre meine Anstellung in weniger als 24 Stunden beendet. Oder, durchaus möglich, ich wäre tot.
Das Geschäft der Journalisten ist es, die Wahrheit zu zerstören, dreist zu lügen, zu verfälschen, zu verleumden, zu Füßen Mammons zu schleimen und ihr Land und ihre Rasse für ihr täglich Brot zu verkaufen. Sie wissen das, und ich weiß es. Was für ein Unsinn ist das, die unabhängige Presse zu loben? Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Leute hinter der Bühne. Wir sind die Hampelmänner; sie ziehen die Strippen, und wir tanzen. Unsere Begabungen, unsere Möglichkeiten und unser Leben sind alle Eigentum anderer Leute. Wir sind intellektuelle Prostituierte, Huren. Mehr nicht.”
Herr Posener hatte wohl keinen Bock mehr auf seinen Job ?!
@3 Ja! Guter Mann! Und sehr selten, so etwas Ehrliches zu lesen.
alp: Du weißt, dass das Zitat von 1880 ist?
BTW: Herr Posener hat recht gefestigte Ansichten in Bezug auf Zensur. http://notes.computernotizen.de/2007/05/09/wozu-zensur-gut-ist/
Sehr schön, die Fehlermeldung von der Welt.de-Seite (Hervorhebung von mir):
Schreibt man "Sich" tatsächlich groß?
klar schreibt man Sich groß, kommt doch von Sichen!
Na zum Glück habe ich den Kommentar heute morgen noch gelesen und auch gespeichtert.
Kleine Frage am Rande, wieso findet sich dieser Artikel nicht im Google Cache? Benötigt Google Zeit zwischen dem Indexieren und dem Speichern im Cache, unterlässt Google dies bei manchen Anbietern (wg. Urheberecht, aber z.B. alte, jetzt kostenpflichtige FAZ-Artikel sind noch erfasst) oder kann Springer bei Google darauf drängen, das der Artikel aus dem Cache verschwindet?
Letzteres ist der Fall: Man kann sich an Google wenden und einzelne Dokumente (oder auch ganze Domains) sowohl aus dem Suchindex als auch aus dem Cache löschen lassen.
Sicherlich gibt es da aber auch Möglichkeiten, den googlebot von vorneherein davon abzuhalten, eigene Inhalte zu cachen; denn die Tatsache, dass sich die angesprochenen alten FAZ-Artikel im Google-Cache finden, wird ja nicht nur den Lesern, sondern auch den Herausgebern auffallen …
Das geht ganz einfach:
meta name="ROBOTS" content="NOARCHIVE"
@ Nr. 10 (Dick, Dumm, Dau): Hm, wäre das unfein, dass hier zu veröffentlichen? Herr Vetter, hätten Sie was dagegen?
Fragen Sie Herrn Posener, ob er einverstanden ist. Ich veröffentliche den Artikel gerne.
#10: Man kann das Cachen durch geeignete Schlüsselworte verhindern.
@7 Torsten: Soll ich die Frage so verstehen, ob es mir bewusst ist (Ich habs ja oben drüber geschrieben, dass es von 1880 ist), oder ob ich mir sicher bin, dass es von 1880 ist?
Für den letzten Fall: Ja, ich habe schon verschiedene Quellen gesehen, die das Zitat auch anders datieren, aber die anderen Datumsangaben sind meist größer als das Todesjahr von John Swinton und post mortem Vorträge zu halten gestaltet sich meist als schwierig. Ok, vielleicht wars nicht genau 1880, aber ich würde sagen so um den Dreh.
Und ja, das Zitat ist alt,.. es gibt eben nichts Neues unter der Sonne.
[zitat]Alp meint: (9. 5 .2007 um 12:36)
Dazu fällt mir spontan folgendes Zitat von John Swinton aus dem Jahr 1880 ein (übersetzt aus englischer Sprache):(…)[/zitat]
das zitat steht im verdacht ein sogenannter urbaner mythos zu sein, da unterschiedlichste versionen kursieren.
sowohl die jahreszahl (zwischen 1880 und 1953 ist alles vertreten), als auch die postenbeschreibung (herausgeber, personalchef, chefredakteur, chief of staff)variiert beträchtlich.
alp: Sorry, die Einleitung hatte ich überlesen. Mein Fehler.
