1.9.2010

Bewährungshelfer ächzen

Glaube, Liebe, Hoffnung sollten keine Nahrung für Urteile sein. Fakten sind gefragt. Und doch sitzt oft genug ein Strafrichter nach den Plädoyers von Anklage und Verteidigung, und er schreibt und grübelt und grübelt und schreibt. Er schwankt zwischen einer rheinisch-liberalen Entscheidung und einer eher preußisch-strengen. Wird die Strafe noch zur Bewährung ausgesetzt oder geht der Anklagte ins Gefängnis?

Bei Bewährungsstrafen sind die Bewährungshelfer gefragt. Sie sind mit manchen schwierigen Fällen überfordert und überlastet. „Wir sollen bei Sexualstraftätern“, so berichtet etwa Ulrich Öynhausen, der NRW-Landessprecher der Arbeitgemeinschaft Deutsacher Bewährungshelfer in Herford, „bestimmte Signale erkennen“. Aber welche sind das? „So was steht niemandem auf der Stirn geschrieben.“

So bewegen sich Bewährungshelfer mühsam im kalten Wasser. Eine Zahl kommt dazu, welche die ehemalige Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) einmal genannt hat. 64 Probanden sollen maximal auf einen Bewährungshelfer kommen. „Ich habe momentan 89 Menschen zu betreuen“, sagt Öynhausen stellvertretend für seine Kolleginnen und Kollegen, „und wenn ich gerade mal drei Feuer ausgetreten habe, gerät vielleicht das nächste ins öffentliche Blickfeld.”

Es seien die Jugendlichen (14-17 Jahre alt) und Heranwachsenden (18-21 Jahre alt), vor denen er oft „ratlos“ stehe: Viele Schulabbrecher sind darunter, für feste Arbeitsplätze nur schwer vermittelbar. Man müsse jede einzelne Betreuung ja auch dokumentieren, „sich nach Möglichkeit absichern“.

Im Bezirk des Landgerichts Kleve gibt es 20 Bewährungshelfer im Alter von 26 bis 64 Jahren. Die meisten sind diplomierte Sozialarbeiter oder Pädagogen. Alle betreuen sie rund 1.400 Straffällige. Das sind zwischen 50 und 70 pro Helfer, ein gerade noch günstiger Durchschnitt.

Deutlich darüber liegen Zahlen, die vom Landgericht Düsseldorf gemeldet werden. 73,5 Probanden pro Fachkraft in Düsseldorf, 76,7 Probanden pro Fachkraft in Neuss und 78,3 Probanden pro Fachkraft in Langenfeld. Beim Landgericht Essen kümmern sich insgesamt 94 Mitarbeiter (davon 68 Bewährungshelfer) um rund 4.400 Klienten. Die Durschnittsbelastung liegt demnach bei 76 Betreuungsfällen. Im Bezirk des Landgerichts Bielefeld sind es 72.

Als heikel empfindet der Landessprecher der Bewährungshelfer diese Zahlen. Denn eine offizielle Belastungshürde gibt es nicht. Deshalb ist der Landesverband derzeit auf der Suche nach einer Belastungsgrenze. Ulrich Öyenhausen spricht von 60 Probanden. „Mehr Lebensgeschichten sind in einem Jahr nicht verkraftbar.”

Beispiel: Ein 19-jähriger hatte sich in Düsseldorf zu verantworten. Er hatte andere misshandelt, einen Raub versucht. Dazu kam ein Diebstahl. Später Graffiti-Schmierereien. Gibt so einem ein Richter noch eine Möglichkeit zur Bewährung? Der junge Mann bekam sie.

Nun darf aber auch gar nichts mehr passieren. Dafür steht ihm ein Bewährungshelfer zur Seite. Einige Jahre lang. Aber was, wenn der ausfällt? „Es vergehen bis zu vier Monate“, so schildert es Öynhausen aus der Praxis, bis sich ein Kollege einarbeiten kann. Und der Vertreter soll dann – vielleicht schon nach einem Monat – bei einer nächsten Straftat eine Prognose stellen.

Eine günstige, eine schlimme? Eine, die eher auf Glaube, Liebe, Hoffnung beruht? „Wir arbeiten entlang von Fakten“, ist die vieldeutige Antwort von Johannes Bartel. Der Fachsprecher der Bewährungshilfe in der Dienstleistungsgewerkschaft verdi kritisiert den Zweck-Optimismus in der Justiz: „Wir haben in Köln das Modell des schnellen Strafverfolgungsweges für jugendliche Straftäter.” Das sei stets vom Justizministerium vermarktet worden. Tatsächlich liege die Überbelastung bei 93 Fällen pro Bewährungshelfer. „Bei uns“, sagt Bartel, „herrscht Ärger!“ (pbd)

7 Kommentare zu “Bewährungshelfer ächzen”

  1. düsseldorfer meint: (1.9.2010 um 15:13) AntwortenReply to this comment

    Womit man heutzutage mit einer Bewährungsstrafe davonkommt ist wirklich lächerlich. Das ganze Rechtssystem wird dadurch ad absurdum geführt. Und die Gefängnisse stehen leer.
    Schön dass man hier auch mal die Seite zu hören bekommt, die den ganzen Mist ausbaden darf (vom Volk abgesehen natürlich)

  2. Christian Unger (h.c.) meint: (1.9.2010 um 16:21) AntwortenReply to this comment

    Ich glaube Sie haben den Beitrag nicht verstanden..

  3. Vollzugsteilnehmer meint: (1.9.2010 um 16:27) AntwortenReply to this comment

    @düsseldorfer:

    (…) Und die Gefängnisse stehen leer. (…)

    Habe ich da in Ihrem Posting etwa ein(en) Ironie-Tag übersehen?

    Im übrigen bin ich der Meinung, dass die Wichtigkeit einer Betreuung entlassener Straftäter (oder Menschen, die zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurden) durch Bewährungshelfer überbewertet wird. Gut, bei Jugendlichen und Heranwachsenden, die orientierungslos im Leben schwimmen, mag Bewährungshilfe ein sinnvolles prophylaktisches Intrument sein. Trotzdem sollte man doch auch immer den Einzelfall im Auge behalten.

    Die Frage ist doch, inwieweit ein Bewährungshelfer überhaupt auf das Verhalten seines ihm anvertrauen Menschen Einluss nehmen kann, wenn er ihn doch gerade mal alle vier Wochen eine halbe Stunde lang sieht. So läuft das zumindest bei mir ab. Das einzige wirklich dringliche Problem, das ich während meiner nunmehr fast sechsjähringen (!) Führungsaufsicht hatte, konnte auch keiner meiner BW-Helfer lösen. Da sind auch Grenzen gesetzt.

    Aber ein netter Plausch mit einem intelligenten Menschen ein Mal pro Monat ist ja auch nicht ohne…

    Vollzugsteilnehmer

  4. Olli meint: (1.9.2010 um 19:28) AntwortenReply to this comment

    Es ist paranoid Absicht zu vermuten?

    Einmal spart es ja Geld und wenn wieder jemand rückfällig wird kann man sich mit dem Brüllen nach härteren Strafen direkt die Wiederwahl sichern.

  5. Christian meint: (2.9.2010 um 00:04) AntwortenReply to this comment

    In der Justiz und ihrer Rand"bezirke" fehlt es überall am Geld. Schön auch mal von diesem speziellen Metier zu lesen das man sonst kaum wahrnimmt.

  6. Kavi meint: (4.9.2010 um 17:29) AntwortenReply to this comment

    Es dürfte keinen schlimmeren Beruf geben als den des Bewährungshelfers.

    Er ist der Puffer zwischen der Justiz und dem Probanden. Er muss unrealistische Urteile ausbaden. Dazu ist er auch noch schlecht bezahlt und bekommt, wenn er Bewährungsauflagen beispielsweise durch gelegentliche Kneipenbesuche und Ähnliches mehr kontrollieren möchte, noch nicht einmal einen Spesenersatz. Darüber hinaus macht er es in seiner Freizeit.

    Vor etlichen Jahren, als ich noch in München lebte und für eine damals sehr seriöse Krankenversicherungsgesellschaft im Außendienst tätig war, gehörte die Bewährungshilfe München Land zu meinen Kunden. Einfach deshalb, weil der Chef jedem neuen Bewährungshelfer meine Dienste empfahl. Ich habe nirgendwo eine so große Fluktuation wie in der Bewährungshilfe erlebt.

    Die Sozialpädagogen kommen meistens mit großem Idealen zu dem Beruf und werden in der Bewährungshilfe geradezu verheizt. Durchschnittlich hielt es ein Bewährungshelfer nur ein Dreivierteljahr aus. Dann gab er auf.

    Was musste ich mir damals alles an Beschwerden anhören, die mit dem Krankenversicherungsvertrag überhaupt nichts zu tun hatten. Außerdem witzelte ich immer wieder, wenn ich dorthin kam, das Gebäude liegt im verrufenen Bahnhofsviertel, der Eingang befindet sich gegenüber einer Bank, im Erdgeschoss der Bewährungshilfe ist ein Waffengeschäft. Das passt doch zusammen.

  7. Manuela W. meint: (16.9.2010 um 16:02) AntwortenReply to this comment

    Niemals hätte ich gedacht, dass ich (nun seit einer Woche )Mutter eines strafffällig gewordenen Sohnes bin,2 Jahre Bewährung.Mein Sohn bekommt nun einen Bewährungshelfer, ich hoffe sehr, dass er die Chance nutzt, denn er hat jetzt Hilfe und die einmalige Chance nocheinmal alles anders zu machen, aber wer kümmert sich um die Mütter, die nicht mehr schlafen , nicht mehr essen können und nur noch Angst haben, das die Polizei vor der Tür steht?
    Ich habe alles für meinen Jungen getan, was ich konnte, leider ist er seit 2Jahren volljährg und ab da ging es nur noch bergab. seine "Freunde" zogen ihn mit und ständig war er überall dabei. Man ist als Mutter machtlos. Viele sagen zu mir" Lasse ihn los, lasse ihn fallen, du gehts kaputt!" Niemals würde ich das tun,dennich weiß das ich dann noch tiefer falle , als er schon gefallen ist.Mittlerweile hat er eine Lehre angefangen, ein kleiner Lichtstrahl.Ich glaube, liebe , hoffe weiter.
    Ich weiß, dass dies auch keine leichte Aufgabe für alle Bewährungshelfer ist, trotzdem schön zu wissen, dass auch für diese sogenannten Randgruppen einer für unsre Kinder, die leider nicht so sind wir wir sie gern erzogen hätten ,da ist.

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