Nun, so wie es scheint hat Herr Posner einen "Maulkorb" bekommen:
"Nachtrag, 15.30 Uhr: Der Autor Alan Posener sagte auf unsere Frage nach dem Verbleib des Textes, er wolle sich dazu nicht äußern und bat dafür um Verständnis."
http://www.bildblog.de/2251/der-grosse-selbstbetrug-von-kai-diekmann
Aus rechtlichen Gründen werde ich den Text daher nicht posten. Aber man sollte die nächsten Tage über ab und zu die Suchmaschine der Wahl mit den bis jetzt veröffentlichten Ausschnitten füttern, es würde mich wundern wenn der komplette Text nicht mehr auftauchen würde.
Als nächstes rollt dann eine Abmahnwelle gegen die Blogs, die den Artikel zitiert haben, oder wie? (Zur sicherheit mal schnell nen Screenshot gemacht) Herr Diekmann verflucht sicherlich gerade das Mitmach-Netz. :D
Der Axel Springer Verlag hat eine Stellungnahme veröffentlicht. Siehe den Nachtrag oben.
soviel zum Thema Pressefreiheit, man kann zwar seine Meinung schreiben muss aber damit rechnen das sie zensiert wird, und der Verfasser gefeuert wird, oder zumindest ne Abmahnung kassiert…
Hm, beim Turi steht gerade
Ist das der lange Arm der Axel Springer AG?
An Posners Stelle würde ich mir das nicht gefallen lassen, von der Axel Springer AG öffentlich als "unkollegial" und seinen Artikel als die "Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen" dargestellt zu werden.
Das dann auch noch zusammen mit dem Schlagwort "Meinungspluralismus" wirkt auf mich ziemlich zynisch. Ich würde mir gern – durch lesen des Orginalartikels – selbst eine Meinung darüber bilden können, aber dass scheint sich ja erledigt zu haben.
Dass man die Seite von Peter Turi nicht erreicht, hat mit Diekmanns Zorn nix zu tun, oder???
Kreative Stellungnahme: "Wir haben Meinungsvielfalt, aber das schließt nicht Kritik an anderen Leuten unseres Verlages mit ein". Die Löschung war schon ziemlich dumm, aber die Stellungnahme schießt den Vogel ab xD
Den vollständigen Text gibt es glaube ich hier:
http://www.c0t0d0s0.eu/archives/3116-Kai-Diekmann.html
Auf kress.de steht es jetzt auch – für Journalisten quasi amtlich. Ich glaube Posener braucht einen neuen Job…
@26:
Es handelt sich (leider) nur um einen Auszug (in etwa die "härtesten" 30%).
Es gibt auch YouTube für Dokumente: http://www.scribd.com
Vllt. findet sich dort demnächst der vollständige Text…
Udo, ich erinnere mich dunkel, dass du gelegentlich auch Arbeitsgerichtsprozesse machst. Konstruieren wir mal einen hypothetischen Fall.
Da macht ein Arbeitnehmer etwas unkluges und motzt öffentlich über einen Filialleiter seines Arbeitgebers. Zusätzlich zur internen Abmahnung (hypothetischen Fall) veröffentlicht der Arbeitgeber einen Text, in dem dem Arbeitnehmer öffentlich eine Entgleisung, unkollegiales Verhalten, Selbstprofilierung und Verächtlichmachung eines Kollegen vorgeworfen wird.
Könnte besagter Arbeitnehmer damit etwas Spaß beim Arbeitsgericht haben? Ok, der Job wäre wohl endgültig weg, oder?
Und jetzt schreibt auch der Spiegel drüber (ich hätte das ja bei Blldblog in die Kommentare geschrieben, aber die haben das ja leider nicht…)
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,482018,00.html
Ist eigentlich die Veröffentlichung von Screenshots der entsprechenden Artikel ein Verstoss gegen das Urheberrecht oder sonstwie justitiabel?
dabei heißt es doch so schön im GG: eine zensur findet nicht statt.
Das war keine Zensur … das war nur ein wenig dumm. Ohne die Löschung wäre das wahrscheinlich nicht nach kurzer Zeit einfach sang und klanglos versickert. Aber so … naja … das wird glaube ich noch fuer einigen Gesprächsstoff sorgen.
@ 32 du kannst dein screenshot ja bei flickr.com reinstellen und drauf verlinken ;-)
Es spielt keine Rolle, ob du den Text veröffentlichst oder ein Foto vom Text. Zulässig sind ohne ausdrückliche Genehmigung nur Wiedergaben im Rahmen des Zitatrechts. Allerdings kann es in Ausnahmefällen auch vom Zitatrecht gedeckt sein, den ganzen Text zu veröffentlichen.
Ich sage aber nicht, dass dies vorliegend der Fall ist.
Also ich muss gestehen, ich fand den Text unglaublich komisch. So viel Wahrheit in so wenigen Zeilen ;-)
Kann hier jemand mal nen Link zur Studie über die Leserschaft der Bildzeitung einstellen. Wäre sicherlich interessant
"Werte unserer Unternehmenskultur", haha, ich lieg am Boden …
Schade das ein Kommentar mit einem Link auf den vollständigen Text wieder entfernt werden musste.
Die vorhandenen Kommentare geben aber auch so schon genug Hinweise.
Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.
Wenn der Beitrag nicht der "Unternehmenskultur" entspräche, dürfte keine einzige Ausgabe der "BILD" erscheinen.
@37: So viel Wahrheit in so wenigen Zeilen ;-)
Die Wahrheit würde sich wohl anders lesen, wäre aber kaum noch durch Art. 5 GG gedeckt. Andererseits, wenn man bedenkt, welchen Dreck die "BILD" tagtäglich in die Öffentlichkeit erbricht…
@A.John: Die Bild kann man ja durchaus blumig beschreiben ;-)
http://eviltux.de/index.php?art5gg=weiter&id=1178730347&archive=&start_from=&rub=1&
Der Herr Turi macht sich da weniger Gedanken als der Herr Vetter. Ich verlinke Ihn mal: http://turi-2.blog.de/2007/05/09/alan_posener_wir_sind_papst~2240695
Wenn es Ihnen nicht passt, Herr Vetter, bitte einfach löschen…
Gestern war Poseners Artikel http://www.morgenpost.de/desk/862057.html
«Zukünftig trifft die Rudi-Dutschke-Straße auf den Axel-Springer-Straße
genau dort, wo das Verlagshaus Axel Springer steht. Und so kann jeder,
der dort vorbeifährt, sich künftig die Frage stellen, wer wirklich mehr
dafür getan hat, jene Freiheiten und jene Lebensart zu verteidigen, die
auch die taz-Redakteure als selbstverständlich betrachten. Eine
Straßenkreuzung als Denk-mal. Damit kann man leben.»
noch abrufbar. Heute nicht mehr, aber die Welt hat ihn noch:
http://www.welt.de/politik/article862057/Rudi-Dutschke-Strasse_Ecke_Axel-Springer-Strasse.html
Die Toleranz des Springer-Verlages, der als Kläger gegen die Umbenennung
auftritt, gegenüber dem Meinungspluralimus ihrer Autoren ist bemerkenswert.
@44: ??? Der Artikel hat im Kern doch eine ganz andere Aussage:
>
Ergänzung zu 45: Irgendwie ist die Hälfet vom Eintrag verschwunden, hier das Zitat aus dem Artikl:
Rudi Dutsche war zu Teenagerzeiten sein Idol. Trotzdem hält unser Autor es für eine Schnapsidee, die Kochstraße in Rudi-Dutschke-Straße umzubenennen.
Auch die SZ berichtet darüber> http://www.sueddeutsche.de/,tt6l1/kultur/artikel/730/113617/ (und traut sich auf den Volltext zu verlinken).
@45, 46: "Schnapsidee" hin oder her, Posener selbst schreibt – wie zitiert – "Zukünftig trifft die Rudi-Dutschke-Straße auf den Axel-Springer-Straße genau dort, wo das Verlagshaus Axel Springer steht. [...] Damit kann man leben."
Der Springer Verlag kann oder will aber mit der Umbenennung nicht leben:
http://www.tagesspiegel.de/berlin/nachrichten/strassenumbenennung/102180.asp
http://www.taz.de/dx/2007/05/10/a0148.1/text.ges,1
> Rudi-Dutschke-Straße
OT: wer zahlt eigentlich notwendige Änderungen der Adressanschriften, Briefpapier, Visitenkarten der betroffenen Anlieger im Falle einer Umbenennung. Oder ist das hier ein Beispiel für die Diktatur der Mehrheitsentscheidung?
Sorry :(